BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Wolfgang Rattay

Der dänische Fußballspieler Christian Eriksen musste am ersten EM-Wochenende nach einem Herzstillstand auf dem Platz reanimiert werden - Erste Hilfe rettete sein Leben. Experten sagen, entscheidend sei der Grundsatz: "Prüfen - Rufen - Drücken."

  • Artikel mit Video-Inhalten

Herzstillstand beim Sport: Wenn jede Sekunde zählt

Der dänische Fußballspieler Christian Eriksen musste bei der EM nach einem Herzstillstand auf dem Platz reanimiert werden - Erste Hilfe rettete sein Leben. Experten erklären, worauf es in einem solchen Ernstfall ankommt.

Von
Julia MumelterJulia MumelterBR24  RedaktionBR24 Redaktion

"Danke an alle - ich gebe nicht auf!" So zitiert eine italienische Sportzeitung den dänischen Fußballspieler Christian Eriksen zwei Tage nach seinem Herzstillstand. Der 29-Jährige Profifußballer sagt, es gehe ihm gut und er wolle nun verstehen, was passiert ist.

Eriksen war am Samstag beim EM-Vorrundenspiel gegen Finnland zusammengebrochen und musste auf dem Platz reanimiert werden. Der Schock sitzt bei vielen tief. Laut Experten ist Eriksen nach der erfolgreichen Reanimation jetzt in stabilem Zustand. Doch viele Menschen überleben einen Herzstillstand nicht.

Immer wieder einzelne Fälle von plötzlichem Herztod im Profisport

Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Kölns, spricht von mindestens 70.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an plötzlichem Herzversagen sterben – vermutlich seien es aber noch deutlich mehr. Als Todesursache sei "der plötzliche Herz-Kreislaufstillstand fast so häufig wie alle Krebserkrankungen zusammen, sagte Böttiger der Deutschen Presse-Agentur. Er ist sicher: Wüssten alle Menschen, wie Wiederbelebung funktioniert, "könnten wir jedes Jahr zusätzlich 10.000 Menschenleben bei uns retten".

Wie es zu einem plötzlichen Herz-Kreislaufstillstand beim Sport kommen kann, dazu forscht der Kardiologe und Sportmediziner Martin Halle von der TU München. Der plötzliche Herztod beim Sport ist zwar selten, aber sowohl im Freizeit- als auch im Profisport gibt es trotz Untersuchungen immer wieder einzelne Fälle.

Eine mögliche Ursache: Eine Herzmuskelentzündung

"Da stellt man sich natürlich die Frage: Wie kann sowas passieren bei so jemandem Jungen, Fitten?", sagt Halle. Eine wesentliche Erklärung dafür sei: "Etwas muss am Herzmuskel nicht in Ordnung sein." Das könne zum Beispiel eine Herzmuskelentzündung sein.

So eine Herzmuskelentzündung kann entstehen, wenn man eine Infektion wie zum Beispiel eine Erkältung oder Durchfall noch nicht ganz auskuriert hat und dann schon wieder Sport treibt. Eine viel häufigere Ursache für den plötzlichen Herztod beim Sport ist jedoch eine vererbbare Erkrankung, bei der es zu einer Verdickung des Herzmuskels kommt. Diese lässt sich jedoch erkennen, so Mediziner Halle.

Mögliche Herzfehler können im Ultraschall erkannt werden

"Indem man ein einfach ein Ruhe-EKG macht. Und das muss man bei jedem Sportteibenden machen, wenn dann Zweifel sind, dann nochmal einen Herzultraschall oben drauf, weil das nochmal genauer die Herzmuskelwände untersuchen kann." So könne ein möglicher Herzfehler erkannt werden.

Der dänische Fußballprofi Eriksen wird noch einige Tage für Untersuchungen im Krankenhaus bleiben müssen. Was genau die Ursache für seinen Herzstillstand war und ob er irgendwann wieder Profisport betreiben kann, das wird gerade noch untersucht.

Experte: Grund für Herzstillstand bei Sportlern oft Entzündungen

Im Durchschnitt, so der Experte Bernd Böttiger, seien vom plötzlichen Herzstillstand betroffene Menschen etwa Mitte 60, rund zwei Drittel von ihnen seien Männer. Hauptursache können demnach ein Herzinfarkt oder schwere Herzrhythmusstörungen sein. Seltener seien Entzündungen des Herzmuskels oder der Herzkranzgefäße oder angeborene Anomalien.

