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Eine Pflegekraft am Bett einer Patientin auf der Intensivstation (Archivbild)

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    #Faktenfuchs: Pflegekräfte und die Grenzen der Statistik

    Als BR24 von 18.500 mehr Pflegekräften berichtete, wollten es unsere Leserinnen und Leser genauer wissen. Der #Faktenfuchs hat sich die Zahlen angeschaut und einen leichten Rückgang der besonders hoch qualifizierten Pflegekräfte festgestellt.

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    Von
    • Patrizia Kramliczek

    Nach wie vor gibt es zu wenige Pflegekräfte in Deutschland – genauer gesagt: zu wenige Fachkräfte. In der Gesundheits- und Krankenpflege kommen laut Bundesagentur für Arbeit derzeit auf 12.700 als frei gemeldete Stellen nur 5.800 Arbeitslose in dem Bereich. In der Altenpflege gibt es sogar etwa dreimal mehr freie Stellen als Arbeitssuchende.

    "Der Fachkräfteengpass ist weiterhin erheblich", teilt ein Pressereferent der Bundesagentur für Arbeit dem #Faktenfuchs mit. Anders verhalte es sich bei Pflegehelfern, da gebe es "deutlich mehr Bewerber als Stellen" – sowohl bei Krankenpflegehelfern als auch bei Altenpflegehelfern.

    Gesundheits- und Krankenpfleger absolvieren eine dreijährige Ausbildung und sind Fachkräfte. Pflegefachhelfer haben eine kürzere Ausbildung, die je nach Bundesland unterschiedlich geregelt ist. Sie assistieren den Fachkräften, sind selber keine.

    Weiterhin Fachkräftemangel in der Pflege

    Der Fachkräftemangel in der Pflege besteht weiter, auch wenn kürzlich von der Deutschen Krankenhausgesellschaft eine Zunahme an Pflegekräften gemeldet wurde: Von Oktober 2019 bis Oktober 2020 hat die Anzahl der angestellten Pflegekräfte in Krankenhäusern um 18.492 zugenommen. Diese Nachricht sorgte auch bei BR24-Leserinnen und Lesern für Aufmerksamkeit und Nachfragen. "Erkläre 'Pflegende'", meinte zum Beispiel eine Userin und wollte wissen, ob es sich um Fach- oder Hilfskräfte handele und wo diese eingesetzt seien. Auch andere fragten nach den Qualifikationen und wandten zudem ein, dass doch Tausende Pflegende ihren Beruf verlassen hätten. Der #Faktenfuchs hat sich die Zahlen genauer angeschaut.

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    Die Sonderauswertung des Statistik-Service der Bundesagentur für Arbeit weist sozialversicherungspflichtig beschäftigte und geringfügig beschäftigte Pflegende in Krankenhäusern aus. Zum Stichtag 31. Oktober 2019 waren demnach 692.171 Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern angestellt, ein Jahr später waren es 710.663. Das macht im Jahresvergleich ein Plus von 18.492. Die statistischen Zahlen der Bundesagentur sind jeweils ein halbes Jahr später verfügbar, weshalb sie sich auf Ende Oktober beziehen.

    Zum Großteil Gesundheits- und Krankenpflegende

    In der ausgewiesenen Berufsgruppe fasst die Bundesagentur "Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe" zusammen. Also doch nicht alles Pflegekräfte? Aus einer genaueren Aufschlüsselung, die die Bundesagentur dem #Faktenfuchs zur Verfügung stellte, geht hervor: Auf den Rettungsdienst entfallen 149 Personen, auf "Geburtshilfe und Entbindungspflege" 809 Personen. Das sind zusammen 5,2 Prozent der 18.492 Pflegekräfte.

    Den allergrößten Teil von 87,15 Prozent machen "Gesundheits- und Krankenpflegende" aus, also der Beruf, der früher Krankenschwester bzw. Krankenpfleger hieß (16.116 Beschäftigte). Die übrigen aufgeführten Berufe sind operations- und medizinische Assistenten, Positionen mit Aufsichts- und Führungstätigkeiten und eine Position für sonstige Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege.

    Hauptsächlich Fachkräfte

    Die meisten der 18.492 neuen Pflegekräfte sind Fachkräfte: 12.059 Fachkräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege, 2.136 Fachkräfte in der operationstechnischen Assistenz, 141 beim Rettungsdienst, 91 in der Geburtshilfe, 30 bei den sonstigen Gesundheits- und Krankenpflegeberufen. Generell handelt es sich bei Pflegekräften in Krankenhäusern überwiegend um Fachkräfte.

