BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR / Andrea Beer
Bildrechte: BR / Andrea Beer

Nur wenige Juden haben nach den Greueltaten der Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten im früheren Jugoslawien überlebt. Gut 80 Jahre danach leben im heutigen Serbien noch rund 3000 Jüdinnen und Juden.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Flucht aus dem KZ: Das Baby aus der Schachtel - Juden in Serbien

Ester Bajer gehört zu den wenigen, die dem deutschen KZ in Belgrad entkamen: In einer Schachtel wird sie aus dem Lager geschmuggelt. Sie beißt sich durchs Leben - und fühlt sich doch stets als Außenseiterin.

Per Mail sharen
Von
  • Andrea Beer

Ester Bajer geht über das weitläufige Gelände des Sajmiste, der alten Messe in Belgrad. Die teils zerfallenden Gebäude wurden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut und waren aus deutscher Sicht damals gut geeignet für ein KZ. Im sogenannten "Judenlager Semlin" werden nach der deutschen Besatzung im April 1941 zunächst etwa 8.000 jüdische Frauen und Kinder eingesperrt. Im Frühjahr 1942 werden sie dann in einem Lkw mit Gas erstickt - auf dem Weg an den Rand von Belgrad, wo die Massengräber schon ausgehoben sind. Auch Ester Bajers Mutter kam so ums Leben.

Der bunte Gehstock der grauhaarigen Dame klackt auf dem schneebedeckten, teils matschigen Boden. Zielsicher steuert sie auf ein hellbraunes Gebäude zu. "Hier war das Krankenhaus", sagt sie - das frühere Lagerkrankenhaus, in dem sie am 31. Januar 1942 um zwei Uhr morgens auf die Welt kommt.

Eine grausame deutsche Lagerwelt, in der kein Platz ist für ein Baby. Wegen der schlechten Behandlung und dem Stress entband ihre Mutter sie zu früh: "Ich war erst sieben Monate und habe 900 Gramm gewogen. Der Winter war sehr streng, Schnee gab es und Kälte", erzählt Bajer.

Die Großeltern nehmen Bajer nach Kriegsende auf

Bajer zieht ihren roten Mund-Nasen-Schutz zurecht. Die dramatischen Umstände ihrer Geburt in einem deutschen KZ im besetzten Belgrad kennt sie nur bruchstückhaft aus diversen Erzählungen. Sie besagen, dass ihre Mutter weinend das Baby küsst, bevor sie es sich vom Herzen reißen muss. Die Kleine wird versteckt in einer Schachtel aus dem Lager geschmuggelt und in ein Belgrader Waisenhaus gerettet. Sie bekommt den Namen Olga.

"Nach Kriegsende sagte mein Onkel Dragoljub Petkovic dann: 'Was machen wir mit diesem Kind? Wollt ihr sie nehmen oder sollen wir sie zur Adoption freigeben?'", erzählt sie. "Meine Großeltern sagten: 'Gut, wir nehmen sie, sie ist schließlich die Tochter von unserem Sohn.'"

Mutter und Vater kennt Bajer nur von einem Foto

"Du bist eine kleine Jüdin", hört Ester Bajer in ihrer Kindheit und versteht kein Wort. Zierlich, mager und oft krank, so verbringt sie von Zerstörung und Armut geprägte, oft lieblose jugoslawische Nachkriegsjahre. Das Trauma der Schoah ist im sozialistischen Jugoslawien und in der Familie kein Thema - und überschattet doch alles.

Ihre Mutter ermordet; ihr nichtjüdischer Vater im Krieg verschollen - die Eltern kennt Ester Bajer nur von Schwarz-Weiß-Fotos: Ein lachendes Paar, das der Tochter schmerzlich fehlt, auch wenn sie ihrer Gefühle beraubt worden ist.

"Ich kann es nicht beschreiben, erzählt Bajer, "ich habe sie nur auf dem Foto gesehen. Ich muss ehrlich sagen: Ich empfinde nichts Besonderes, weder für meine Mutter, noch für meinen Vater", erzählt sie. "Großmutter und Großvater habe ich geliebt. Meine Großmutter war streng und hat mich geschlagen. Ich war ein lebhaftes Kind. Großvater war auch streng, wenn auch irgendwie anders."

Von Tür zu Tür in Belgrad - auf der Suche nach Arbeit

Außenseiter sein, verlassen sein - dieses Gefühl trägt sie wohl ein Leben lang mit sich herum. Schon mit 14 Jahren jobbt sie für einen Hungerlohn und boxt sich fortan durchs Leben. Bajer heiratet früh und bekommt einen Sohn, der beim Vater in Kroatien aufwächst und sich nach der Scheidung entfremdet. Denn sie kehrt dann nach Belgrad zurück.

"Als ich nach Belgrad, kam gab es niemanden, der mich aufgenommen hat. Ich habe mit meinem Köfferchen auf einer Bank im Kalemegdan-Park geschlafen. Am nächsten Tag habe ich mir eine Zeitung gekauft und bin von Tür zu Tür gegangen, um Arbeit zu finden", erinnert sie sich. "Niemand wollte mich anstellen, da ich krank war, dünn und in einem jämmerlichen Zustand. Eine Frau hat sich meiner erbarmt und mich eingestellt, damit ich auf ihre Kinder aufpasse. So lief mein Leben. Von Haus zu Haus, von Job zu Job. Da habe ich viel Zeit verloren."

Sie nennt sich inzwischen nicht mehr Olga, sondern Ester Bajer wie ihre ermordete Mutter und holt sie sich so wenigstens ein bisschen zurück. Als Köchin fährt sie mit der jugoslawischen Flussschifffahrtsgesellschaft die Donau hinauf bis Wien und wechselt dann in ein Büro.

Im Alter gibt Bajer die Religion Halt

"Nach Israel kam ich nie", bedauert sie. Ihre winzige Invalidenrente beträgt heute umgerechnet knapp 150 Euro. Unterstützt wird sie von der Claims Conference und der jüdischen Gemeinde.

Gerne verschickt die alte Dame Handybotschaften und sie lauscht regelmäßig dem Rabbi in der Synagoge. "Jetzt im Alter hole ich viel nach", sagt sie lächelnd, "doch der Mensch lernt ein Leben lang und stirbt dennoch dumm."

Seit Jahren wird um eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZ-Gelände Sajmiste gestritten. Eine Diskussion, die auch Ester Bajer aufmerksam verfolgt. Sie gehört zu den ganz wenigen, die dem deutschen KZ auf dem Gelände der alten Messe in Belgrad lebend entkamen - als Baby in einer Schachtel im eiskalten Januar 1942. "Ich war so klein, dass sie dachten, ich überlebe nicht", sagt sie. "Aber es scheint, als hätte ich einen kämpferischen Geist dafür gehabt."

© BR / Andrea Beer
Bildrechte: BR / Andrea Beer

Isak Asiel der Rabbi von Serbien in der Synagoge in Belgrad

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!