Geflüchtete aus der Ukraine im Ankunftszentrum Tegel
Bildrechte: pa / dpa / Carsten Koall

Geflüchtete aus der Ukraine im Ankunftszentrum Tegel

Per Mail sharen
Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Forscher zu Flüchtlingszahlen: Kein Kollaps und Kontrollverlust

In Deutschland sind etwa eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine registriert. Dazu kommen immer mehr Asylbewerber aus anderen Ländern. Viele Städte und Gemeinden sagen: Wir sind am Limit. Migrationsexperten sehen die Lage entspannter.

Ralph Spiegler ist Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz. Die steigenden Flüchtlingszahlen sieht er mit Sorge. Die Kapazitätsgrenze sei erreicht. Er ist gleichzeitig Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebunds und beobachtet, dass viele Bürgermeisterinnen oder Landräte überlegen, zum Beispiel Turnhallen als Unterkünfte zu nutzen. Zudem fehle Personal für die Integration in den Arbeitsmarkt, an Schulen und Kitas: "Von allen Ecken und Enden wird dieses Problem sehr virulent und sehr, sehr problematisch", so der SPD-Politiker.

Viele Hilferufe aus Gemeinden und Landkreisen

Hilferufe wie dieser sind momentan aus einigen Gemeinden und Landkreisen zu hören. Laut Ausländerzentralregister sind mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine in Deutschland registriert. Wie viele davon aktuell im Land sind, kann niemand so genau sagen. Wer in ein anderes EU-Land weiterreist oder zurück geht in die Ukraine, muss sich nicht abmelden - und das passiert häufig verzögert.

Dazu kommen immer mehr Flüchtlinge aus anderen Ländern – vor allem aus Syrien, Afghanistan und der Türkei. Die Bundespolizei registrierte allein im Oktober 13.400 unerlaubte Einreisen. Laut Bundespolizei-Präsident Dieter Romann gab so viele zuletzt im Februar 2016: "Das ist eine sehr hohe Zahl, aber grenzpolizeilich kein Problem, welches das Wort Kontrollverlust rechtfertigen würde."

Bayern hat 40.000 neue Aufnahmeplätze geschaffen

Alle Bundesländer haben in diesem Jahr mehr Aufnahmeplätze geschaffen, Bayern allein rund 40.000. Niedersachen hat seine Plätze mehr als verdoppelt. Und doch scheinen sie nicht zu reichen: Die Belegungsquote liegt in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bei etwa 80 Prozent, in Hamburg und Berlin sind es sogar 99 Prozent.

Ein Problem: Viele Menschen aus der Ukraine finden momentan keine Wohnung auf dem freien Markt. Deshalb bleiben sie weiter in staatlichen Unterkünften. Allein in Bayern sind das rund 29.000 Menschen.

Migrationsforscher sieht keinen Kollaps

Hannes Schammann kennt die Bilder von vollen Turnhallen. Der Migrationsforscher der Universität Hildesheim spricht von einer riesigen humanitären Katastrophe in Europa. Viele Kommunen arbeiten nach seiner Beobachtung am Anschlag. Aber das laufe insgesamt gar nicht so schlecht: "Das Aufnahmesystem steht nicht vor dem Kollaps."

Schammann beobachtet, dass Politikerinnen und Politiker Alarm schlagen und mit Sorge auf den Winter schauen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung würden dagegen sagen: "Ist gar nicht so schlimm." Niemand wolle schuld sein, wenn im Winter die Plätze knapp werden. Deshalb würden jetzt auch Wohncontainer aufgestellt, die momentan noch nicht benötigt würden - aus Vorsorge.

Private Gastgeber entlasten staatliche Stellen

Dass viele Geflüchtete aus der Ukraine ein Dach über dem Kopf haben, liegt unter anderem an Georgia Homann. Sie ist Projektleiterin von "Unterkunft Ukraine". Die Plattform vermittelt Unterkünfte bei privaten Gastgebern. Diese haben mehr als 360.000 Betten angeboten.

Homann sieht das als großen Erfolg. Sie habe das Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein, die anpacken will und helfen, die Situation in den Griff zu bekommen. Private Gastgeber wünschen sich nach Homanns Eindruck mehr Anerkennung und weniger Bürokratie. Aber sie würden gerne einspringen, wenn staatliche Stellen nicht mehr hinterherkommen - auch in Zukunft. In einer Umfrage haben 80 Prozent der Gastgeber zugesagt, wieder helfen zu wollen.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!