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Kampfmesser, die in Zukunft unter das Mitführverbot fallen sollen.
© picture-alliance / dpa / Markus Beck
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Kampfmesser, die in Zukunft unter das Mitführverbot fallen sollen.

Deutschland diskutiert über ein mögliches Messerverbot an vielen öffentlichen Plätzen. Der Bundesrat befasst sich am Freitag mit einem entsprechenden Änderungsvorschlag für das Waffengesetz. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner kommentierte den Vorschlag mit den Worten, die Migration von 2015 und der Jahre darauf habe das Problem erst ausgelöst. Ähnlich äußerte sich die AfD-Nürnberg schon im Februar auf Facebook.

Keine bundesweiten Daten zu Messerangriffen

Der BR hat die Innenministerien aller Bundesländer nach Angriffen mit Messern angefragt. Alle, die geantwortet haben, berufen sich auf länderspezifische Statistiken, die wiedergeben, was während der Ermittlungen zutage gefördert wird. Bundesweit werden Daten bisher nicht gesondert in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst, in einzelnen Bundesländern aber schon. Hier beziehen sich die Zahlen auf Tatverdächtige, nicht verurteilte Straftäter.

"Gefühlte Wahrnehmung" bei Flüchtlingen

Die Auswertung zeigt, dass sich Behauptungen, Flüchtlinge seien für "Messerattacken" hauptverantwortlich, im bundesweiten Vergleich nicht belegen lassen. Der Sprecher im bayerischen Innenministerium Oliver Platzer bezeichnet das als "gefühlte Wahrnehmung". Neben Bayern weist –von den Bundesländern, die auf unsere Anfrage geantwortet haben – auch Sachsen Delikte mit Messern bisher nicht extra aus.

Deutliche Zunahme bei Delikten mit Stichwaffen

Trotzdem gehe das Innenministerium davon aus, dass diese zugenommen haben. "Schwere Delikte mit Hieb- und Stichwaffen melden die einzelnen Polizeipräsidien an das Innenministerium", sagt Sprecher Platzer. Hier habe es eine "deutliche Zunahme" gegeben.

"Wir schauen uns das sehr genau an. Wir haben unübersehbar eine Zunahme von solchen Messerstechereien. Und das sind inakzeptable Entwicklungen", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Montag dem Bayerischen Rundfunk.

NRW, Hamburg, Sachsen-Anhalt erfassen Daten seit diesem Jahr

Deutschlandweit gibt es keine einheitlichen Standards bei der Auswertung von Delikten, die mit Messern begangen werden. Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Sachsen-Anhalt etwa begannen erst in diesem Jahr mit einer statistischen Analyse. "Demzufolge liegen uns valide Daten erst mit Ablauf des Jahres 2019 vor", teilte das Innenministerium Nordrhein-Westfalen mit.

Schleswig-Holstein und Niedersachsen erfassen Straftaten, bei denen Messer verwendet werden, bisher nicht explizit. Unter dem Oberbegriff "Stichwaffen" sind etwa in Niedersachsen Messer oder andere Hieb- und Stichwaffen zusammengefasst. Bei 99 Prozent der Stichwaffen handele es sich um ein Messer, so das niedersächsische Innenministerium. Im Jahr 2017 wurden in dem Bundesland 3.757 Fälle registriert, 2018 waren es 3.754. Zahlen zu Flüchtlingen als Tatverdächtige nennt das niedersächsische Innenministerium aber keine: "Im noch nicht abgeschlossenen mehrstufigen niedersächsischen Projekt werden in weiteren Schritten dann auch Aussagen zu Tatverdächtigen angestrebt. Aktuell ist das aber leider noch nicht möglich."

Die Migrationsentwicklung, so das Ministerium, sei auf keinen Fall Anlass für die Bundesratsinitiative gewesen. Niedersachsen und Bremen hatten den Änderungsvorschlag für das deutschlandweite Waffengesetz in den Bundesrat eingebracht. Der Vorschlag sieht Verbotszonen für Messer etwa in Fußgängerzonen oder öffentlichen Verkehrsmitteln vor.

Baden-Württemberg: Flüchtlinge statistisch überrepräsentiert

Baden-Württemberg misst die Zahl der "Messerattacken" schon seit ein paar Jahren und macht unter den angefragten Bundesländern die deutlichsten Angaben. Im ersten Jahr der Erfassung, 2014, waren in diesem Bundesland 753 Deutsche unter den gemeldeten Tatverdächtigen und 668 "Nichtdeutsche" - darunter wiederum 174 aus der Kategorie "Flüchtlinge/Asylbewerber".

Ab dem Jahr 2016 habe das baden-württembergische Innenministerium bemerkt, dass der mehrheitliche Teil der Delikte von nichtdeutschen Tatverdächtigen begangen wurde. Zudem seien jene Personen aus der Kategorie "Asylbewerber/Flüchtlinge" statistisch überrepräsentiert. In Zahlen bedeutet das: Während im Jahr 2016 745 deutsche Tatverdächtige gemeldet wurden, waren es 1.107 nichtdeutsche. Davon fielen wiederum 588 in die Kategorie "Asylbewerber/Flüchtlinge".

Im vergangenen Jahr hatten 1.052 der Verdächtigen keine deutsche Staatsbürgerschaft von insgesamt 1.757 Tatverdächtigen. Darunter waren 534 "Asylbewerber/Flüchtlinge". Ursache seien auch Streitigkeiten in den Asylbewerberheimen gewesen, so ein Ministeriumssprecher.

