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Extremismusexpertin zu Hanau: "Es geht um Vernichtungsfantasien" | BR24

© Boris Roessler/dpa

Trauernde gedenken in Hanau der Opfer.

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    Extremismusexpertin zu Hanau: "Es geht um Vernichtungsfantasien"

    Was trieb den mutmaßlichen Täter von Hanau zum Mord an zehn Menschen? Die Journalistin und Extremismusexpertin Karolin Schwarz ordnet die Tat ein in den "neuen globalen Rechtsextremismus". Sie hat im Netz nach Spuren des Täters gesucht.

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    BR24: Frau Schwarz, Sie haben sich im Internet einen ersten Eindruck verschafft. Welches Bild haben Sie von dem mutmaßlichen Täter gewinnen können?

    Schwarz: Bisher kann man sagen, dass er wahrscheinlich von einer Mischung aus mehreren Motiven und Ursachen getrieben wurde. Zum einen gibt es deutliche Hinweise auf eine psychische Erkrankung. Zum anderen gibt es aber auch ganz klare Hinweise auf ein rassistisches Motiv. Das zeigt unter anderem auch die Auswahl der Opfer.

    BR24: Welche Spuren hat der Täter denn im Internet hinterlassen?

    Schwarz: Es gibt eine Website, die er offenbar selbst hochgeladen und veröffentlicht hat. Dort gab es Links unter anderem zu einem Video, das er auf Youtube hochgeladen hat, und es gab Links zu verschiedenen Dokumenten, die er wohl selbst verfasst hat. Die Dokumente gibt es offenbar seit Januar. Darin beschreibt er seine Weltsicht, auch seine persönliche Geschichte und Ideologie. Zudem gibt es dann auch noch Bezüge zu anderen Youtube-Videos. Das heißt, er hat sich durchaus viel im Internet bewegt und dort wohl auch Versatzstücke seiner Ideologie zusammengetragen.

    BR24: Wie kann man diese Ideologie beschreiben?

    Schwarz: Zum einen sind es extreme verschwörungsideologische Anleihen, sehr viele Dinge auch, die darauf hinweisen, dass er sich schon seit vielen Jahren verfolgt fühlte. Da gibt es Anknüpfungspunkte im Internet von Leuten, die behaupten, es würde Geheimoperationen geben. Zudem gibt es Verschwörungsideologien, die eher rassistischer Natur sind. Er spricht von unterschiedlicher Intelligenz zwischen weißen Menschen in Deutschland und Menschen mit anderem ethnischen Hintergrund, die er durchweg abwertet. Da ist also eine Mischung aus verschiedenen Versatzstücken, Verschwörungen und Ideologien, die wir aus dem Internet kennen und die im rechtsextremen Spektrum durchaus in die Breite getragen werden.

    BR24: Inwieweit ähnelt dieses Profil den Tätern, die Sie in ihrem Buch beschreiben?

    Schwarz: Man kann sagen, dass Verschwörungsideologien öfter eine Rolle spielen. Das haben wir auch in Halle gesehen. Da ging es darum, diese Verschwörungsideologie des großen "Austauschs" darzustellen. Das ist demnach angeblich ein Geheimplan, die weiße deutsche Bevölkerung durch andere, nicht weiße Personen zu ersetzen. Es wird also klar getrennt zwischen deutschen, weißen und anderen, die nicht dazugehören könnten. Das findet sich hier in gewissem Maße wieder, es geht um Vernichtungsfantasien. Zudem zeigen sich Anleihen zu anderen rechten Terrortaten: Auch hier gab es ein Video, auch hier die Ankündigung. Es gab ein Pamphlet, indem der Täter sich und seine Ideologie erklärt. All das sehen wir auch bei den Taten von Christchurch, Halle oder El Paso.

    BR24: Kann man sich im Internet besser verstecken?

    Schwarz: Entscheidend ist nicht so sehr das Verstecken, sondern das Vernetzen. Es ist viel einfacher geworden, Gleichgesinnte zu finden. Auch wenn es uns noch so unwahrscheinlich erscheint, treffen sich im Netz alle möglichen Menschen, die an ganz unterschiedliche Dinge glauben. Die sind teilweise auch versteckter unterwegs oder treffen sich in halböffentlichen oder gar nicht öffentlichen Räumen und tauschen da auch Vernichtungs- und Gewaltfantasien aus. Das hat das Internet durchaus erleichtert.

    BR24: Welche Möglichkeiten haben die Sicherheitsbehörden?

    Schwarz: Die Sicherheitsbehörden müssen sich inzwischen auf sehr, sehr unterschiedliche rechtsextreme Milieus einstellen, die auch gewaltbereit sind. Dieses Spektrum muss man erfassen und sehen, wo das Gewaltpotenzial ist. Im Internet gibt es eben rasante Entwicklungen, die es zu verstehen gilt. Und da gibt es noch relativ viele Schieflagen bei den Sicherheitsbehörden. Das heißt nicht, dass man im nächsten Schritt über die Aufweichung der Bürgerrechte und über Verschlüsselung nachdenken muss. Viele sind sehr, sehr offen unterwegs. Man müsste vielmehr schauen, wie in all diesen Milieus auch eine Prävention möglich ist. Wie kann man das Umfeld sensibilisieren, damit sie sich im Zweifelsfall, wenn es um Gewaltfantasien geht, auch an die Sicherheitsbehörden wenden und dann eben auch vorwarnen?

    BR24: Der Täter sprach ja sehr gut Englisch. Das Internet ist sehr international. Müsste man da nicht auch entsprechend international vorgehen?

    Schwarz: Man muss sich auf jeden Fall viel, viel besser vernetzen. Anfang der 2000er Jahre hieß es aus Expertenkreisen noch, dass es in Deutschland gar nicht genug Sprachverständnis für die englische Sprache gebe und dass das Vernetzungspotenzial deshalb gar nicht so hoch sei. Das hat sich inzwischen komplett relativiert. Es gab auch zu Halle ein englischsprachiges Video. Das heißt, es gibt viele Menschen, die sich in rechtsextremen Spektren bewegen und Englisch sprechen. Und selbst wenn sie nicht Englisch sprechen würden, gibt es genügend Übersetzungs-Tools für alle möglichen Sprache, in denen man sich dann auch verständigen kann.

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