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Fünf Jahre Balkanroute: Gestrandet in Bosnien und Herzegowina | BR24

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Bosnien und Herzegowina lag abseits der Balkanroute. Doch seit 2017 versuchen Zehntausende, vom dort aus in die EU zu gelangen. Fehlende politische Verantwortung und offene Ablehnung sorgen für Konflikte.

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Fünf Jahre Balkanroute: Gestrandet in Bosnien und Herzegowina

Bosnien und Herzegowina lag abseits der Balkanroute. Doch seit 2017 versuchen Zehntausende, von dort aus in die EU zu gelangen. Fehlende politische Verantwortung und offene Ablehnung sorgen für Konflikte.

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Von
  • Srdjan Govedarica
  • Andrea Beer

Trockenes Weißbrot, Ketchup und Mayonnaise zum Weichmachen. Wasser, Schlafsack und ein Gefühl aus Angst und Hoffnung. Das nimmt Mustafa J. mit, wenn er versucht, ohne gültige Papiere über "die grüne Grenze" nach Kroatien zu gelangen - und damit in die EU. Der 26-jährige Afghane aus Kabul steht in einem einsturzgefährdeten alten Fabrikgebäude in der nordwestbosnischen Stadt Bihac, in dem mehrere hundert obdachlose Flüchtlinge und Migranten hausen. Sie kochen über dem offenen Feuer, schlafen auf dem nackten Boden, haben keine sanitären Anlagen und Corona ist kein Thema.

Aus dem Straßenbild verschwunden

Nach Angaben der UNHCR kommen die meisten Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Syrien oder Nordafrika. Alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen gehörten sie bis vor kurzem in Bihac zum Straßenbild. Viele von ihnen mit schmutzigen Verbänden um Hände und wunde Füße. In den vergangenen Tagen sind die obdachlosen Menschen weitgehend verschwunden, sie wurden offensichtlich von den Behörden weggebracht. Nach ARD-Informationen halten sich aber viele nach wie vor in leerstehenden Gebäuden auf. Bihac liegt im Kanton Una-Sana im Nordwesten des Landes und dieser hat Anfang August verfügt, keine Flüchtlinge und Migranten mehr auf sein Territorium zu lassen.

Eine Pattsituation, denn auch andere Landesteile in Bosnien und Herzegowina weigern sich, die Menschen aufzunehmen. So kommt es, dass auf Landstraßen zwischen dem Una-Sana-Kanton und dem angrenzenden serbischen Landesteil Republika Srpska Flüchtlinge und Migranten weder vor noch zurückkommen. Wenn sie aus Richtung Sarajevo oder Banja Luka zu Fuß oder mit Linienbussen ankommen, werden sie von der Polizei des Una-Sana-Kantons gestoppt. Eine brenzlige Situation - denn nach wie vor kommen Migranten und Flüchtlinge aus Serbien an, die sich in den Nordwesten Bosniens durchschlagen wollen. Darunter auch Familien mit Kindern.

Gewaltvorwürfe gegen die kroatische Polizei

Bei dem Versuch, ohne gültige Papiere nach und durch Kroatien zu laufen, werden viele von der kroatischen Polizei aufgegriffen und in der Regel undokumentiert nach Bosnien zurückgebracht. Ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention, kroatisches, sowie europäisches Recht, das auch Menschen ohne gültige Papiere vor Willkür schützt, denn sie haben ein Recht auf ein transparentes, dokumentiertes Verfahren. Bei diesen sogenannten Push-Backs erleben die Menschen teils massive Gewalt durch kroatische Polizei. Das haben Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Flüchtende inzwischen zehntausendfach berichtet und dokumentiert. Die Menschen müssen mit Demütigungen und Schlägen mit Schlagstöcken rechnen - außerdem werden Ihnen Handys, Geld, Gepäck und oft sogar die Kleidung abgenommen.

