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Fischerei in Neuseeland: Tödliche Haken bedrohen Albatrosse | BR24

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Eigentlich ist Neuseeland das Paradies für Albatrosse schlechthin. Hier leben hunderttausende Brutpaare. Doch sie sind bedroht. Delfine werden geschützt, aber den Albatrossen kommt niemand zur Hilfe. Ihr Feind sind die Fischer und ihre Köderhaken.

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Fischerei in Neuseeland: Tödliche Haken bedrohen Albatrosse

Eigentlich ist Neuseeland das Paradies für Albatrosse schlechthin. Hier leben hunderttausende Brutpaare. Doch sie sind bedroht. Delfine werden geschützt, aber den Albatrossen kommt niemand zur Hilfe. Ihr Feind sind die Fischer und ihre Köderhaken.

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  • Andreas Stummer

Neuseeland ist das Paradies für Albatrosse. Hier leben hunderttausende Brutpaare. Doch sie sind bedroht. Und während die Delfine mittlerweile geschützt werden, kommt den Albatrossen niemand zur Hilfe. Ihr Feind sind die Fischer und ihre Köderhaken.

Eine Reihe abgesessener Holzbänke, Land- und Seekarten an der Wand, ein bullernder Ofen gegen die Kälte und ein Panoramafenster mit Blick auf eine steil abfallende Landzunge. Für Allan Hansen ist die kleine Wellblechhütte am Rand eines schroffen Felskliffs fast so etwas wie ein zweites Wohnzimmer, für eine englische Touristengruppe aber bietet sie ein seltenes Naturerlebnis.

Seit 15 Jahren führt Allan die Besucher von Taiaroa Head den schmalen, gewundenen Weg die Klippe hinauf zur einzigen Albatros-Kolonie der Welt, deren Tiere auf dem Festland brüten. In der Nähe der Stadt Dunedin an der Südspitze Neuseelands kann man, nur getrennt durch eine entspiegelte Glasscheibe, den Königsalbatros in seiner natürlichen Umgebung beobachten.

Über Außenmikrofone ist das Geschnatter der Albatrosse im Inneren der Hütte zu hören. Ein Dutzend Tiere sitzt auf ihren Nestern, andere tapsen durch das buschige Gras. Doch so unbeholfen der Albatros an Land wegen seiner übergroßen Watschelfüße auch sein mag, einmal in der Luft ist er der eleganteste Flugkünstler des Tierreichs.

Wenn eine salzige Brise vom Meer über Taiaroa Head hinwegzieht, die Albatrosse im Gegenwind aufsteigen und ihre imposanten Flügel auf mehr als drei Meter Spannweite ausbreiten, dann bieten sie eine einmalige Flugshow.

"Der größte Feind der Albatrosse ist der Mensch"

Wenn man vom Adler als dem König der Lüfte spricht, dann ist der Albatros ein Kaiser. Anmutig und majestätisch. Ein müheloser Langstreckenflieger, der den Großteil seines Lebens im Segelflug verbringt. Stundenlang gleiten die Albatrosse ohne Flügelschlag über den Ozean, allein getragen vom Aufwind. Doch wie lange noch?

Von 21 bekannten Albatros-Arten stehen 19 auf der Liste der bedrohten Tierarten – von einigen Spezies gibt es nur noch 100, vielleicht 200 Exemplare. Shirley Thornbury zuckt hilflos mit den Schultern. „Der größte Feind der Albatrosse ist der Mensch“, sagt sie. Als Mitarbeiterin der Brutkolonie in Dunedin kann sie dort die Vögel beschützen, aber nicht auf hoher See.

Mehrere tausend Dollar für einen Blauflossen-Thunfisch

Das offizielle Wort für die größte Bedrohung der Tiere ist "Beifang". Was nach einer harmlosen Nebensächlichkeit klingt, ist der Hauptgrund für das Sterben der Albatrosse: Fischerboote machen selbst in entlegensten Meeresgebieten Jagd auf Blauflossen-Thunfisch oder schwarzen Seehecht. Der Fang wird in Japan und den USA als Delikatesse für mehrere tausend Dollar das Stück gehandelt.

