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Bildrechte: picture alliance / AA | Mustafa Hassona

Der Nahost-Konflikt findet kein Ende. Nach Raketenangriffen aus dem Gazastreifen hat Israels Luftwaffe nach eigenen Angaben Häuser ranghoher Hamas-Kommandeure zerstört.

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Gazastreifen: Israel bombardiert Haus von Hamas-Chef

Die israelische Luftwaffe hat das Haus von Yahya Sinwar bombardiert. Das teilte die Armee mit. Sinwar ist Chef des Politbüros der Hamas im Gazastreifen und damit einer ihrer wichtigsten Repräsentanten. Offenbar befand er sich aber nicht im Gebäude.

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Von
  • Kilian Neuwert
  • BR24 Redaktion

Zu hören ist das Feuer israelischer Artillerie. Panzerhaubitzen haben an der Grenze zum Gazastreifen Stellung bezogen. Von dort aus nehmen sie am Morgen erneut Ziele in dem abgeriegelten Gebiet an der Mittelmeerküste unter Beschuss.

Bald eine Woche dauern die Kampfhandlungen nun an. Ein Ende ist nicht in Sicht. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verkündete in einer Ansprache, dass die Armee ihren Einsatz fortsetzen werde:

"Israel hat mit Nachdruck auf die Angriffe reagiert und wir werden fortfahren konsequent auf diese zu antworten bis die Sicherheit unseres Volks wiederhergestellt ist. Hamas zu bekämpfen, dient nicht nur dem Interesse Israels. Es dient den Interessen aller, die Frieden, Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten suchen." Benjamin Netanjahu

Zuletzt machte eine Meldung über einen Angriff auf das Haus von Yahya Sinwar Schlagzeilen in Israel. Die israelische Luftwaffe hat es einer Mitteilung zufolge bombardiert. Sinwar ist Chef des Politbüros der Hamas im Gazastreifen und damit einer ihrer bedeutendsten Repräsentanten. Offenbar befand er sich aber nicht in dem Gebäude.

Die israelische Armee setzte damit ihre gezielten Angriffe auf Häuser von Hamas-Funktionären fort. Das Haus Sinwars habe als "militärische Infrastruktur der Terrororganisation gedient", heißt wörtlich in der Mitteilung.

Angriffe auf Raketenabschusseinrichtungen

Israel will die militante Palästinenserorganisation empfindlich treffen und ihr eine militärische Niederlage zufügen, von der sich die Hamas auch längerfristig nur schwer erholen kann. Die Angriffe der letzten Tage galten Produktionsstätten, Raketenabschusseinrichtungen oder Tunnelsystemen, erläuterte ein Armeesprecher: "So, wie wir das einschätzen, haben wir Hamas und den Islamischen Dschihad deutlich geschwächt, was die Produktion neuer Raketen angeht. Und das ist sehr wichtig für die Zukunft. Hamas wird nicht fähig sein, die Raketen wiederherzustellen, die sie jetzt abfeuern. Und wenn sie keine Raketen starten können, heißt das, dass die Chancen für Stabilität größer sind. "

2.900 Raketen auf Israel

Auf etwa 2.900 beziffert die israelische Armee die Zahl der Raketen inzwischen, die aus dem Gazastreifen auf Israel gefeuert wurden. Die meisten, die bewohnte Gebiete bedrohten, habe man abfangen können, heißt es. Doch zuletzt gestern starb ein Mann bei einem Einschlag. Insgesamt schossen radikale Palästinenser aus dem Küstenstreifen seit Montag rund 2.900 Raketen auf Israel ab. Etwa 450 von ihnen stürzten nach israelischen Angaben auf dem Gebiet des Gazastreifens ab, rund 1.150 weitere wurden vom israelischen Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen. Durch die Raketenangriffe wurden in Israel zehn Menschen getötet, unter ihnen ein Kind und ein Soldat. Mehr als 560 Israelis wurden verletzt.

Mindestens 170 Tote in Gaza

In Gaza beziffern örtliche Behörden die Zahl der Toten auf mindestens 170. Darunter Kämpfer von Hamas und islamischem Dschihad. Die Zahl der Verletzten liegt bei über 1.200. Besonders leidet die Zivilbevölkerung – der dicht bebaute Gazastreifen bietet kaum Schutz, was auch Aufnahmen von der Beerdigung einer Familie verdeutlichen: Männer skandieren Parolen, tragen in weißes Tuch gehüllte leblose Körper, über die palästinensische Fahnen gebreitet sind. Es handelt sich um die Leichen von acht Kindern und zwei Frauen. Sie starben bei einem Luftangriff.

Israel betont, man versuche zivile Opfer zu vermeiden, jedoch nutze die Hamas Zivilsten als Schutzschild.

Israelisches Militär beschoss Hochhaus mit Medienbüros

Am Samstag hatten israelische Raketen ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen zerstört, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor telefonisch aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

Die Nachrichtenagentur AP reagierte entsetzt. "Das ist eine unglaublich beunruhigende Entwicklung", teilte AP-Präsident Gary Pruitt am Samstag in New York mit. "Wir sind nur knapp einem schrecklichen Verlust von Menschenleben entgangen." Ein Dutzend AP-Journalisten und freie Mitarbeiter sei rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden.

