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Europa-Vergleich: Harter Lockdown, schnelle Wirkung | BR24

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In welchen Ländern geht das Covid-19-Infektionsgeschehen tatsächlich zurück?

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    Europa-Vergleich: Harter Lockdown, schnelle Wirkung

    In Deutschland stehen die Zeichen auf einen harten Lockdown. Befürworter verweisen auf europäische Nachbarländer. BR24 hat die Entwicklung der Corona-Zahlen in Europa analysiert und zeigt, welche Maßnahmen wie gewirkt haben. Eine Datenanalyse.

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    Von
    • Claudia Kohler

    Trotz des Teil-Lockdowns in Deutschland stagnierte die Zahl der neuen Fälle auf einem hohen Niveau. Unter anderem deshalb plädieren nun Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Leopoldina, die nationale Akademie der Wissenschaften, für einen harten Lockdown nach Weihnachten.

    Europäische Nachbarn als Vorbild der Politik

    Dabei verweisen Politiker und Wissenschaftler häufig auf europäische Nachbarländer. So etwa Angela Merkel in der Regierungserklärung Ende November:

    "Allerdings, das will ich auch sagen, sehen wir inzwischen bei einigen unserer Nachbarländer deutlich fallende Zahlen in einem sehr hohen Tempo." Angela Merkel

    Doch wie genau sah die Entwicklung der Zahlen in verschiedenen europäischen Ländern aus? BR24 hat die tagesaktuellen Corona-Zahlen des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) ausgewertet - mehr zu den Daten unten.

    Aktuelle Situation: Viele Länder haben eine niedrigere Inzidenz als Deutschland

    Die folgende interaktive Karte zeigt die aktuelle Lage in Europa. Farblich dargestellt ist die Summe der neuen Fälle, auf 100.000 Einwohner gerechnet, aus den vergangenen 14 Tagen. Wählen Sie ein Land aus, um eine tabellarische Übersicht über weitere Kennwerte zu sehen, etwa die Gesamtzahl an gemeldeten Infektionen und die Todesfälle:

    War Deutschland im Herbst noch eine helle Fläche zwischen den bereits dunkel eingefärbten Nachbarländern, sieht es nun in Belgien, Frankreich und Spanien besser aus als in der Bundesrepublik. Auch Irland, Norwegen, Finnland und Griechenland haben niedrigere Inzidenzen. Wie haben sich die Fallzahlen in diesen Ländern entwickelt - und welche Maßnahmen galten und gelten dort?

    Die folgende Grafik zeigt die 14-Tage-Inzidenz in Frankreich, Irland und Belgien im zeitlichen Verlauf - wählt man einen Punkt auf der Kurve, sieht man den Wert für den entsprechenden Tag:

    Frankreich begann den harten Lockdown am 30. Oktober, vier Wochen lang galten strikte Ausgangsbeschränkungen. So sollten die Bürger eine Stunde am Tag und auch nur in einem Radius von einem Kilometer um ihren Wohnort herum vor die Tür gehen. Bars, Restaurants, Cafés sowie Sport- und Kultureinrichtungen blieben geschlossen, die Schulen hingegen geöffnet.

    Irland, Frankreich, Belgien: Harter Lockdown, danach Lockerungen möglich

    In Irland mussten die meisten Geschäfte schließen, nur Läden zur Grundversorgung blieben geöffnet. Kontakt mit anderen Haushalten in Innenräumen war verboten. Schulen, Universitäten und Kinderbetreuungseinrichtungen blieben jedoch in Betrieb. Ähnlich regelte auch Belgien ab dem 2. November seinen Lockdown.

    In allen drei Ländern kam es zu einem raschen Rückgang der Zahlen, mittlerweile unter das Inzidenz-Niveau Deutschlands. Besonders Irland, das als erstes EU-Land schon am 20. Oktober in den harten Lockdown ging, hat ein vergleichsweise niedriges Niveau erreicht - mehrere Regionen gelten nach Angaben des Auswärtigen Amtes nicht mehr als Risikogebiet. Die Leopoldina hat in einem Aufruf an die Politik in Deutschland das Vorgehen in Irland als Vorbild herangezogen.

    Und auch Lockerungen sind in allen drei Ländern in verschiedenem Ausmaß bereits wieder möglich. In Irland etwa dürfen Geschäfte, Restaurants, Fitnessstudios und Museen unter Hygiene-Auflagen wieder öffnen.

    Je früher Maßnahmen eingesetzt werden, desto besser wirken sie

    Diese Beobachtungen decken sich mit den Ergebnissen einer im November veröffentlichten Studie. Das internationale Forscherteam rund um den Complexity Science Hub Vienna der Medizinischen Universität Wien hat in einer weltweiten Untersuchung verglichen, wie effektiv Maßnahmen von Regierungen gegen die Ausbreitung von Covid-19 waren. "Harte" nationale Lockdowns belegten hier Platz 6 von 20. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Maßnahmen besser wirken, je früher sie eingeführt werden.