Beengte Wohnverhältnisse in Asylbewerberheimen

Auslöser für Konflikte unter Flüchtlingen können die beengten Wohnverhältnisse in Asylbewerberheimen sein. "Je beengter Menschen zusammenleben, desto höher ist das Stresslevel", sagt Prälat Bernhard Piendl, Direktor des bayerischen Caritasverbandes.

"Wir führen keine Statistiken über Aggressionen. Man kann aber schon sagen: Je kleiner die Unterkunft, je weniger Leute in den Zimmern, desto besser ist die Atmosphäre", so Piendl. Die Caritas versuche die Wohnverhältnisse in den Asylbewerberheimen zu verbessern. Dies gelinge aber nicht immer. Piendl zufolge kommt es auch darauf an, wie traumatisiert die Flüchtlinge sind und ob in den Einrichtungen auf diese Traumatisierungen eingegangen werde – auch um mögliche Streitigkeiten zu verhindern.

"Messerangriffe": Wie misst Berlin?

Das Bundesland Berlin erfasst Straftaten mit dem Tatmittel Messer ebenfalls. Im vergangenen Jahr waren es laut Senatsverwaltung für Inneres und Sport 2.795 Fälle, davon wurden 1.928 Fälle aufgeklärt. Bei 52,4 Prozent dieser Fälle war mindestens einer der Tatverdächtige kein Deutscher.

Wie viele Flüchtlinge unter den Verdächtigen sind, dazu macht Berlin keine Angaben. Das Bundesland weist im Gegensatz zu anderen Ländern darauf hin, dass Messer als Tatmittel bei Tötungsdelikten, Raub und Körperverletzungen auch dann erfasst würden, wenn ein Täter ein Messer am Hosenbund sichtbar mitführe, es aber nicht als Tatwaffe im Sinne von "Verletzungen zufügen" einsetze.

Hessen: Immer mehr Tatverdächtige ohne deutsche Staatsbürgerschaft

Schleswig-Holstein zählt Taten mit "Stichwaffen" seit 2014. Aus der Statistik geht hervor, dass unter den Tatverdächtigen mehrheitlich deutsche Staatsbürger waren, der Anteil der Verdächtigen mit einer anderen Staatsbürgerschaft ist aber angestiegen. Im Jahr 2014 etwa waren es 710 Deutsche, 181 Personen hatten eine andere Staatsbürgerschaft. 2018 waren es 627 deutsche Staatsbürger und 412 waren "Nichtdeutsche".

Hessen, das schon seit 2012 eine Auswertung zum "Tatmittel Messer" vornimmt, habe festgestellt, dass die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen inzwischen zugenommen hat. Hatten 2012 noch rund 44 Prozent der insgesamt 1.015 Verdächtigen keine deutsche Staatsbürgerschaft, waren es im vergangenen Jahr rund 57 Prozent von 1.310 mutmaßlichen Tätern. Aber auch hier lässt sich nicht herauslesen, wie viele davon Flüchtlinge sind.

Polizeigewerkschaft fordert deutschlandweiten Überblick

Für das gesamte Bundesgebiet gibt es keine belastbaren Zahlen, die sich mit "Messerangriffen" befassen. Die bundesweit festgelegten Kriterien zur Erstellung der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sehen bisher keine Angaben zum Tatmittel "Messer" vor.

Somit lässt sich auch nicht feststellen, inwieweit Flüchtlinge in einem deutschlandweiten Vergleich für die Taten verantwortlich sind. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, fordert einen Gesamtüberblick: "Dann wüssten wir, wie die Polizei reagieren muss. Wir könnten die Täter nach Regionen, Geschlecht und Herkunft sortieren", sagt er. Was Malchow außerdem sagen kann: Dass vor allem junge Männer unter den Tatverdächtigen seien – mit und ohne Migrationshintergrund.

Tragen von Messern hat "Einfluss auf Gewaltverhalten"

Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) arbeiten derzeit an einer bundesweit einheitlichen Erfassung, das könne aber noch Jahre dauern. Bisher kann das BKA keine Aussagen dazu treffen, ob Angriffe mit Messern in Deutschland zunehmen. Befragungen zeigten allerdings einen Trend zum häufigeren Messertragen, insbesondere bei Menschen zwischen 14 und 39 Jahren. "Als Gründe für das Mitführen eines Messers werden insbesondere die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, sowie die Orientierung an Männlichkeitsnormen angeführt", schreibt ein BKA-Sprecher.

Nach BKA-Angaben geht aus Studien hervor, dass das Tragen von Messern Einfluss auf das Gewaltverhalten haben kann: Jugendliche, die Messer mit sich führen, haben demnach ein doppelt so hohes Risiko, Gewalttaten auszuführen, wie Jugendliche, die kein Messer mit sich führen.

Wer die Messerstecher sind? Statistik gibt keine Antwort

Fazit: Es gibt für ganz Deutschland keine belastbaren Zahlen, die sich mit "Messerattacken" befassen. Wichtiger Grund: Bisher gibt keine einheitlichen Standards. Ein Bundesland wie Bayern hat bisher gar keine Statistik geführt, andere Bundesländer erfassen dagegen das Messer als Tatmittel schon seit ein paar Jahren. Allerdings gibt es meist keine genauen Angaben, wie viele Flüchtlinge sich unter den Tatverdächtigen befinden. So kann die Behauptung, Flüchtlinge seien hauptverantwortlich für eine Zunahme an "Messerattacken", nicht untermauert werden.