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#Faktenfuchs: Warum RKI-Chef Wieler nicht "nur ein Tierarzt" ist | BR24

© dpa-Bildfunk/Michael Kappeler

RKI-Präsident Wieler (M) in einer Pressekonferenz am 5.2.21, li: Klaus Chichutek, Paul-Ehrlich-Institut; re: Gesundheitsminister Spahn (CDU)

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#Faktenfuchs: Warum RKI-Chef Wieler nicht "nur ein Tierarzt" ist

RKI-Präsident Lothar Wieler ist Veterinärmediziner. Wenn Kritiker, auch in BR24-Kommentaren, den renommierten Wissenschaftler aber nur als "Tierarzt" bezeichnen, ist das ein rhetorisches Handeln, für das es auch eine psychologische Erklärung gibt.

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Von
  • Patrizia Kramliczek

In Social-Media-Posts und auch in den Kommentarspalten von BR24 wird der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler immer wieder als "Tierarzt Wieler" bezeichnet: "und so sprach der Tierarzt", schreibt beispielsweise eine Userin unter einen Facebook-Post, "Sagt der Viehdoktor", kommentiert ein anderer User und "Fachtierarzt sagt doch schon alles", meint ein anderer.

Der #Faktenfuchs klärt, inwiefern die Bezeichnung zutrifft.

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Kommentare auf BR24-Facebook zu Lothar Wieler als Tierarzt.

Die Qualifikation des RKI-Präsidenten geht weit darüber hinaus. Als das Bundesgesundheitsministerium im Februar 2015 vermeldete, dass Wieler zum 1. März 2015 die Leitung des Robert Koch-Institutes (RKI) übernehmen würde, beschrieb es wichtige Stationen seines Werdegangs: "Prof. Dr. Wieler wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert. Seit 1998 ist er Professor und aktuell geschäftsführender Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin. Seine wissenschaftlichen Tätigkeiten an den Universitäten in München, Ulm und Gießen sowie Forschungsaufenthalte in den USA und Großbritannien konzentrierten sich auf die Mechanismen der Übertragung von Infektionserregern und deren krankheitsauslösenden Faktoren."

Spezialgebiet Krankheitserreger aus dem Tierreich

Zur wissenschaftlichen Tätigkeit Lothar Wielers machte das Robert Koch-Institut in seiner Pressemitteilung vom 26. Februar 2015 nähere Angaben: "Sein Arbeitsgebiet sind Zoonosen, das sind Erreger, die zwischen Tieren und Men­schen übertragen werden. Neu auftretende Krankheitserreger stammen häufig aus dem Tierreich, dazu zählen zum Beispiel das MERS-Coronavirus, das SARS-Virus, Ebolaviren oder die landwirtschaftsassoziierten multi­re­sis­tenten Staphylococcus aureus (la-MRSA)."

Krankheitserreger, die sich von Tieren auf den Menschen übertragen, sind also das Spezialgebiet von Wieler. Auch das Coronavirus Sars-CoV-2, das die Ursache für die derzeitige Pandemie ist, stammt nach jetzigem Wissensstand aus dem Tierreich - vermutlich von Fledermäusen.

Mitglied in WHO-Gremien

Wieler, dessen Vater ein Tierarzt in Königswinter-Oberpleis bei Bonn war, begann seine Laufbahn 1980 mit dem Studium der Veterinärmedizin und legte nach Promotion und Habilitation die Prüfung zum Fachtierarzt für Mikrobiologie im Jahr 1997 ab. Mit seiner Professur für Mikrobiologie und Tierseuchen von 1998 bis 2015 sowie seinen Forschungen zu Zoonosen und multiresistenten Bakterien sammelte er weitere Qualifikationen. Heute ist Wieler ein national und international anerkannter Wissenschaftler und Gesundheitsmanager.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt in ihrer Kurzbeschreibung zu Wieler an, dass er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des internationalen Netzwerks "Global Research Collaboration for Infectious Disease Preparedness (GloPID-R)" ist, das Fördereinrichtungen zusammenbringt, um die Forschung gegen Infektionskrankheiten zu befördern.

Zudem ist Wieler Mitglied im Europäischen Beratungsausschuss für Gesundheitsforschung (EACHR), der die WHO in der Forschungsförderung und Koordination berät, und stellvertretender Sprecher des Forschungskonsortiums InfectControl 2020, einem Forschungsverbund zur Erkennung und Eindämmung von Infektionskrankheiten, und er ist Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften.

Als Präsident des RKI muss Wieler nicht nur wissenschaftliche Qualifikationen, sondern auch "Managementqualifikationen in hohem Maße" mitbringen, wie das Bundesgesundheitsministerium auf #Faktenfuchs-Anfrage mitteilt. Eine wesentliche Aufgabe des Robert-Koch-Instituts sei es, das Bundesgesundheitsministerium, andere öffentliche Institutionen sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst zu beraten, fundierte und neutrale Informationen bereitzustellen.

