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Experten-Vorschlag: So kann mehr Tierwohl finanziert werden | BR24

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Sauwohl sollen sich die Tiere bei den Landwirten fühlen, wenn es nach vielen Verbrauchern geht - doch wie ist umfassendes Tierwohl finanzierbar?

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Experten-Vorschlag: So kann mehr Tierwohl finanziert werden

Verbraucher fordern von den Landwirten auch in Bayern häufig "mehr Tierwohl" - kaufen aber trotzdem bevorzugt billig ein. Denn artgerechte Haltung kostet viel Geld. Ein führender Agrarökonom hat daher einen Vorschlag, wie sie finanziert werden kann.

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Mit dem Tierwohl in Deutschland geht es nur schleppend vorwärts. Auch die Einführung eines dreistufigen staatlichen Tierwohlkennzeichens sieht Professor Folkhard Isermeyer, Ökonom und Präsident des Thünen-Instituts, nicht als großen Durchbruch.

"Wir brauchen nur anzuschauen, was 15 Jahre staatlicher Kennzeichnung im Eier-Bereich gebracht haben", sagt er. "Die Verbraucher greifen überwiegend zu dem, was immer noch gerade billig ist - nämlich Bodenhaltung. Und nur wenige Verbraucher greifen zu Freilandeiern."

Tierwohlprämie soll Landwirte langfristig finanziell unterstützen

Für Isermeyer ist klar: Die Bauern werden deshalb weiter das produzieren, was sich am besten verkauft - billiges Fleisch. "Die Landwirte werden nur dann in teure Produktionssysteme investieren, wenn sie wissen, sie bekommen eine Investitionsförderung", sagt der Agrarökonom.

Daher plädiert er für eine sogenannte Tierwohlprämie. Die soll an die entsprechend engagierten Landwirte ausgezahlt werden und so die Betriebe langfristig finanziell unterstützen.

Eine solche staatliche Finanzierung würde nach Isermeyers Schätzung in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren flächendeckend dazu führen, dass der Tierwohlstandard für Nutztiere sehr hoch wäre - und zum Beispiel die Schweine oder Kühe deutlich gesünder.

Tierwohlprämie kann bis zu fünf Milliarden Euro kosten

Günstig wäre das nicht: Experten rechnen mit bis zu fünf Milliarden Euro, die jährlich in Deutschland investiert werden müssten, damit es allen Nutztieren in Zukunft grundlegend besser geht.

Isermeyers Vorschlag: den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Fleisch- und Milchprodukte von bisher sieben Prozent aufheben und diese mit den vollen 19 Prozent besteuern. So würden sechs Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse kommen, hat er ausgerechnet.

"Wenn wir dann für die Nutztier-Strategie ungefähr fünf Milliarden Euro bräuchten, um Tierwohlprämie und Investitionsförderung zu finanzieren, hätten wir immer noch eine Milliarde über, um die sozial schwachen Haushalte dann zu entlasten." Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Thünen-Institut, Braunschweig

Sorge: Zusätzliche Steuereinnahmen fließen nicht in Tierwohl

Aber: Steuermittel müssen nicht zweckgebunden erhoben werden. Deswegen befürchten manche Kritiker, dass die gewonnenen Beträge aus der Mehrwertsteuer am Ende nicht zur Finanzierung des Tierwohls verwendet werden.

Anders wäre das bei einer Sonderabgabe auf Milch- und Fleischprodukte. Aber auch die könnte der Gesetzgeber jederzeit wieder streichen. Zusätzlich müsste eine nationale Tierwohl-Initiative mit EU-Recht in Einklang gebracht werden.

Was ist überhaupt Tierwohl?

Der Präsident des Thünen-Instituts hält all diese Detailfragen für lösbar, sofern wirklich gesellschaftlicher Konsens besteht, dass hohes Tierwohl den gleichen Stellenwert hat wie andere öffentliche Aufgaben.

Bevor jedoch über eine mögliche Tierwohlprämie diskutiert wird, müsse der Staat Klarheit in der Definition von Tierwohl schaffen, sagt er: "Bisher wird unter einer Verbesserung des Tierwohls etwas sehr Unterschiedliches verstanden. Da muss eine Grundsatzentscheidung her, die es bisher nicht gibt."

"Wütende Bauern, unzufriedene Verbraucher - Muss unsere Landwirtschaft sich verändern?"

Um diese Frage geht es am Freitagabend auch in einer einstündigen TV-Sondersendung von "Unser Land". Gäste sind Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, Bauernverbandspräsident Walter Heidl, Josef Schmid von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Sebastian Dickow von der Initiative "Land schafft Verbindung", der ehemaligen EU-Agrarkommissar Franz Fischler und "Unser Land"-Redakteurin Christine Schneider. "Unser Land Extra" am Freitagabend um 19 Uhr im Bayerischen Fernsehen.