Laut israelischer Armee nutzte die militante Palästinenserorganisation Hamas das Gebäude. Unter anderem für geheimdienstliche Einrichtungen, Zivilisten seien als Schutzschilde missbraucht worden, hieß es. Am Abend hatte ein israelischer Armeesprecher gegenüber Reuters erklärt, den Leuten sei genug Zeit gelassen worden, um das Gebäude zu räumen - obwohl man gewusst hätte, dass diese Zeit auch von Hamas und dem Islamischen Dschihad genutzt werden würde, um wichtige Ausrüstung zu retten. "Aber das ist ein militärischer Verlust, den wir bereit sind hinzunehmen, um zivile Opfer bei der Zerstörung des Gebäudes zu verhindern."

Netanjahu: Militäreinsatz wird "so lange wie nötig weitergehen"

Weiter erklärte ein Armeesprecher am Samstagabend in Tel Aviv: "So wie wir das einschätzen, haben wir Hamas und den Islamischen Dschihad deutlich geschwächt, was die Produktion neuer Raketen angeht. Und das ist sehr wichtig für die Zukunft. Hamas wird nicht fähig sein, die Raketen wiederherzustellen, die sie jetzt abfeuern. Und wenn sie keine Raketen starten können, heißt das, dass die Chancen für Stabilität größer sind."

Mit dieser Andeutung schien er zu bestätigen, worüber sich viele Beobachter längst einig waren. Und er nahm vorweg, was Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu später im Israelischen Fernsehen verkünden sollte: "Israel hat mit Nachdruck auf die Angriffe reagiert und wir werden fortfahren konsequent auf diese zu antworten bis die Sicherheit unseres Volks wiederhergestellt ist. Hamas zu bekämpfen dient nicht nur dem Interesse Israels. Es dient den Interessen aller, die Frieden, Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten suchen."

Netanjahu sagte, der Militäreinsatz gegen die Hamas werde "so lange wie nötig weitergehen". Man müsse zunächst die Infrastruktur der islamistischen Hamas zerstören. "Uns stehen noch schwere Tage bevor, aber wir werden sie gemeinsam durchstehen und siegen", so der 71-Jährige.

Der Führungsriege der militanten Palästinenserorganisation Hamas drohte die israelische Armee mit gezielter Tötung. Schon am Samstagabend hatte sie Häuser hochrangiger Hamas-Funktionäre angegriffen. Zuvor war unter anderem ein großes Tunnelsystem bombardiert worden.

Internationale Vertreter zutiefst beunruhigt

UN-Generalsekretär António Guterres reagierte besorgt auf die jüngsten Entwicklungen. Sein Sprecher Stéphane Dujarric teilte in New York mit, Guterres sei "zutiefst beunruhigt über die Zerstörung eines Hochhauses in Gaza-Stadt durch einen israelischen Luftangriff, in dem sich die Büros mehrerer internationaler Medienorganisationen sowie Wohnungen befanden".

Er sei zudem bestürzt über die steigende Zahl von zivilen Opfern, einschließlich des Todes von zehn Mitgliedern einer Familie, darunter Kinder, nach einem israelischen Luftangriff auf das Flüchtlingslager Schati im Westen von Gaza. Er erinnere alle Seiten daran, jeder willkürliche Angriff auf zivile und mediale Strukturen verstoße gegen das Völkerrecht.

Noch im Lauf des Tages wird Guterres im UN-Sicherheitsrat zur eskalierenden Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis sprechen. Der Sicherheitsrat hatte sich diese Woche bereits zwei Mal zu diesem Thema getroffen. Die USA - der wichtigste Verbündete Israels - hat eine gemeinsame Stellungnahme des Gremiums bislang verhindert.

EU-Außenminister berufen Krisensitzung ein

EU-Chefdiplomat Josep Borrell führte Gespräche mit den Konfliktparteien. Er verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen und sagte, Israel habe das Recht seine Bevölkerung zu schützen, müsse aber angemessen handeln und zivile Opfer vermeiden. Die EU-Außenminister wollen sich am Dienstag zu einer Krisensitzung zusammenschalten. In der Videokonferenz werde es darum gehen, wie "die EU am besten zu einem Ende der derzeitigen Gewalt beitragen" könne, teilte der Borrell am Sonntag via Twitter mit. Die Zahl der zivilen Opfer durch die gegenseitigen Angriffe bezeichnete er als "inakzeptabel".

US-Präsident Biden telefonierte mit Netanjahu und Abbas

Ob Vermittlungsversuche – auch seitens der USA und von Ägypten – erfolgreich sein könnten ist unterdessen weiter offen. Für den heutigen Sonntag ist auch eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York angesetzt.

Angesichts der Gewalt telefonierte US-Präsident Joe Biden mit Israels Ministerpräsident Netanjahu und mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Das Weiße Haus teilte zu dem Gespräch mit Netanjahu mit: "Der Präsident bekräftigte seine nachdrückliche Unterstützung für das Recht Israels, sich gegen die Raketenangriffe der Hamas und anderer terroristischer Gruppen im Gazastreifen zu verteidigen."

Biden habe seine Besorgnis über die Sicherheit von Journalisten zum Ausdruck gebracht und die Notwendigkeit betont, deren Schutz zu gewährleisten. Biden habe Abbas über das diplomatische Engagement der USA im laufenden Konflikt informiert. Er habe zudem betont, die Hamas müsse den Raketenbeschuss auf Israel einstellen. Biden und Abbas hätten ihre Sorge über den Tod unschuldiger Zivilisten zum Ausdruck gebracht.

Israelischen Zeitungsberichten zufolge traf sich ein US-Spitzendiplomat am Sonntagmorgen mit dem israelischen Verteidigungsminister.

Polizei-Absperrungen in Jerusalem als Auslöser?

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen drohender Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

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