Um die Fische an den Haken zu bekommen, werden bis zu 130 Kilometer lange Leinen ausgebracht. Während sie in den Wellen treiben, hängen daran im Abstand von 100 Metern kürzere Leinen, an denen die Köder befestigt sind. Nach zwölf Stunden wird die gigantische Angel dann wieder von der Besatzung eingeholt.

Eine Schwarz-Weiß-Wochenschau im Infozentrum der Albatros-Kolonie zeigt die Anfänge der Langleinenfischerei. Die Japaner begannen damit Mitte der 50er Jahre in den subtropischen Gewässern des Indischen Ozeans – wo es kaum Albatrosse gibt. Doch bald legten Boote aus aller Welt die langen Leinen immer weiter südlich aus, bis an den Rand der Antarktis. Zwischen dem 40. und 60. Breitengrad waren sie mitten im Reich der Albatrosse.

Weil der Bedarf an Fisch immer mehr stieg, verhundertfachte man die Anzahl der ausgeworfenen Haken von jährlich zehn Millionen auf heute eine Milliarde. Die Folgen für die Albatrosse waren verheerend. Barry Weeber von der neuseeländischen Umwelt- und Tierschutzorganisation Ecowatch rechnet vor, dass so hunderttausende Seevögel im Südpazifik Opfer der Fischereiflotten wurden.

"Die Albatrosse sind jetzt seit mehr als 40 Jahren diesen Fischfang-Methoden ausgesetzt und der Bestand einiger Arten ist seitdem um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Das ist alarmierend. Nicht umsonst ist die Mehrheit aller Albatros-Spezies als ‚gefährdet‘ eingestuft und wir glauben, dass daran die Langleinen-Fischerei schuld ist." Barry Weeber, Sprecher von Ecowatch

Die Albatrosse verbeißen sich in die Haken und ertrinken

Albatrosse sind intelligente Tiere. Einmalig für Vögel spüren sie Beute meist durch ihren Geruchssinn auf. Und sie haben schnell gelernt, dass ein Fischerboot eine Gratismahlzeit bedeutet. Denn wenn die langen Leinen ausgesetzt werden, schwimmen die Köder erst an der Wasseroberfläche, bevor sie das Gewicht der Leine tiefer nach unten zieht.

Oft folgen hunderte Albatrosse einem einzigen Boot und stürzen sich dann arglos auf das Muschelfleisch oder die Tintenfische an den Haken. Verbeißt sich ein Tier darin, geht es mit dem Haken im Maul unter und ertrinkt. Vogelschützer Barry Weeber schätzt, dass weltweit jährlich etwa 100.000 Albatrosse so einen leisen, qualvollen Tod sterben.

Zwei Minuten entscheiden über Leben und Tod. Solange dauert es, bis die Köder so tief gesunken sind, dass die Vögel sie nicht mehr erreichen können. Dabei gibt es einfache Methoden, um den Beifang von Albatrossen zu verhindern.

Am weitesten verbreitet sind die sogenannten Tori-Leinen, mit flatternden Plastik-Bändern bestückte Taue, die am Heck der Schiffe herabhängen und die Albatrosse aus der Gefahrenzone vertreiben – eine Art Vogelscheuche zu Wasser. Bleigewichte an den Fangleinen können die Haken schneller nach unten ziehen, manche Boote fischen bei Nacht, wenn Albatrosse nicht nach Nahrung suchen.

20.000 Euro für ein vogelfreundliches Fischerboot

Ein Fischerboot so umzurüsten, dass es keine Albatrosse gefährdet, ist nicht teuer – vielleicht 15 bis 20.000 Euro. Soviel wie ein einziger ausgewachsener Blauflossen-Thunfisch auf den internationalen Märkten einbringt. Janice Molloy, die Seevogelbeauftragte beim Ministerium für Naturschutz, versucht seit Jahren die einheimische Industrie an Bord zu bekommen.

