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Unternehmen in Italien unter Druck

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Firmen in Italien unter Druck: Keine Hilfen, viel Bürokratie

Wochenlang ging bei Scarabeo, einem Hersteller für Badkeramik, nichts mehr. Der Betrieb war wegen Corona geschlossen, wie die meisten anderen in Italien. Seit vergangener Woche laufen die Maschinen wieder - aber die Firma steht unter Druck.

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"Das Grundprodukt von Vitreous China oder Clay, die wir als Keramik benutzen, ist flüssig", sagt Giovanni Calisti. Es besteht zu 40 Prozent aus Wasser und dieses Wasser muss heraus. Dafür braucht es Hitze und Ventilation. An der Decke hängen große Ventilatoren. Giovanni Calisti zeigt mit der Hand nach oben, zur Decke der Produktionshalle.

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Scarabeo-Chef Giovanni Calisti in seinem Firmensitz in Fabricia di Roma

© BR/Elisabeth Pongratz

Scrabeo-Firmensitz in Fabricia di Roma, Region Latium

Es ist feucht und warm, an die 35 Grad. Die Rohlinge der Waschbecken und Toiletten müssen trocknen, damit verändert sich auch die dunkle graue Farbe in eine helle – so wie man es meist aus dem Badezimmer kennt. Vor mehr als 45 Jahren hat Calisti seinen Betrieb Scarabeo für Badkeramik gegründet, als innovativ und exklusiv sind seine Produkte bekannt. Das Meiste wird exportiert, viel nach Deutschland, aber auch in die ganze Welt.

"Bestellungen treffen immer noch ein. Nicht mehr so viele wie vor dem Lockdown oder der Corona-Krise, aber sie kommen." Firmenchef Giovanni Calisti

Viele Firmen waren wochenlang geschlossen

Mehr als acht Wochen lang ging in Italien fast nichts mehr. Die Unternehmen standen still, nur wo unbedingt nötig, durfte weitergearbeitet werden. Auch bei Scarabeo mussten die mehr als 70 Angestellten zuhause bleiben, in der Provinz Viterbo rund 60 Kilometer nördlich von Rom. Kurzarbeitergeld sollten sie bekommen, doch viele im Land mussten wochenlang ohne die versprochene staatliche Unterstützung zurechtkommen. Und die Unternehmen? "Der Staat hat gesagt, dass er uns helfen wird, aber wir wissen noch nicht, wie", sagt Calisti.

Die nächsten Jahre werden schwierig

Seinem eigenen Unternehmen, so meint Calisti, gehe es momentan zwar noch einigermaßen gut. Sie sind sogar dabei, das Betriebsgelände zu erweitern. Planungen noch aus dem vergangenen Jahr. Und immerhin laufen jetzt seit Anfang Mai wieder die Maschinen, alle Mitarbeiter haben zu tun. So rechnet der Firmenchef für 2020 mit rund 10,5 Millionen Euro Umsatz. Und trotzdem: Die nächsten Jahre würden schwierig, sehr schwierig.

"Bedenkt man, dass in bestimmten Bereichen – wie beispielsweise in der Hotellerie, in der Veranstaltungsbranche oder auch im Baugewerbe wahrscheinlich der Hälfte der Firmen nicht geholfen wird, dann öffnen sie nicht wieder. Es ist dieser wirtschaftliche Kreislauf, hört es auf, dann hört alles auf." Firmenchef Giovanni Calisti

Bürokratischer Wildwuchs

Wie viele andere Firmen ist auch der kleine, aber feine Hersteller von Badkeramik in die internationalen Verflechtungen eingebunden. Etliche Rohstoffe bekommt Scarabeo schon seit einiger Zeit nur aus anderen Ländern wie der Slowakei oder England. Denn für das hochwertige Material der Waschtische, WCs oder seit neuestem auch einer extrem dünnen Duschwanne finden sie keine passenden Produkte aus italienischer Herstellung.

Die Lieferungen kommen an, jetzt – während der ersten Lockerungen – können sie auch weiterverarbeitet werden. Doch mit einem Problem muss sich Calisti weiterhin herumschlagen. Es ist altbekannt, die Bürokratie in Italien bringt die Menschen zur Verzweiflung, lähmt die Wirtschaft und schreckt Investoren ab. Dieser bürokratische Wildwuchs hat während der Corona-Krise nochmals ordentlich zugelegt. Nun könnte er, so ist der Unternehmer aus der Region Latium überzeugt, sich tatsächlich verheerend auswirken.

"Weil wir in Italien leider von der Bürokratie leben. Aber wenn sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht etwas ändert und vereinfacht wird, dann können wir an der Bürokratie auch sterben." Firmenchef Giovanni Calisti

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