    Im Vergleich der aktuellen 14-Tage-Inzidenzen befinden sich unter anderen das Vereinigte Königreich, Dänemark und Albanien in einer ähnlichen Lage wie Deutschland. Die Infektionszahlen waren hier nicht so stark angestiegen wie etwa in Belgien - die Entwicklung geht aber auch nicht so deutlich nach unten. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung in Großbritannien, Deutschland und Dänemark - wählt man einen Punkt auf der Kurve, sieht man den Wert für den entsprechenden Tag:

    Deutschland begann seinen Teil-Lockdown bekanntlich am 3. November – seitdem wurden die Regelungen mehrfach nachgebessert und verlängert, in manchen Bundesländern wie Bayern auch noch weiter verschärft.

    Dieses Vorgehen hat, so die Leopoldina, gravierendere wirtschaftliche Folgen, als etwa ein vierwöchiger harter Lockdown, gefolgt von Lockerungen.

    Teil-Lockdown hat im Vereinigten Königreich nicht den gewünschten Effekt

    Im Vereinigten Königreich begann einen Tag später, am 4. November, ein ähnlicher Teil-Lockdown. Restaurants, Kultur- und Freizeiteinrichtungen blieben geschlossen, Schulen, Universitäten und Geschäfte offen. Auch hier reagierten Regionen wie Wales und Schottland früher und mit schärferen Maßnahmen.

    Die Entwicklung der 14-Tage-Inzidenz zeigt, dass das zuvor erhöhte Infektionsgeschehen zwar gebremst werden konnte. Doch wie in Deutschland pendelten sich die Infektionszahlen auf einem immer noch sehr hohen Niveau ein.

    Dänemark, wo bisher nur vergleichsweise moderate Regelungen galten, verhängt nun angesichts der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab dem 9. Dezember einen Teil-Lockdown in einigen Städten und Kommunen.

    Viele Länder in Osteuropa, aber auch Italien, die Schweiz, Österreich, die Niederlande und Schweden haben nach wie vor eine weitaus höhere 14-Tage-Inzidenz als Deutschland. Die Entwicklungen sehen teilweise sehr unterschiedlich aus, wie die folgende Grafik beispielhaft zeigt - wählt man einen Punkt auf der Kurve, sieht man den Wert für den entsprechenden Tag:

    Schweiz und Polen halten an Teil-Lockdown fest

    Polen reagierte wie Deutschland mit einem Teil-Lockdown, der jedoch etwas anders organisiert war: Seit dem 24. Oktober wurden Schulen weitgehend auf Onlineunterricht umgestellt, Restaurants blieben geschlossen, Geschäfte jedoch geöffnet. Die Zahlen sanken daraufhin, jedoch nicht so schnell oder so tief wie in Belgien oder Frankreich. In Polen muss aufgrund der niedrigen Testrate auch davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffer, also die nicht identifizierten Neuinfektionen, höher ist als in anderen Ländern.

    Auch in der Schweiz stieg die 14-Tage-Inzidenz auf einen sehr hohen Wert. Einige Regionen und Städte, wie etwa Graubünden und Basel, reagierten mit Regeln, die etwa dem deutschen Teil-Lockdown entsprachen oder strenger waren. Die Zahlen sanken danach, stagnieren aber nun auf einem sehr viel höheren Wert, als in vielen anderen Ländern. Einen landesweiten Lockdown hat es dennoch nicht gegeben – so sind etwa weiterhin Treffen mit bis zu zehn Personen erlaubt.

    Schweden macht erste Abstriche beim Sonderweg

    Schweden bleibt weitgehend ein Sonderfall, doch auch hier gibt es angesichts der steilen Entwicklung im Infektionsgeschehen seit November erste Einschränkungen, etwa bei Kontakten in der Öffentlichkeit oder den Öffnungszeiten von Clubs. Dennoch bleibt vieles, was im restlichen Europa beschränkt ist, erlaubt – so sind etwa Restaurants weiterhin geöffnet, eine Maskenpflicht besteht nicht.

    Über die Daten

    Die Daten werden vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) zur Verfügung gestellt. Die EU-Einrichtung holt sich die Fall- und Todeszahlen täglich von nationalen Quellen. Für Deutschland kommen die Daten beispielsweise vom RKI, für Österreich vom dortigen Sozialministerium. Andere Länder wie Frankreich berichten ihre Fälle direkt ans ECDC.

    Außer den täglichen Neuinfektionen und Todesfällen errechnet das ECDC aus den Daten die 14-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen 14 Tage. Dieser Wert wird in Deutschland nicht verwendet, ähnelt aber der hier für die Maßnahmen in den Landkreisen maßgeblichen 7-Tage-Inzidenz.

    Die Umrechnung der Neuinfektionen auf die Einwohner macht die Zahlen zwischen den Ländern vergleichbarer. Der 14-tägige Zeitspanne ist angemessener, wenn man die Entwicklung in einem gesamten Land betrachten möchte. Sie bildet das Infektionsgeschehen ähnlich wie die täglichen Neuinfektionen ab, jedoch mit weniger Schwankungen und Spitzen.

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