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#faktenfuchs: Ist Ditib der verlängerte Arm Erdogans? | BR24

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Zentralmoschee in Köln

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    #faktenfuchs: Ist Ditib der verlängerte Arm Erdogans?

    In Kaufbeuren haben sich knapp 60 Prozent der Wähler bei einem Bürgerentscheid gegen den Bau einer Ditib-Moschee entschieden. Viele Gegner des Moscheebaus kritisieren, der Islamverband sei abhängig von der Türkei. Wie neutral ist Ditib?

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    Ditib, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion ist ein eingetragener Verein, gegründet 1984 in Köln, und mit mehr als 900 Moscheegemeinden der größte Islamverband in Deutschland. Ditib behauptet von sich selbst, 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime zu vertreten. Dem widerspricht eine repräsentative Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2009, wonach nur jeder fünfte Muslim in Deutschland angab, überhaupt Mitglied in einem Moscheeverein zu sein.

    Wie viel Macht hat Erdogan über Ditib?

    Zwei BR24-Nutzer bezeichnen DitibB auf Facebook als "Erdogan-Verein" oder als den "verlängerten Arm Erdogans". Ditib betont aber, die Arbeit in den Moscheevereinen sei unabhängig. Doch die Einflussmöglichkeiten des türkischen Staatspräsidenten sind nicht von der Hand zu weisen. Die Imame deutscher Ditib-Moscheen werden in der Türkei ausgebildet und sind Angestellte von Diyanet, dem Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei. Sie sind damit dem türkischen Staatspräsidenten unterstellt.

    "Es gibt keinen einzigen Belegfall, dass von Ankara aus durchgegriffen wurde." Mathias Rohe, Islamwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

    Recep Erdogan könnte über die Ditib-Zentrale in Köln mit seinen Botschaften an die deutschlandweiten Moschee-Vereine herantreten oder sie zu politischen Aktionen anweisen. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass das in der Vergangenheit geschehen ist, sagt Mathias Rohe, Islamwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Herausgeber der Studie "Islam in Bayern". Nach dem Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 standen Ditib-Imame im Verdacht, Anhänger der Gülen-Bewegung ausspioniert zu haben. Die Ermittlungen wurden aber eingestellt und die Imame haben Deutschland verlassen.

    Freitagspredigten entstehen in Deutschland

    Seit 2006 werden die Freitagspredigten, die in deutschen Ditib-Moscheen gehalten werden, in Köln geschrieben und kommen nicht mehr aus der Türkei, so Islamwissenschaftler Rohe. Der jeweilige Imam vor Ort könne den Text mit eigenen Gedanken ergänzen, gepredigt werde sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch. Von politischen Botschaften in Freitagspredigten hat Mathias Rohe bisher nichts gehört. Einzig nach dem Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 sei in einer Predigt auf die Gülen-Bewegung angespielt worden.

    Obwohl sich viele Ditib-Vereine auf ihre Arbeit vor Ort konzentrieren würden und keine große Verbindung zur Zentrale in Köln hätten, betont der Islamwissenschaftler Mathias Rohe: "Es ist Wachsamkeit geboten" in Bezug auf eine mögliche Einmischung der türkischen Regierung. Rohe fordert, die Imame sollen in Zukunft Ditib und nicht dem türkischen Amt Diyanet unterstellt werden.

    Muss es eine Ditib-Moschee sein?

    Stephanie Spinner-König fragt auf der BR-24 Facebook-Seite in Bezug auf die geplante Moschee in Kaufbeuren: "Warum Ditib? Kann man nicht eine 'neutrale' Moschee bauen?" und ergänzt den Vorschlag, dass die Finanzierung dafür auch aus den Arabischen Emiraten kommen könnte. Neben Ditib-Moscheen gibt es in Bayern islamische Gotteshäuser von anderen Verbänden, wie die Moschee der Islamischen Gemeinde Penzberg, die sich als "unabhängige" und "neutrale Gemeinde" bezeichnet. Moscheen werden auch von anderen Islamverbänden wie dem Zentralrat der Muslime gebaut. Angehörige der Alevitischen Gemeinde Deutschland beten nicht in Moscheen, sondern in sogenannten Cem-Häusern.

    Bei der Gemeinde in Kaufbeuren handelt es sich um eine türkische Ditib-Gemeinde, deren bisheriges Gebetshaus seit mehr als zehn Jahren zu klein geworden ist. Eine arabisch finanzierte Moschee würde ihnen wohl nicht weiterhelfen, weil in den Arabischen Emirate eine andere Form des Islam verbreitet ist als in der Türkei. Außerdem stellt sich die Frage, wie neutral eine solche Moschee wäre. Um eine vom Ausland unabhängige Moschee in Kaufbeuren zu bauen, müsste sich die Gemeinde vor Ort von Ditib lösen, oder der Ditib-Dachverband vom Einfluss der Türkei.