    Frage nach hochqualifizierten Intensivpflegekräften

    Intensivpfleger müssen zusätzlich zu einer Ausbildung zum Beispiel als Gesundheits- und Krankenpfleger noch eine Weiterbildung absolvieren, bis sie "Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie" sind. Fachkrankenpfleger gibt es auch für andere Bereiche, wie Psychiatrie, Onkologie oder Nephrologie (Nierenheilkunde). In der beruflichen Klassifizierung der Arbeitsagentur zählen sie als Spezialisten.

    Mit Ausnahme der Fachkinderkrankenpflege sind in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit alle Fachkrankenpfleger unter einer Position zusammengefasst. Und in dieser Position steht ein Minus: Im Vergleich zum Vorjahr werden 655 weniger Fachkrankenpfleger verzeichnet (minus 1,3 Prozent). Insgesamt sind es zum 31. Oktober 2020 damit 51.697.

    Auf Nachfrage teilte die Bundesagentur für Arbeit dem #Faktenfuchs mit, dass sich diese Position nicht weiter aufschlüsseln lässt. Es lässt sich also nicht ersehen, ob beziehungsweise inwiefern der Rückgang den Bereich der Intensivpflege betrifft. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat dazu keine aktuellen Daten. Man wisse aber, dass Stellenbesetzungen in der Intensivpflege noch einmal schwieriger seien als auf Normalstationen.

    In der Statistik werden Beschäftigte nach ihren Berufen eingeordnet. Theoretisch könnten sie aber in der Praxis anders eingesetzt werden. "Während der Pandemie wurden Pflegekräfte von Normalstationen für ihren Einsatz auf Intensivstationen geschult", sagt Jörn Wegner, Pressereferent der Deutschen Krankenhausgesellschaft. "Ziel war es, in besonderen Belastungssituationen gemischte Teams aus Intensivfachpflegekräften und geschulten Gesundheits- und Krankenpflegefachkräften zur Verfügung zu haben", so Wegner. Außerhalb der Pandemie sei dies allerdings nicht üblich.

    DIVI: "Keine konkret belastbaren Zahlen"

    Wie viele Intensivpflegekräfte es in Deutschland gibt, kann auch die DIVI, die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, nicht beantworten. "Da die Pflege in keiner Kammer oder anderweitig 'organisiert' ist, gibt es aus unserer Sicht hierzu keine konkret belastbaren Zahlen", sagt die DIVI-Pressesprecherin Nina Meckel.

    Und auch die Bundesregierung verfügt in diesem Punkt über keine genauen Daten, wie aus ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP hervorgeht. "Es ist nicht möglich, die Zahl der in der Intensivpflege beschäftigten Personen zu ermitteln, da die Daten zwar nach Fachabteilungen, nicht aber nach dem Bereich der Pflege erhoben werden", erklärt die Bundesregierung bezogen auf die amtliche Krankenhausstatistik. Und auch in der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit seien Berufe in der Intensivpflege nicht isoliert abgrenzbar.

    Ein Drittel in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt

    Ein weiterer Punkt, um die Beschäftigungszahlen einzuordnen, ist die Arbeitszeit. "Aufgrund der enormen Teilzeitquote sowie der hohen Zahl geringfügig Beschäftigter ist die nominale Zahl mit großer Vorsicht zu genießen", sagt die Pressereferentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe – DBfK Südost, Sabine Karg.

    Ein detaillierter Blick auf die 18.492 Pflegekräfte zeigt: Ein Drittel (35,79 Prozent) arbeiten in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt. In absoluten Zahlen heißt das: 11.873 sind in Vollzeit beschäftigt, 6.183 in Teilzeit und 436 geringfügig. Die Einstufung in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit erfolgt dabei entsprechend der Meldungen des Arbeitgebers.

    Wandern die Pflegekräfte nicht ab?