Mit Blick auf den erst 29 Jahre alten Eriksen sagt Böttiger: "Bei jüngeren, gesunden Menschen sind all diese Dinge sehr, sehr selten, aber nicht ausgeschlossen." Bei Sportlern, die einen Herz-Kreislaufstillstand erlitten, könnten Entzündungen ausschlaggebend sein. Möglicherweise könne eine Grippe oder ähnliche Erkrankung unbemerkt auf das Herz schlagen. Der Herzstillstand könne die Menschen dann aus heiterem Himmel treffen – "selbst wenn man noch so aktiv und gut in ärztlicher Behandlung ist", mahnt Böttiger.

Im Ernstfall zählt jede Sekunde

Philipp Sommer, Sprecher der Arbeitsgruppe Rhythmologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), verweist darauf, dass besonders bei Leistungssportlern auch sogenannte Ionenkanalerkrankungen als Auslöser denkbar seien. Dadurch, dass Leistungssportler normalerweise regelmäßige medizinische Checks absolvierten und kontinuierlich sportliche Höchstleistungen erbrächten, sei ein dysfunktionales Herz bei ihnen unwahrscheinlich. Bei den vererbbaren Ionenkanalerkrankungen sei das Herz "strukturell völlig in Ordnung", erklärt Sommer. Es handele sich letztlich um vererbbare Erregungsstörungen der Muskulatur oder des Nervensystems, die in normalen medizinischen Checks nicht auffielen.

Doch was ist zu tun, wenn das Herz nicht mehr schlägt? Im Ernstfall zähle jede Sekunde, betont Böttiger. Schließlich werde dann kein Blut mehr durch den Körper gepumpt, das die Organe mit Sauerstoff versorgt. Am sensibelsten reagiere das Gehirn auf Sauerstoffmangel. "Ohne Sauerstoff stirbt das Gehirn nach drei bis fünf Minuten." Und so schnell sei meist der Notarzt nicht da.

Herzdruckmassage kann Leben retten

Wenn man bei einem Menschen einen plötzlichen Herzstillstand erlebe, seien drei Schritte entscheidend: "prüfen, rufen, drücken". Zunächst müsse geprüft werden, ob die hilfsbedürftige Person bewusstlos sei und nicht oder nicht normal atme. Dann gelte es, Hilfe zu rufen – am besten über den Notruf 112. Danach könne eine schnelle, effektive Herzdruckmassage, die jeder beherrschen solle, Leben retten, sagt der Experte. Je später die beginne, desto geringer die Überlebenschancen.

Wichtig sei, die Herzdruckmassage möglichst ununterbrochen durchzuführen, um von außen die Pumpfunktion des Herzens aufrecht zu erhalten, bis der Rettungsdienst eintreffe, erklärt Böttiger. Mit beiden Händen müsse man in der Mitte des Brustkorbs fünf bis sechs Zentimeter tief drücken – 100 bis 120 Mal in der Minute. Orientierung könne der Takt vieler bekannter Lieder geben – etwa "Stayin` alive" von den Bee Gees oder "Atemlos" von Helene Fischer.

"Herzdruckmassage ist Pflicht, Defibrillator Kür"

Wenn mehrere Menschen vor Ort Erste Hilfe leisten könnten, sei es sinnvoll, sich abzuwechseln. Wenn noch eine Person übrig sei, könne die sich nach einem Defibrillator umsehen. Böttiger warnt aber ausdrücklich davor, diesen vor der Herzdruckmassage zu suchen. "Prüfen, rufen, drücken ist die Pflicht, ein Defibrillator die Kür." Im Ernstfall warnt Böttiger auch vor Zurückhaltung aus Angst, den Menschen zu verletzen. "Ich habe noch nie erlebt, dass jemand zu stark gedrückt hat. Wichtig ist: richtig fest drücken."

In Deutschland sieht Böttiger, der auch Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung ist, deutlichen Nachholbedarf bei der Laien-Wiederbelebung. Nur in etwa 40 Prozent der Fälle führten Passanten als Ersthelfer die lebensrettende Herzdruckmassage aus. Länder wie Dänemark seien hier viel weiter. "Genauso wie jeder Fahrrad fahren kann oder fast jeder schwimmen kann, sollte auch jeder wiederbeleben können."

Experte: Erste-Hilfe-Kurs schon für Kinder und Jugendliche

Der Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein komme viel zu spät – vielmehr brauche es ab der siebten Klasse mindestens zwei Stunden pro Schuljahr, in denen Kinder und Jugendliche Wiederbelebung lernten, fordert Böttiger.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

BR24 Rundschau

Schlagwörter