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Der Corona-Ausbruch bei Tönnies 2020 machte prekäre Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie bekannt.

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    Fleischindustrie: Ein Jahr nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies

    Im Juni 2020 gab es im Tönnies-Schlachthof einen Corona-Ausbruch. So wurde bekannt, wie die meist aus Südosteuropa stammenden Arbeiter wohnen und schuften. Ein Jahr später sind Leiharbeit und Werkverträge verboten. Was hat sich verbessert?

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    Von
    • Susanne Betz
    • Lina Verschwele

    Besuch in Rheda-Wiedenbrück, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen. Am Rand der Kleinstadt befindet sich der größte Schlachthof Deutschlands, er gehört der Firma Tönnies. Im Minutentakt rollen LKW heran, ein Geruch von Schweinemist liegt in der Luft.

    Jetzt sind die Arbeiter direkt bei Tönnies angestellt

    Hier werden täglich 25.000 Schweine getötet und zerlegt bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius. Von Menschen wie Marius Ilie, dessen Namen von der Redaktion geändert wurde, weil er Angst hat, erkannt zu werden. Er stammt aus Rumänien und schickt das meiste, was er verdient, nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Er besucht seine Familie in der Regel nur einmal im Jahr. Das neue Gesetz hilft Marius Ilie ein großes Stück weiter: Er ist jetzt nicht mehr wie früher bei einem Subunternehmer angestellt, sondern wie 6.000 weitere ehemalige Werkvertrags-Arbeiter direkt in Deutschland bei Tönnies.

    Mit Corona fielen die Arbeitsbedingungen auf

    Vor der Pandemie schlief er in einem Zimmer, in dem insgesamt vier Männer wohnten. Über 2.000 Menschen hatten sich vor einem Jahr bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit dem Corona-Virus infiziert. Die Produktion wurde vorübergehend gestoppt, über die gesamte Region wurde ein Lockdown verhängt. Die gesamte Fleischindustrie stand am Pranger: heruntergekommene und überfüllte Wohnungen, Dumpinglöhne, viele Überstunden. Auch wegen dem öffentlichen Druck kündigte Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) noch vor der Sommerpause das sogenannte Arbeitsschutzkontrollgesetz an. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gilt es. Jetzt schläft Marius Ilies nur noch mit einem zweiten Arbeiter im Zimmer, Vermieter ist nun eine Tochterfirma von Tönnies. Außerdem wurden die Metallbetten gegen bessere Holzbetten ausgetauscht.

    Clemens Tönnies gelobte Veränderung der Branche

    Vor seiner Firmenzentrale gelobte Unternehmer Clemens Tönnies mit Blick auf den Corona-Ausbruch und die aufgedeckten schlechten Rahmenbedingungen: "Wir werden die Branche verändern. Das steht fest."

    Die Veränderung aber kam nur, weil die Politik Druck machte. Und was sagt Marius Ilie, der Arbeiter aus Rumänien? Hat Tönnies seine Versprechen gehalten? "Zu 99 Prozent haben sie sie gehalten", bilanziert Marius Ilie. "Soweit ich das gesehen habe. Sie zahlen jetzt den Nacht-Bonus." Die Arbeitszeit wird jetzt elektronisch erfasst – auch das sieht das neue Gesetz vor. Zum 1. August soll der Mindestlohn in der Fleischproduktion auf 10.80 Euro steigen. Nur längere Pausen wünscht sich der Arbeiter aus Rumänien noch.

    Gewerkschaftler: "Die Politik hat uns unterstützt."

    Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) berät seit zehn Jahren Arbeiter in der Fleischindustrie. Er ist relativ zufrieden mit den Veränderungen: "Die Politik hat uns unterstützt, das war gut und notwendig. Die Rahmenbedingungen sind da für Veränderungen, die Zeiten sind gut dafür, das muss man jetzt nutzen." Der Tönnies-Konzern hat mittlerweile über 700 Wohnungen angemietet oder gekauft. Denn auf dem freien Wohnungsmarkt müssen die Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien oft überhöhte Preise zahlen.

    Inge Bultschnieder hat im Zentrum von Rheda-Wiedenbrück eine Bäckerei. Die Geschäftsfrau hat sich, nachdem sie vor fast zehn Jahren mehr über die Rahmenbedingungen in der Fleischindustrie erfuhr, sehr für die Arbeiter engagiert. Sie ist froh, dass durch Corona die Missstände aufgedeckt wurden. Manches ist besser, aber es gibt noch viel zu tun ist ihr Fazit. "Ich glaube, die Leute haben jetzt auch ein anderes Auge auf das Billigfleisch. Und ich glaube schon, dass die Leute jetzt auch anders einkaufen. Natürlich nicht alle, aber einige."

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