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"Soziales Gewissen", "Anwalt der Bürger": Trauer um Norbert Blüm | BR24

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Der frühere Sozialminister starb vergangene Nacht im Alter von 84 Jahren. Blüm setzte er sich für Flüchtlinge ein und prangerte Menschenrechtsverletzungen an.

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"Soziales Gewissen", "Anwalt der Bürger": Trauer um Norbert Blüm

Der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm ist tot. Er starb im Alter von 84 Jahren. Politiker reagierten betroffen auf seinen Tod und würdigten ihn als herausragende Persönlichkeit.

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"Die Rente ist sicher." Diesen Satz des früheren Arbeits- und Sozialministers Norbert Blüm kennen viele. Und er wird überdauern, auch wenn Blüm selbst nun gestorben ist - im Alter von 84 Jahren. Das hat sein Sohn mitgeteilt. Weitere Angaben machte die Familie zunächst nicht.

Vorbild und unerschrockener Anwalt der Bürger

Das politische Berlin reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Tod des Politikers, der beinahe 30 Jahre lang im Bundestag saß und 16 Jahre lang Minister war. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte ihn als "herausragende Persönlichkeit" und "unerschrockenen Anwalt" der Bürger.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte, Blüm habe ihre eigene Arbeit stark geprägt. Er habe die "Soziale Marktwirtschaft entscheidend mitgeprägt", und die Einführung der Pflegeversicherung sei sein großer Verdienst für alle Menschen in diesem Land, so Merkel weiter.

Für die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer vereinte Blüm Herz und Sachverstand mit Klartext und Humor.

Auch CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen würdigte Blüms Lebensleistung: "Er war ein Kämpfer, die Verkörperung der christlichen Soziallehre, ein Leuchtturm und ein großartiger Mensch", sagte Röttgen im Interview mit der radiowelt auf Bayern 2.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauerbach nannte den Tod Blüms "einen Verlust für das ganze Land". Blüm sei als Sozialpolitiker ein Vorbild gewesen.

CSU-Generalsekretär Markus Blume bezeichnete den Verstorbenen als "das soziale Gewissen der alten Bundesrepublik".

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Norbert Blüm war einer der letzten Repräsentanten der Bonner Republik. 16 Jahre saß der «Herz-Jesu-Marxist» mit Helmut Kohl am Kabinettstisch. Dann überwarf er sich mit seinem Förderer und sprach nur noch im Traum mit ihm.

Blüm war Kanzler Kohls "Dauerminister"

Norbert Blüm war 16 Jahre lang Bundesarbeitsminister - und damit der einzige Minister, der Bundeskanzler Helmut Kohl dessen gesamte Regierungszeit begleitete, von 1982 bis 1998.

Der Vater Kraftfahrzeugschlosser und Busfahrer, er selbst gelernter Werkzeugmacher - eigentlich wäre Norbert Blüm, geboren 1935, ein klarer Fall für die SPD gewesen. Doch für den gebürtigen Rüsselsheimer waren die Sozialdemokraten nie eine Option. Da Blüm als Junge unter anderem als Messdiener in der katholischen Kirche aktiv war, fand er schnell zur CDU. Als Norbert Blüm in die Union eintrat, war er gerade einmal 15 Jahre alt.

Eigentlich ein Fall für die SPD

Es sollte daher noch einige Jahre dauern, ehe sich Blüm in hohe Ämter innerhalb der Partei vorgearbeitet hatte. Doch Blüm war hartnäckig. Dabei half es ihm, dass er über sein Engagement in der IG Metall und in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) eine Art Alleinstellungsmerkmal innerhalb der CDU innehatte. Es gab nicht viele Unionspolitiker, die sich in Arbeitnehmerfragen einen Namen machten in den jungen Jahren der Bundespolitik.

1972 zog Blüm schließlich in den Bundestag ein. 1980 wurde er stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ein Jahr darauf ins CDU-Präsidium gewählt.

Vom Berliner Senat in die Bonner Politik

Nach einem kurzen Gastspiel im Berliner Senat, der seit Juni 1981 von der CDU geführt wurde, wurde Norbert Blüm von Helmut Kohl nach dessen Wahl zum Bundeskanzler als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung nach Bonn geholt.

In dieser Zeit war es Blüm besonders wichtig, den Sozialstaat gegen nicht wenige Angriffe zu verteidigen. In der schwarz-gelben Koalition galt er - je nach politischem Standort - als "soziales Gewissen" oder "soziales Feigenblatt". Als nachhaltigste Leistung sehen Beobachter die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995.

Ein Satz, der ihn über die Amtszeit hinaus verfolgte

In Erinnerung blieb jedoch vor allem das Ergebnis einer Plakataktion aus den frühen Jahren seiner Ministerschaft: 1986 ließ sich Blüm vor einer Litfaßsäule fotografieren - daran ein Plakat mit dem Spruch: "Denn eins ist sicher - die Rente."

Dass die Rente keineswegs so sicher war, wie von Blüm propagiert, zeigten in diesen und den Folgejahren bis zur Abwahl der Regierung Kohl die ständig neuen Hiobsbotschaften über steigende Rentenkassendefizite und sinkende Rentenniveaus.

Mahner, Autor, Kabarettist

Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 blieb Blüm noch eine letzte Legislaturperiode im Bundestag, ehe er sich 2002 mit 67 Jahren endgültig aus der Politik zurückzog. Trotzdem mischte er sich weiter ein - und war ein gefragter Ansprechpartner.

So setzte er sich für Kinderrechte und gegen ausbeuterische Kinderarbeit ein. Blüm meldete sich in diversen Interviews und Gastbeiträgen mit kritischen Aussagen zu Sozialpolitik und Globalisierung zu Wort und er schrieb Bücher: "Ehrliche Arbeit - Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier" oder "Aufschrei! Wider die erbarmungslose Geldgesellschaft", waren diese zum Beispiel betitelt.

Aber er zeigte auch humoristisches Talent, als er mit dem Schauspieler Peter Sodann im September 2007 mit dem gemeinsamen Ost-West-Kabarettprogramm "Heimatabend" in Berlin und 30 weiteren Städten auftrat. Blüm sagte von sich selbst, er wäre ein "alter Rummel-Boxer", der den Schlagabtausch brauche.

An Armen und Beinen gelähmt

Blüm war seit 1964 verheiratet mit seiner Frau Marita. Die beiden bekamen drei Kinder. Im März 2020 war bekannt geworden, dass Blüm von den Schultern abwärts gelähmt war. Er habe sich 2019 eine Blutvergiftung zugezogen und sei anschließend ins Koma gefallen.

"Im Horizont des Rollstuhls fällt der Rückblick anders aus als in der herkömmlichen Panoramasicht", diktierte er seiner Frau für einen Gastbeitrag in der "Zeit". "Die Krankheit zerstört unsere Allmachtsphantasien und dämpft unsere versteckten Überheblichkeiten. Alle Prestige-Vehikel, Orden und Ehrenzeichen verlieren ihre Bedeutung."

Bis zum Ende voll Lust aufs Leben

Seinen Lebensmut büßte Blüm auch durch diesen Schicksalsschlag nicht ein. Eigentlich genieße er einen privilegierten Status, sagte er: Rund um die Uhr werde er bedient, einmal mehr sei die Familie sein Zufluchtsort. "Ich lebe wie Gott in Frankreich."

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Im Alpha-Forum aus dem Jahr 2011 erzählt Norbert Blüm über sein Leben: "Mann muss neugierig bleiben."

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