Viele versuchen es trotzdem immer wieder und erzählten dem ARD-Studio Südosteuropa, dass sie in Flüsse getrieben worden seien und dort lange stehen mussten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder border violence monitoring, Ärzte und Journalisten haben zahlreiche Verletzungen von Menschen dokumentiert, darunter komplizierte Knochenbrüche, schwere Kopfverletzungen, Hundebisse und psychische Gewalt, wie Anschreien oder Lachen bei Demütigungen. Grenzgewalt gebe es auf dem gesamten Balkan, doch die kroatische Polizei gehe an der EU-Grenze zu Bosnien-Herzegowina besonders brutal vor, heißt es sinngemäß in einem Bericht von Amnesty International.

Die Menschen würden zum Teil so stark misshandelt, dass sie nicht mehr alleine hätten laufen können und im Krankenhaus behandelt werden mussten. "Für uns sind die Push-Backs Fakt", sagt Mite Cilkovski von der International Organisation for Migration (IOM) der ARD. Er leitet das Camp Miral in Velika Kladusa. Das kroatische Innenministerium weist diese Vorwürfe vehement zurück. An den Grenzen verfahre man streng nach Recht und Gesetz und lehne die Vorstellung ab, dass kroatische Polizeibeamte so etwas tun würden oder ein Motiv dafür haben könnten.

Flüchtlingscamps überfüllt

Alle offiziellen Unterkünfte in Bosnien und Herzegowina werden von der IOM betrieben. Das Flüchtlingscamp "Bira" in Bihac nimmt niemanden mehr auf, da es geschlossen werden soll. Auch die Unterkunft "Miral" in Velika Kladusa ist laut IOM überfüllt, genau wie das Camp Lipa rund 25 Kilometer von Bihac entfernt. Familien mit Kindern kommen in kleineren Unterkünften unter. Allerdings häufen sich Berichte, dass auch diese besonders Schutzbedürftigen unter freiem Himmel schlafen müssen.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) waren Ende Juli dieses Jahres 15.000 Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchende in den Ländern des Westbalkans (also Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien), darunter 560 unbegleitete Kinder. Die Menschen kommen meist aus Griechenland über Nordmazedonien nach Serbien, von wo aus sie sich über Bosnien und Herzegowina weiter durchschlagen. 95 Prozent seien in Bosnien und Herzegowina und in Serbien, sagt Neven Crvenkovic vom Regionalbüro des UNHCR für Südosteuropa in Sarajevo. Das größte Problem seien fehlende oder schlecht ausgestattete Unterkünfte. IOM-Schätzungen zufolge leben in der Region bis zu 2000 Menschen ohne Obdach.

Todesfälle entlang der Balkanroute

Auf der Balkanroute sind also nach wie vor Menschen unterwegs. Und nicht alle überleben das. Seit Juli 2013 hat das ARD-Studio Südosteuropa 237 Todesfälle dokumentiert - die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein und ständig kommen neue hinzu. Die Menschen starben bei Auto- und Zugunfällen, sind ertrunken, wurden erschossen oder sind an Krankheiten gestorben. Inzwischen ist auch Corona ein Problem. Im größten Flüchtlingscamp der Stadt Bihac wurden gerade fünf Fälle bestätigt.

Bürger im Nordwesten Bosniens fühlen sich unterdessen mit der Situation allein gelassen. Von der Zentralregierung in Sarajevo und von der EU. Der Frust ist bei einigen in Aggression umgeschlagen und es kommt zu Protesten vor Flüchtlingscamps - auch befeuert durch Verschwörungstheorien und teilweise offenen Rassismus, der in sozialen Netzwerken und in einigen Medien verbreitet wird. Die Una-Sana-Kantonsregierung betreibt eine restriktive Politik, die darauf abzielt, die Menschen außerhalb ihrer Verantwortung zu bringen und pocht darauf, dass die Menschen im ganzen Land verteilt werden. Doch auch anderswo stößt das Thema auf offene Ablehnung von Politikern und Bürgern. In Velika Kladusa blockierten Bürger einen Bus, der Menschen bringen sollte und in Bihac forderten am Samstag mehrere hundert Menschen, keine Flüchtlinge und Migranten mehr aufzunehmen.

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