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Forderungen nach Corona-Reihentests in Kliniken werden lauter | BR24

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Wenn eine Pflegekraft oder ein Arzt in einer Klinik mit Corona infiziert ist, gefährdet das Patienten und die übrigen Mitarbeiter. BR-Recherche hat nun festgestellt: Mitunter wird das Personal nicht einmal getestet, wenn schon Symptome auftreten.

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Forderungen nach Corona-Reihentests in Kliniken werden lauter

Eine Umfrage des BR zeigt, dass die Kliniken unterschiedlich mit Corona-Tests beim medizinischen Personal umgehen. Fast 12.000 sind laut Robert Koch-Institut infiziert. Nun werden Forderungen nach Reihentestungen lauter.

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Auch in der zehnten Woche der Corona-Pandemie fühlen sich Pflegekräfte und Ärzte in Krankenhäusern nicht ausreichend geschützt und getestet. Nach der Berichterstattung von BR Recherche haben sich weitere Klinikmitarbeiter gemeldet. Pflegekräfte, Ärzte und User kommentieren:

  • "So werden also unsere Helden gefeiert! Noch immer gibt es keine adäquate Schutzkleidung und, wenn überhaupt, dann keine regelmäßigen Tests. Falls man doch an Covid-19 erkrankt, dann heißt es, man hätte sich doch auch woanders anstecken können."
  • "Es muss alle was angehen, ob wir mit gutem Gefühl in ein Krankenhaus gehen können oder nicht. (…) Es ist so ein Irrwitz, dass die Bundesliga getestet wird was das Zeug hält und in den Kliniken gespart wird."
  • "Das ist schlichtweg skandalös. Die Anlaufschwierigkeiten, weil keiner auf so eine Pandemie ausreichend vorbereitet war, müssten jetzt doch endlich behoben sein."

(Quelle: www.br24.de, Auswahl von gekürzten User-Kommentaren)

Pflegeberufsverbände üben Kritik

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) fordert Reihentestungen in allen Pflegeberufen. Schutz, so schreibt der DBfK auf Anfrage, bedeute auch, Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze vollständig anzuwenden.

Detaillierter äußert sich die Vereinigung der Pflegenden in Bayern (vdpb): Die Vizevorsitzende Agnes Kolbeck überraschen die BR-Recherchen nicht. Ihr Verband bekomme die teils "katastrophalen Verhältnisse" in den Kliniken gespiegelt, so Kolbeck im BR-Interview. Es mangele zum Teil immer noch an persönlicher Schutzausrüstung, vor allem aber an klaren Testkonzepten. Zum einen fehle es an Plänen, wie und wann das Personal auf Corona getestet werde, zum anderen brauche es klare Konsequenzen aus Testergebnissen. Derzeit würden manche Häuser ihre Mitarbeiter nach einem positiven Test nach Hause in Quarantäne schicken, andere nicht, sagt Agnes Kolbeck.

Krankenhausgesellschaft hält Reihentestungen für notwendig

Der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Siegfried Hasenbein, hält Reihentestungen für notwendig. Er kritisiert im Gespräch mit dem BR, dass es bisher keine verbindlichen Empfehlungen gebe, nach welchem Schema Mitarbeiter getestet werden sollten. Derzeit fänden Corona-Tests "nach eigenen Regeln, nach eigenem Engagement und vor allem auf eigene Kosten statt."

Mehrere bayerische Kliniken verteidigen dem BR gegenüber ihr Konzept, keine Reihentests unter den Mitarbeitern zu machen: Der Test sei nur eine "Momentaufnahme". Wer heute negativ sei, könne morgen positiv sein.

Politik reagiert auf BR-Recherchen

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, fordert, Klinikpersonal regelmäßig zu testen. Die Staatsregierung müsse notfalls in Vorleistung gehen, bis es eine bundesweite Finanzierung der Reihentests gebe.

"Wir schöpfen die Testkapazitäten in Bayern nicht komplett aus, das macht für mich keinen Sinn. Regelmäßige Tests für alle im Gesundheitswesen geben Sicherheit und helfen, neue Infektionsherde zu finden. Und man darf ja auch nicht vergessen: Im Moment wird zu Recht für vieles Geld ausgegeben. Warum also nicht für mehr Tests?" Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml hat inzwischen stichprobenartige Reihentestungen von Krankenhaus-Personal angekündigt. In ihrem Statement heißt es: "Unser Ziel ist, dass möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern auch dann getestet werden, wenn sie keine Symptome haben. Die Kosten sollten nach unserer Ansicht von der Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden." Ziel sei es, pro Woche etwa 1.000 Mitarbeiter zusätzlich zu testen, auf freiwilliger Grundlage.

Experten fordern klare Regeln für Krankenhäuser

Die Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft befürchtet, dass der Vorstoß des bayerischen Gesundheitsministeriums nicht reicht. Sie fordert konsequente Reihentestungen des medizinischen Personals.

"Als ich diese Ergebnisse zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich oh, mein Gott, wie unterschiedlich gehen die Häuser mit dem Virus um? Und auch mit dem Hygieneschutz und Infektionsschutz. Deshalb glaube ich, dass diese Recherche einen Anlass bietet, zu formulieren: Wir brauchen hier wissenschaftliche Datenerhebung, um sehr viel besser auch für die zweite Welle vorbereitet zu sein, um zu wissen, an welchen Stellschrauben müssen wir tatsächlich sehr viel fokussierter agieren." Prof. Martina Hasseler, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

Martina Hasseler und andere Experten verlangen verbindliche Empfehlungen des Robert Koch-Instituts, damit Krankenhäuser klare Spielregeln erhalten und eine strengere Kontrolle durch die Behörden möglich wird.

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Nach BR-Recherchen und einer Umfrage unter Kliniken mangelt es teils noch immer an Schutzmaterial. Das gefährdet nicht nur die Patienten; auch viele Pfleger und Ärzte infizieren sich bei ihrer Arbeit mit dem Coronavirus.

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