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#Faktenfuchs: Helfen strengere Gesetze gegen Waffengewalt? | BR24

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Experten sind überzeugt: je niedriger die Anzahl an Waffen in einer Gesellschaft, desto niedriger auch Mord- und Selbstmordrate

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    #Faktenfuchs: Helfen strengere Gesetze gegen Waffengewalt?

    Nach dem Amoklauf in Winnenden vor zehn Jahren hat Deutschland die Gesetze für Waffen mehrmals verschärft. Aber bringen strengere Waffengesetze wirklich mehr Sicherheit? Eine Studie der LMU sagt: Ja. Der #Faktenfuchs erklärt, warum.

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    Das Waffenrecht in Deutschland ist vielen Kritikern nicht streng genug. Ihre Forderung nach einem Verbot von Sportwaffen halten sie auch nach mehreren Gesetzesverschärfungen in den vergangenen Jahrzehnten aufrecht. Und sie bekräftigten sie kürzlich, als sich der Amoklauf von Winnenden zum zehnten Mal jährte. Der Attentäter tötete 2009 insgesamt 16 Menschen mit einer Sportwaffe.

    Die Bundesregierung reagierte damals, indem sie die Altersgrenze für das Sportschießen mit Großkaliberwaffen von 14 auf 18 Jahre erhöhte und darüberhinaus Kontrollen einführte, um sicherzustellen, dass Waffen in Privatwohnungen vorschriftsgemäß aufbewahrt werden. Seit 2017 gelten zudem höhere Sicherheitsstandards für Waffenschränke. Bereits zuvor mussten unter 25-jährige Sportschützen ein ärztliches oder psychologisches Attest zur "geistigen Eignung" vorlegen. Kritikern gehen diese Vorgaben nicht weit genug.

    Seit Jahrzehnten: Verschärfung der Waffengesetze

    Die damalige Debatte wurde auch durch eine im Januar 2019 veröffentlichte Studie wieder aktuell. Zwei Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität in München wiesen nach: Strengere Waffengesetze senken die Zahl an Morden und Suiziden. Ein Artikel auf BR24 zu dem Thema sorgte für hitzige Diskussionen.

    Online: Diskussion über Effektivität von Waffenverbot

    Ein Nutzer schrieb, dass Suizide nicht davon abhängig seien, ob potenzielle Tötungsmöglichkeiten vorhanden wären. Ein anderer behauptete, ein striktes Waffengesetz in Großbritannien habe zu einer "Explosion der Kriminalität" geführt. Doch stimmen diese pauschalen Behauptungen?

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    BR24 Nutzerkommentare auf Facebook zum Thema Waffengesetze und Mord- bzw. Suizidraten

    Studie: Je weniger Waffen, desto weniger Morde oder Suizide

    "Natürlich ist jeder Einzelfall anders zu betrachten", sagen die beiden Leiter der Studie, Christoph Knill und Steffen Hurka von der Ludwig-Maximilians-Universität, im Interview mit dem BR-Faktenfuchs. "Dennoch sind Aussagen über den Einzelfall hinaus und für die gesamte Gesellschaft möglich", so Knill.

    Knill und sein Kollege Hurka konnten in ihrer Studie eine Abnahme der Morde in Ländern nachweisen, in denen ein strenges Waffenrecht gilt. Sowohl für schusswaffenbezogene Morde als auch für alle anderen Tötungen. Das bedeutet, "dass Schusswaffen infolge eines strengeren Waffenrechts nicht einfach durch andere Mordwaffen ersetzt werden", so Knill und Hurka.

    Anzahl der Morde: Rückläufig wegen strenger Waffengesetze?

    Zahlenmäßig ließ sich bei der Anzahl der Mordopfer in Deutschland nach der Einführung strengerer Waffengesetze wie nach dem Amoklauf von 2009 tatsächlich ein leichter Abwärtstrend beobachten. Das zeigen Statistiken des Bundeskriminalamtes.

