BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

"Familiendrama" statt "Frauenmord": Medien und Gewalt an Frauen | BR24

© BR

Alle zwei bis drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In den Medien erscheint das als Eifersuchtstat, Familientragödie, Ehrenmord. Warum?

10
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Familiendrama" statt "Frauenmord": Medien und Gewalt an Frauen

Alle zwei bis drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In den Medien erscheint das als Eifersuchtstat, Familientragödie, Ehrenmord. Warum?

10
Per Mail sharen
Teilen

Jede vierte Frau in Deutschland hat laut Bundesfamilienministerium mindestens einmal in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Gewalt in der Partnerschaft erlebt. 2017 wurden laut Bundeskriminalamt 147 Frauen ermordet. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum wurden 34 Männer getötet. Es sind Zahlen, die alarmieren und gleichzeitig verwundern – in den Medien kommen Begriffe wie Frauenmord oder Femizid kaum vor.

Medien berichten von Einzeltaten

Der gemeinnützigen Verein Gender Equality Media will darauf aufmerksam machen und durchforstet die Online-Ausgaben der großen überregionalen Zeitungen nach Berichten über Gewalt an Frauen. Die häufigsten Schlagwörter sind Eifersuchtsdrama, Eifersuchtstat, Familientragödie, Familiendrama, Beziehungstat, aber auch Bluttat, Ehrenmord, außerdem Sexgangster, Sexopfer, Sexsklavin, Sexmörder.

Das Medienscreening ergibt, dass solche problematischen Begriffe besonders häufig in Bild, Welt, Stern und Focus zu finden sind. Auch in regionalen Zeitungen kommen sie öfter vor, weil dort besonders häufig Formulierungen von Nachrichtenagenturen übernommen werden. In der Süddeutschen Zeitung, der TAZ und dem Spiegel tauchen unsensible Begriffe zwar seltener auf. Grund dafür ist vor allem, dass dort generell weniger über solche Fälle berichtet würde.

Es geht um ein strukturelles Problem

Wird bei Gewalt an Frauen – Mord, Totschlag, sexuelle Belästigung, gefährliche Körperverletzung – von "Familiendrama" oder "Beziehungstat" gesprochen, wird die Gewalt an Frauen nicht als solche benannt. "Wenn wir in jedem Artikel darüber, dass eine Frau an Gewaltfolgen stirbt, das Wort Frauenmord lesen würden, hätten viele Menschen das wahrhaftige Gefühl, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt," sagt Leonie Dorn vom gemeinnützigen Verein Gender Equality Media.

Auch Katharina Göpner, Referentin in der Geschäftsstelle des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, bemängelt, dass Begriffe wie Sextäter, Familien- oder Eifersuchtsdrama auf betroffene Frauen verharmlosend wirken. Das Gefühl, mit der erlebten Gewalt nicht gesehen zu werden, aber auch, selbst daran Schuld zu sein, würde dadurch verstärkt.

Medienschaffende sind nicht sensibel genug

Wie kommt es, dass Medienschaffende die genannten Begriffe nach wie vor häufig benutzen? Brigitte Geiger, Lehrbeauftragte an der Universität Wien mit Schwerpunkt feministischer Medienforschung, nennt journalistische Routinen als einen Grund: "Diese Begriffe wurden immer schon verwendet und werden unreflektiert weiter verwendet werden. Es hat sicher auch damit zu tun, dass sie gut in den herkömmlichen Diskurs zu Gewalt an Frauen passen. Also diese Trennung von privat und öffentlich, dass all das, was in der Familie passiert, als privat gilt, das wurde erst in den letzten Jahren wirklich thematisiert: Wieweit da Gewalt eine Rolle spielt, wieweit da Machtverhältnisse eine Rolle spielen, das sollte durchaus ein öffentliches Thema sein."

Andererseits sind sich die Expertinnen einig, dass Medienberichte über Gewalt an Frauen durchaus positive Effekte haben können: Wenn sie auf unsensible Begriffe verzichten, Gewalt als solche benennen und darauf hinweisen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt: Einerseits könnten sie das Thema enttabuisieren, andererseits könnten sie Betroffene ermutigen, sich Hilfe zu suchen.