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Früher Vogel ohne Wurm: Wie der Klimawandel die Tierwelt trifft | BR24

© dpa-Bildfunk

Ein Vogelschwarm fliegt über Felder, während am Horizont die aufgehende Sonne die Wolken rötlich erscheinen lässt.

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    Früher Vogel ohne Wurm: Wie der Klimawandel die Tierwelt trifft

    Der Klimawandel trifft auch die Tierwelt. Die Auswirkungen sind noch nicht richtig erforscht - auch inwiefern die Erderwärmung die Vogelwelt beeinträchtigt. Doch eins ist schon sichtbar: Viele Vogelarten müssen sich anpassen, manche haben es bereits.

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    In der Vogelwelt ist der Klimawandel schon lange angekommen. Viele Kurz- und Mittelstreckenzieher, also die Vögel, die in Europa überwintern, fliegen längst nicht mehr so weit in den Süden wie noch vor 50 Jahren, sagt der Direktor des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven, Prof. Dr. Franz Bairlein. Manche Arten, wie Amsel und Rotkehlchen, haben die zeitraubende Zieherei sogar weitgehend aufgegeben. Andere würden teilweise Wochen früher zurückkehren.

    Der frühe Vogel fängt den Wurm, heißt es landläufig. Dieser sprichwörtliche Wurm, das sind für unsere heimischen Singvögel zur Brutzeit vor allem proteinreiche Insektenlarven: Zarte Maden, weiche Räupchen und saftige Engerlinge. Allerdings seien auch die Insekten dank Klimaerwärmung früher dran, sagt der Vogelforscher Bairlein. Das Futter, das die Vögel zur Aufzucht ihrer Jungen bräuchten, verfrühe sich noch stärker. "Und das nennen wir neudeutsch Mismatch."

    Der Vogel kommt früher zurück, der Wurm aber noch früher

    Mismatch nennen Biologen die Tatsache, wenn die Fortpflanzungszeit einer Art nicht mehr mit dem größten Nahrungsangebot zusammenfällt. Solche Mismatches verursacht der Klimawandel nicht nur im Brutgebiet, sondern auch an den Rastplätzen entlang der Zugrouten und im Winterquartier. "Da sehen wir zurzeit die Tendenz, dass eben die Arten, die einen starken Mismatch zeigen, stärker abnehmen."

    Dem Kuckuck fehlt das Nest fürs Kuckucksei

    Ein anderes Beispiel ist der Kuckuck. Vor 25 Jahren ist der Kuckuck zwei bis drei Wochen früher im Brutgebiet angekommen als sein Wirtsvogel, der Teichrohrsänger. Heutzutage flattern beide Arten etwa gleichzeitig ein. Weil der Teichrohrsänger den Rückflug aus dem Winterquartier zwei Wochen früher antritt, während der Kuckuck seinen alten Rhythmus beibehalten hat. Diese neue Gleichzeitigkeit bringt den Kuckuck arg in Bedrängnis. "Der Kuckuck hat möglicherweise nicht mehr die Vorbereitungszeit, um erfolgreich in ein Teichrohrsängernest legen zu können."

    Will der Kuckuck überleben, muss er entweder eine neue Wirtsart finden oder sein Zugverhalten anpassen. In beiden Fällen benötigt er die Fähigkeit, genetisch vorgegebenes Verhalten zu ändern. Damit tun sich Fernzieher wie der Kuckuck aber in der Regel schwer.

    Der Mönchsgrasmücke ist die Anpassung schon gelungen. Ursprünglich ein typischer Mittelstreckenzieher bleiben immer mehr der hübschen Laubwaldbewohner auch den Winter über im Brutgebiet. "Weil die Winterbedingungen sich so milde gestaltet haben, dass wir ein höheres Angebot an Früchten haben, an Beeren. Wir haben aber auch ein höheres Angebot an noch im Winter aktiven Insekten, auch wenn wir die Spinnentiere hernehmen, die in so einem milden Winter mehr verfügbar sind, was in der Bodenstreu an Wirbellosen lebt. Und wenn die Schneelagen geringer werden, ist das Futter leichter verfügbar."

    Manchen Vogel zieht es weniger in die Ferne

    Während ein Teil der frommen Grasmückenbestände gar nicht mehr zieht, hat ein anderer seine Zugroute geändert. Statt nach Spanien oder Marokko geht es jetzt nur noch schwupps über den Ärmelkanal ins Vereinigte Königreich. Die ersten Englandflieger in den 1960er Jahren waren noch Irrläufer, die ihren mangelnden Orientierungssinn im feuchtkalten englischen Winter oft mit dem Leben bezahlt haben. 2019 ist aus dem Irrtum längst ein Konkurrenzvorteil geworden. Denn dank Klimawandel und eifrig fütternder Briten überstehen die Englandreisenden nicht nur den Winter problemlos, sie kehren auch früher nach Bayern zurück als ihre im Süden logierenden Verwandten. Und können so die besten Reviere besetzen und zügig mit dem Brüten anfangen. "Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass sich die verpaaren, die vorher in England waren, ist größer, als dass sie auf die warten, die aus Spanien kommen."

    Der England-Urlauber pflanzt sich leichter fort als der Spanien-Urlauber

    Offenbar sind die England-Urlauber auch in puncto Fortpflanzung sehr erfolgreich. Überwintert doch bereits ein Drittel aller Festlandsgrasmücken im Vereinigten Königreich. Aus wenigen Irrläufern hat sich also innerhalb der letzten Jahrzehnte ein großer Bestand entwickelt. "Das zeigt gleichzeitig, dass beim Klimawandel, wenn eine einseitige Selektion stattfindet, tatsächlich ein rascher Wandel möglich ist. Aber es hängt von der einzelnen Art ab."

    Bei der Mönchsgrasmücke hat der Anpassungsprozess nur ein paar Jahrzehnte gedauert, sagt Franz Bairlein. Andere Arten werden erheblich mehr Zeit benötigen. Und sie bräuchten überlebensfähige Populationen, "die groß genug sind, dass sie über Selektion die Anpassung hinkriegen. Wenn wir jetzt schon durch Lebensraumverlust unsere Population so zusammenschrumpfen lassen, dass sie das Potenzial nicht mehr haben, werden sie nicht überleben können."