    Im März kursierte die Zahl, dass aus dem Gesundheitssystem 9.000 Pflegekräfte abgewandert seien. Während es im vorliegenden Artikel nur um Beschäftigte in Krankenhäusern geht, war in dieser Zahl zusätzlich die Altenpflege inbegriffen. Als Grundlage wurden zunächst noch nicht veröffentlichte Zahlen der Bundesagentur für Arbeit angeführt. Diese dementierte jedoch:

    "Den in den vergangenen Monaten diskutierten Rückgang von 9.000 Beschäftigten in der Pflege kann die BA aus den aktuell vorliegenden Daten nicht bestätigen", heißt es in einer Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit vom 7. Mai. Zwar sei die Zahl der beschäftigten Alten- und Krankenpflegekräfte in den Monaten März bis Juli 2020 minimal um 0,5 Prozent gesunken. Aber dieser saisonale Rückgang in der Krankenpflege sei jedes Jahr zu beobachten und sei "überwiegend nicht durch die Pandemie bedingt", sondern beruhe hauptsächlich auf Faktoren wie endenden Ausbildungsverhältnissen.

    "Bereits ab August stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wieder über das Märzniveau", heißt es weiter. Die Werte lägen fortwährend über dem entsprechenden Vorjahreswert. Die Unsicherheiten des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 hätten sich in Pflegeberufen vergleichsweise gering ausgewirkt.

    Viele Pflegekräfte erwägen Ausstieg nach Pandemieende

    Dennoch gibt es Bewegung bei den Beschäftigten. "In einer DBfK-Mitgliederumfrage im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass ein Drittel der Befragten nach der Pandemie aus dem Beruf aussteigen wird beziehungsweise den Ausstieg ernsthaft in Erwägung zieht", sagt die Pressereferentin des DBfK Südost, Sabine Karg. BR-Journalistin Claudia Gürkov hat über die Umfrage berichtet und zitierte DBfK-Präsidentin Christel Bienstein, wonach viele nur noch durchhalten, weil sie in der Pandemie Patienten und Kolleginnen nicht im Stich lassen wollen.

    Pflegepersonal, auch in anderen Bereichen als dem Krankenhaus, war schon vor Corona hohen Belastungen ausgesetzt und ist es in der Pandemie erst recht, worüber der BR mehrfach berichtet hat.

    Andere gehen in Rente - oft schon vorzeitig

    Ein Pandemie-unabhängiger Punkt ist, dass in absehbarer Zeit viele in Rente gehen. Karg vom DBfK Südost nennt hierzu konkrete Zahlen aus Rheinland-Pfalz. Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz habe Ende 2019 bekannt gegeben, dass ein Drittel der dort umfassend registrierten berufstätigen Pflegefachpersonen 50 Jahre und älter seien. Damit würde von rund 40.000 registrierten Pflegepersonen ein Drittel den Beruf in den nächsten zehn bis 15 Jahren verlassen haben. Aus gesundheitlichen Gründen geschehe dies oftmals schon vor dem gesetzlichen Renteneintritt. Allerdings habe sich in den vergangenen Jahren "ein positiver Trend" bei der Zahl der Auszubildenden abgezeichnet, wie der Pressereferent der Deutschen Krankenhausgesellschaft zum Thema Fluktuation einwendet.

    Die DBfK beklagt aber auch mangelnde Zahlen. Eine Pflegekammer, in der alle Pflegefachpersonen registriert sind, würde helfen und mehr Planungssicherheit geben. "Wir könnten viel besser darstellen und aufschlüsseln, wo ein Mangel herrscht und in welchen Bereichen wird dringend mehr Personal benötigen und qualifizieren müssen", sagt Karg.

    Fazit:

    Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gibt es in den Krankenhäusern innerhalb eines Jahres 18.492 mehr angestellte Pflegekräfte. 87 Prozent davon sind Gesundheits- und Krankenpfleger, also haben die Berufsausbildung, die früher Krankenschwester oder Krankenpfleger hieß. Der Großteil davon sind Fachkräfte.

    Bei den hochqualifizierten Fachkrankenpflegern für die Bereiche Intensiv, Psychiatrie, Onkologie oder zum Beispiel auch Nierenheilkunde weist der Jahresvergleich - wiederum bezogen auf Angestellte in Krankenhäusern - einen Rückgang von 1,3 Prozent (655 Beschäftigte) aus.

    Die statistischen Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit lassen keine weitere Aufschlüsselung dieser Berufsgruppe zu. Zwischen der Statistik nach Berufsgruppen und dem tatsächlichen Einsatz der Pflegenden kann es auch Abweichungen geben. Der Mangel an Fachpersonal in der Pflege besteht weiterhin.

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