"Ein Tierarzt": eine rhetorische Herabstufung

Was steckt dahinter, wenn ein international anerkannter Wissenschaftler in Social-Media-Posts und Kommentaren auf "Tierarzt Wieler" reduziert wird?

"Die Bezeichnung eines Professors für 'Mikrobiologie und Tierseuchenlehre' als 'Tierarzt' ist rhetorisch auf jeden Fall als Grenzverschiebungstrope anzusehen", erklärt Martin von Koppenfels, Professor am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das heißt vereinfacht gesprochen: Statt sich auf Wielers gesamte Laufbahn zu beziehen, wird ein Teil davon herausgegriffen, nämlich die Qualifikation des Fachtierarztes. "Nach dieser Logik könnte man einen Gymnasiallehrer auch als 'Abiturienten' bezeichnen", sagt von Koppenfels.

Zudem finde eine zweite Verschiebung statt: die zwischen Praxis und wissenschaftlicher Forschung. "Die Bezeichnung 'Tierarzt' soll natürlich suggerieren, es handle sich um einen Feld-, Wald- und Wiesenarzt. Diese Verschiebung ist perfide", sagt der Literaturwissenschaftler. Denn dahinter stehe ein bewusstes Missverständnis der Bezeichnung "Fachtierarzt", die keinen praktischen Beruf, sondern einen akademischen Grad bezeichne.

Die soziale Wirkung beider Verschiebungen - von der gesamten Karriere auf eine frühe Stufe der Laufbahn und von der Wissenschaft in die medizinische Praxis – sei eine Degradierung. Denn höhere, vorhandene akademische Titel würden dadurch gewissermaßen aberkannt.

Von Koppenfels sieht in dem rhetorischen Schachzug noch einen dritten Aspekt: das Ignorieren der Erkenntnis, dass ein Erreger wie Sars-CoV-2 die Tier-Mensch-Schranke überschreitet und die Unterscheidung zwischen Tier- und Humanmedizin aufweicht.

"Die Tatsache, dass die Menschheit durch Viren, die nach einer gängigen Theorie von Fledermäusen stammen, so massiv in die Schranken gewiesen wird, bedeutet eine hässliche Kränkung unserer humanen Großartigkeit. Diese Zumutung kann ich elegant verleugnen, wenn ich sage: 'Der ist ja bloß Tierarzt, und kann daher von dieser Pandemie keine Ahnung haben!'" Martin von Koppenfels, LMU München

Strategie, um Wissenschaft abzuwerten

Für Psychologen ist es ein bekanntes Phänomen, dass Menschen Forschungsergebnisse durch die Brille ihrer bestehenden Einstellungen und Überzeugungen wahrnehmen. "Wenn Wissenschaft solche Vorannahmen 'bedroht', werden die Forschenden und ihre Befunde automatisch besonders kritisch betrachtet", erklärt Marlene Altenmüller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Die Tendenz, eigene Annahmen zu bestätigen und Widersprüchliches abzulehnen, sei meist ein ganz automatischer, unbewusster Prozess, dem alle Menschen mehr oder weniger unterliegen.

"Das Anzweifeln wissenschaftlicher Expertise ist dabei eine weit verbreitete Strategie, um Wissenschaft, die eigenen Überzeugungen widerspricht, abzuwerten und zu entkräften." Marlene Altenmüller, LMU München.

Derartige Strategien könnten aber auch ganz bewusst verwendet werden, um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft vor anderen, gegebenenfalls öffentlich, in Frage zu stellen, erläutert Altenmüller.

Fazit:

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, hat mit dem Studium der Tiermedizin seine Laufbahn begonnen und die Prüfung zum Fachtierarzt für Mikrobiologie abgelegt. Dazu kommen viele weitere Qualifikationen in Wissenschaft, Forschung und Gesundheitsmanagement. Beim Virus SARS-CoV-2, das Auslöser für die Corona-Pandemie ist, handelt es sich nach jetzigem Wissensstand um eine Übertragung aus dem Tierreich, was für eine besondere fachliche Qualifikation Wielers spricht. Der RKI-Präsident ist als anerkannter Wissenschaftler Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und in internationalen Gruppierungen und Gremien, die an der Vorbeugung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten arbeiten. Wenn Kritiker den RKI-Präsidenten ausschließlich als Tierarzt bezeichnen, ist das ein rhetorisches Instrument der Herabsetzung. Es kann sich dabei um eine Strategie handeln, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft in Frage zu stellen.

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