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So demonstrieren die anderen für das Klima | BR24

© Britta Pedersen / dpa

"Rettet meine Welt": Der sechsjährige Jonathan demonstriert in Berlin

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So demonstrieren die anderen für das Klima

Im heißen Sommer 2018 stand die 15-jährige Greta Thunberg mit ihrem Plakat "Schulstreik fürs Klima" allein vor dem schwedischen Reichtag. Heute demonstrieren Schüler an rund 1.700 Orten in 105 Ländern für die Klimarettung. Eine Bewegung mit Zukunft?

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Karla (14) hat sich heute in der Schule krank gemeldet. Ihre Lehrer ahnen und akzeptieren, dass Karla nicht von einem Virus, sondern von der Begeisterung für eine neue Massenbewegung angesteckt ist, und nicht die Grippe hat, sondern einen Termin vor dem Kapitol in Washington DC. Hier findet heute die größte Kundgebung von #FridaysForFuture in den USA statt - eine von mehr als 160. 1.660 sind es weltweit, vielleicht auch mehr - in einigen Gegenden der Welt wie etwa Afrika fließen die Informationen spärlich.

Die USA sind neben Europa und Asien eines der Zentren der Bewegung, was nicht zuletzt an Donald Trumps Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens liegt. Und Karla ist eine der wichtigsten Organisatorinnen des Protests. Eigentlich geht sie in die 8. Klasse. Jetzt hängt sie ständig in Telefonkonferenzen mit den Organisatoren der "Fridays for Future" quer durch die USA von Minnesota nach Texas, von Ohio bis Kalifornien.

"Die Politiker müssen uns ernst nehmen, denn wir müssen mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben. (...) Wenn sich nichts ändert, werden wir weiter streiken. Das ist ein Versprechen. Wir streiken weiter." Karla, 14, Klimaschützerin aus Washington

Proteste von Melbourne bis Moskau

Noch sind die Proteste und die Reaktionen darauf unterschiedlich verteilt. In Europa zählt neben Skandinavien, Deutschland und Frankreich auch Spanien mit 50 Demonstrationen zu den Zentren. In Italien und Polen nimmt die Bewegung gerade Fahrt auf, in Großbritannien haben die Bildungspolitiker den Schülern wie schon in Hong Kong ernsthafte Konsequenzen angedroht - was diese nur wenig beeindruckt hat. In Russland, wo inzwischen in vier Städten demonstriert wird, sind die Proteste in die Abendstunden verlegt und finden eher wenig Resonanz - was vielleicht auch an Wladimir Putins Aussage liegen könnte, ein bis zwei Grad mehr wären für Russland nur vorteilhaft.

Greta Thunberg und ihr "Skolstrejk för Klimatet"

Begonnen hat alles im August 2018 in Stockholm, als die damals 15-jährige Greta Thunberg sich mit einem mit schwarzem Filzschreiber beschrifteten Pappkarton vor dem schwedischen Reichstag postierte, der damals gerade neu gewählt wurde. Das Wahlergebnis hat sie damit nicht beeinflusst, und es dauerte etwas, bis die Einzelkämpferin Mitstreiter gefunden hatte. Doch im Spätwinter 2019 sind weltweit mehr Länder beteiligt, als im Herbst Demonstranten vor dem Reichstag standen.

"Fridays for Future" in Bayern

Auch in Deutschland waren heute Zehntausende Schüler und Schülerinnen unterwegs. Allein auf dem Münchner Odeonsplatz hatten sich im strömenden Regen am Ende 10.000 versammelt - mehr als jemals zuvor, seit die Streikaktion läuft. In mindestens 30 bayerischen Städten wurde heute demonstriert, auch in den kleineren Städten Bayerns von Bogen bis Weilheim engagierten sich die Schüler (hier Berichte aus Ostbayern, aus Oberfranken und Unterfranken.)

Insgesamt hat die Bewegung in Deutschland nach eigenen Angaben mehr als 155 Ortsgruppen. Sie seien weder an eine Partei noch an eine Organisation gebunden, betonen die Organisatoren. Sie fordern von der deutschen Regierung mehr Klimaschutz und einen raschen Kohleausstieg "und zwar nicht erst in zehn Jahren", wie sie auf ihrer Webseite schreiben.

Lindner (FDP): Klimaschutz ist eine Sache für Profis

Neben Unterstützung aus Teilen der Politik - etwa von den Grünen und Kanzlerin Angela Merkel - müssen die Schüler auch Kritik einstecken. So erklärte FDP-Chef Christian Lindner, man könne von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, die Zusammenhänge der Klimakrise zu verstehen - das sei eine Sache für Profis. Umstritten ist auch, ob eine politische Forderung - und sei es eine berechtigte - das Fernbleiben vom Unterricht rechtfertigen könne. Bei einer BR24-Umfrage vom 19. Januar äußerte sich eine knappe Mehrheit ablehnend.

"Oldies for Future": Auch Eltern und Ältere gehen auf die Straße

Inzwischen scheint die Unterstützung zu wachsen. So erfahren die Schüler in mehreren bayerischen Städten wie Bogen und Deggendorf Unterstützung durch Ältere, die sich als "Parents for Future" oder "Oldies for Future" solidarisieren.

"Ich sehe auch gerade unsere Generation in der Pflicht, die gut gelebt hat und ihren Teil dazu beigetragen hat, dass die Ressourcen ausgebraucht und CO2 ausgestoßen wurde." Klaus von Eichhorn, 67, Deggendorf

Auch die von der FDP angesprochenen "Profis" haben sich zu Wort gemeldet. Seit dieser Woche stärken 12.000 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum den Schülern den Rücken.

Strohfeuer oder Geburt einer Massenbewegung?

Ob die Proteste weitergehen und letztendlich Wirkung zeigen, hängt für die norwegische Soziologin Karen O'Brien nun nicht zuletzt davon ab, wie sich die Älteren verhalten.

"Es geht nicht nur um die Zahl der Jugendlichen, die streiken, sondern auch um Gespräche in der Familie, unter Freunden und in der Schule, die ausgelöst werden" Karen O'Brien, Universität Oslo

Entscheidend wird auch sein, wie sich nach dem Abflauen der aktuellen Begeisterung das Engagement der Schüler und das Medieninteresse entwickeln. Das Beispiel zu wenig fokussierter früherer Protestbewegung wie "Occupy Wallstreet" gibt Anlass zur Skepsis. Das jugendliche Alter der Klima-Demonstranten hingegen muss kein Nachteil sein - im Gegenteil.

Vorbild aus Bayern: Felix, der Baumpflanzer

Hoffnung könnte den Aktivisten das Beispiel des damals neunjährigen Felix Finkbeiner aus dem oberbayerischen Uffing geben. Er hatte 2007 mit Unterstützung seiner Familie das Klimaschutzprojekt "Plant-for-the-Planet" gestartet, bei dem Kinder und Jugendliche Bäume pflanzen, damit diese das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen. Daraus ist eine internationale Bewegung entstanden, die schon nach kurzer Zeit drei Millionen Bäume gepflanzt hat. Heute sind es bereits 15 Milliarden.

Mit Korrespondentenmaterial aus den USA (Martina Buttler), Russland (Chistina Nagel) und Spanien (Oliver Neuroth)