"Wer sich nicht um den Beifang von Seevögeln schert, ist kein guter Fischer – sondern eine Schande für seinen Beruf. Viele glauben: Was machen die paar Albatrosse, die ich tot an Deck ziehe schon für einen Unterschied? Doch wenn man bedenkt, mit wie vielen Haken um Neuseeland und im ganzen Südpazifik gefischt wird, dann sind das enorm viele Vögel. Und das ist ein großes Problem." Janice Molloy, Seevogelbeauftragte der neuseeländischen Regierung

Vor allem illegale Fischer kümmern sich nicht um den Beifang von Seevögeln – sie interessiert nur, möglichst schnell möglichst viele Fische zu fangen. Tierschützer schätzen, dass ein Drittel aller toten Albatrosse auf das Konto von Hochseepiraten geht. Doch auch in neuseeländischen Hoheitsgewässern sterben noch immer viel zu viele Seevögel – darunter in den letzten 20 Jahren mehr als 70.000 Albatrosse.

Die Fischerei in Neuseeland ist ein Milliardengeschäft

Die Fischerei in Neuseeland ist ein Milliardengeschäft, aber die Branche reguliert sich praktisch selbst. Dan Johns ist Skipper eines von 60 Fangbooten des neuseeländischen Fischfangriesen Sealord. Er will, daß das auch weiter so bleibt. Trotz der Kritik von Vogelschützern.

"Ich glaube nicht, dass auch nur ein Fischer absichtlich Seevögel umbringt. Jeder weiß Bescheid, und viele treffen auch Vorsichtsmaßnahmen. Aber den schwarzen Schafen der Branche muss klar werden, dass die Albatrosse gefährdet sind. Drohungen von Politikern helfen gar nichts. Jeder muss selbst den aufrichtigen Willen haben, Seevögel mehr zu schützen." Dan Johns, Hochsee-Fischer

Die Regierung des Nachbarn Australien will ganz genau wissen, was auf hoher See passiert. Satelliten-Positionierungssysteme sind auf jedem Fischerboot Pflicht. Gebiete, in denen früher viele Albatrosse als Beifang umkamen, sind tabu. Wer dort trotzdem fischt, muss mit einer Geldstrafe und sogar dem Verlust seiner Lizenz rechnen – die man ohne Vogelschutzmaßnahmen an Bord erst gar nicht bekommt.

Der frühere Labor-Abgeordnete für Dunedin, Pete Hodgson, hat 20 Jahre lang, unter anderem als Fischerei-Sprecher seiner Partei, dafür gekämpft die australischen Vorschriften auch in Neuseeland durchzusetzen. Nur teilweise mit Erfolg. Immerhin fahren heute zur Kontrolle auf den großen Trawlern stichprobenartig unabhängige Beobachter mit.

"Die Fischerei-Industrie soll endlich unsere Vorschriften beachten. Rücksichtslose Skipper dürfen nicht länger ungestraft davonkommen. Der Albatros-Beifang muss gegen null gehen. Ohne Vogelschutz-Einrichtungen darf kein Boot mehr auslaufen. Und wer mehr als eine bestimmte Anzahl Vögel fängt, muss Strafe zahlen. Passiert es ein zweites Mal, dann erhöht sich das Bußgeld." Pete Hodgson, ehem. Fischerei-Sprecher der Labor-Partei

Fischerboote mit Videokamera überwachen?

Für kleinere Boote empfahl Hodgson – wie in Australien und fünf Südseenationen – eine Überwachung der Bordaktivitäten per Videokamera. Ein Vorschlag, den die Fischergewerkschaft als "Bespitzelung" und "Missachten von Persönlichkeitsrechten" gleich wieder versenkte. Was geblieben ist sind die Beobachter, neutrale Kontrolleure des Fischereiverbandes, die mit der Crew an Bord gehen.

Sie haben das Recht, die Fahrt zu dokumentieren, fehlende Vogelschutz- oder Sicherheitsmaßnahmen zu filmen und nach ihrer Rückkehr anzuzeigen. Skipper Dan Johns glaubt, dass ihre bloße Anwesenheit dafür sorgt, dass die Fischer das Richtige tun.