    Studie betrachtet 16 europäische Länder

    Hurka und Knill untersuchten in ihrer Studie den Zusammenhang von Regulierungen des Waffenbesitzes in 16 europäischen Ländern und von Mordfällen beziehungsweise Suiziden mit und ohne Schusswaffen in Bezug auf die Gesamtpopulation des jeweiligen Landes.

    Sie wollten zuerst wissen: Ist Waffenbesitz grundsätzlich erlaubt? Unter welchen Voraussetzungen ist er erlaubt? Welche persönlichen Voraussetzungen muss der Waffenhalter erfüllen? Gibt es Vorschriften zur Aufbewahrung?

    Großbritannien vorne, Schweiz weiter hinten

    Der Studie von Hurka und Knill zufolge hat Großbritannien im Vergleich zu den anderen 15 untersuchten Ländern relativ strenge Waffengesetze. Dagegen hat die Schweiz ein verhältnismäßig lockeres Waffenrecht. Dann setzten die beiden Politikwissenschaftler diese länderspezifischen Werte mit den Fallzahlen von Mord und Selbstmorden in Beziehung. Dabei betrachteten sie einen Zeitraum von 1980 bis 2010.

    Ihr Ergebnis: Bei strengerer Gesetzgebung und damit einer geringeren Verfügbarkeit von Waffen fiel die Zahl von Morden und Suiziden deutlich niedriger aus. Sowohl für alle mit einer Schusswaffe verübten Taten als auch alle ohne. Für die USA brachten zahlreiche andere Studien bereits vergleichbare Ergebnisse.

    Fördern strikte Waffengesetze die Kriminalität in Großbritannien?

    Das Vereinigte Königreich hat verhältnismäßig strenge Waffengesetze. Zurückzuführen sind sie auf einen Amoklauf an einer Schule, in der 16 Kinder im März 1996 getötet wurden. Seither hat Großbritannien alle Waffen in Privatbesitz komplett verboten - auch für Sportschützen. Wie ein Nutzer unter dem Artikel zum zehnten Jahrestages des Amoklaufs an der Schule in Winnenden behauptete, hätte diese Gesetzesverschärfung zu einer "Explosion der Gewalt" in Großbritannien geführt.

    In ihrer Studie sahen sich Knill und Hurka auch den englischen Raum an. Dort waren die Vorfälle mit Waffen – ähnlich wie in Deutschland - bereits vor Einführung des strengen Waffenrechts im europäischen Vergleich relativ niedrig.

    Großbritannien: Verbot aller Schusswaffen in Privatbesitz

    Die sogenannten "Straftaten gegen das Leben", also Morde und Mordversuche sind in Großbritannien, wie auch in Deutschland, seit rund 20 Jahren rückläufig, wie Zahlen des britischen Nationalen Statistikamtes zeigen.

    Dabei ist allerdings zwischen tödlich ausgegangenen Fällen und Fällen, bei denen die Opfer überlebten, zu unterscheiden. In Großbritannien werden viele Attentate mit Stichwaffen verübt, was zwar die Kriminalitätsrate steigen lässt, aber die Zahl der Toten oft nur schwach beeinflusst. Der Grund dafür liegt darin, dass Stichverletzungen seltener tödlich enden als Schussverletzungen und daran, dass Stichwaffen selten Tatwaffe für Morde oder Mordversuche sind.

    Fazit: Ein striktes Waffengesetz erschwert es, legal über Waffen zu verfügen. Damit verringern sich die Möglichkeit und die Wahrscheinlichkeit einer Tötung. Somit sinken auch die Mord- und Selbstmordrate.

    Grundsätzlich ist der Freitod nie ein Ausweg aus einer noch so misslichen Lage. Personen mit Gedanken sich selbst zu verletzen können meist vollkommen geheilt werden, wenn sie die richtige Hilfe bekommen. Diese gibt es sowohl telefonisch unter 0800/111 0 111 als auch online.

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