"Ein Beobachter findet schnell heraus, ob die Crew etwas verbergen will oder sich anders als gewöhnlich verhält. Sein Job ist, Informationen zu sammeln und nicht, mögliches Fehlverhalten zu stoppen. Der Beobachter bringt Beweismaterial zurück, ohne sich dabei selbst auf hoher See in eine gefährliche Lage zu bringen." Dan Johns, Hochsee-Fischer

13 der insgesamt 21 Albatros-Arten brüten in neuseeländischen Gewässern, fast alle auf kleinen Inseln weit südlich vom Festland. Doch die Vögel respektieren keine Landesgrenzen. Albatrosse legen oft 200.000 Kilometer im Jahr zurück: Mehrmals von Neuseeland bis an die Küste Südafrikas oder Südamerikas und wieder zurück. Pete Hodgson macht sich nichts vor. Als früherer Fischereisprecher der Labour-Partei weiß er, dass nur ein globales Schutzabkommen dem Albatros wirklich helfen kann. Aber Neuseeland müsse mit gutem Beispiel vorangehen.

"Neuseeland bezeichnet sich als die Albatros-Metropole der Welt – bei uns gibt es mehr dieser Tiere als sonstwo auf der Erde. Schon allein deshalb haben wir die moralische Verpflichtung, erst bei uns alles für den Schutz der Albatrosse zu unternehmen, bevor wir von anderen Ländern verlangen, es uns gleich zu tun." Pete Hodgson, ehem. Fischerei-Sprecher der Labor-Partei

Verstöße gegen den Vogelschutz werden kaum geahndet

Eine weltweite "Rettet den Albatros"-Kampagne von Tierschutzverbänden gipfelte vor gut zehn Jahren in einer internationalen Erklärung, in der sich Fischfangnationen wie Australien, Neuseeland, Ecuador, Spanien und Südafrika dazu bereit erklärten, Albatrosse und andere Sturmvögel besser zu schützen. Doch angezeigt und vor allem geahndet werden Verstöße kaum, Geldstrafen oder ein Entzug der Fanglizenz zwar angedroht aber nur in seltenen Fällen ausgesprochen – oft aus Mangel an eindeutigen Beweisen.

Vogelschützer in Neuseeland fordern, den Beifang von Albatrossen unter dem Tierschutzgesetz zu verfolgen und zu bestrafen um stark gefährdete Arten wie die Gelbnasen-, Amsterdam- oder Schwarzbrauen-Albatrosse vor dem Aussterben zu bewahren. Zähe, mächtige Vielflieger und Meister des schwerelosen Windsegelns.

Albatrosse können über 40 Jahre alt werden – ohne Haken

Zurück in Taiaroa Head hoch über Dunedin. Ranger Allan Hansen zeigt der nächsten Besuchergruppe die Brutplätze des Königsalbatros. Er erzählt von ihrem eigenwilligen Balztanz, dass ein Paar meist ein Leben lang zusammenbleibt und dass die Tiere älter als 40 Jahre werden können – wenn sie nicht vorher weit draußen an einem Fischhaken verenden. Noch haben die Albatrosse die Lufthoheit auf hoher See.

Shirley Thornbury von der "Royal Albatross Kolonie" hofft, dass sich auch bald die wichtigsten Fischereinationen USA, China, Japan und die Länder Südamerikas zum Schutz der Albatrosse verpflichten. Bevor die Weiten des Südpazifiks zum Friedhof für den Wanderer der Meere werden.

"Wenn nur die Fischer begreifen würden, dass sie keine Fische fangen können, wenn ein toter Albatros am Haken hängt. Damit verdienen sie kein Geld. Irgendwann sehen sie das hoffentlich ein. Ich bleibe positiv. Es hat keinen Zweck zu sagen: Die Albatrosse sind in 50 Jahren verschwunden. Ich hoffe, dass es nicht soweit kommen wird." Shirley Thornbury, Mitarbeiterin der Albatross-Brutkolonie in Dunedin

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