BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

EU-Staaten in Corona-Krise: Man hilft sich doch | BR24

© picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

EU-Staaten in Corona-Krise: Man hilft sich doch

1
Per Mail sharen

    EU-Staaten in Corona-Krise: Man hilft sich doch

    Grenzen dicht, Schutzmasken gehamstert - gerade zu Beginn der Corona-Pandemie lief zwischen den EU-Mitgliedern nicht alles rund. Doch ein genauerer Blick zeigt: Es gab auch viel Solidarität.

    1
    Per Mail sharen

    Die Sache ist doch sonnenklar: Europäische Solidarität gibt es nur in Sonntagsreden. Das hat die Corona-Krise gerade mal wieder eindrucksvoll gezeigt. Da wurden Grenzen dichtgemacht, Schutzmasken gehamstert, Nachbarn im Stich gelassen. Wenn es ernst wird, ist sich eben jeder selbst der Nächste.

    Oder etwa nicht? Nein, sagt Jana Puglierin vom Berliner Büro der europäischen Denkfabrik "European Council on Foreign Relations" (ECFR): "Ich glaube, dass sich bei vielen Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck aus den ersten Wochen der Krise festgesetzt hat, dass die EU in dieser Krise einfach irrelevant war. Und dass es nur der einzelne Nationalstaat war, der etwas gemacht hat. Aber das stimmt so einfach nicht. Die EU-Ebene ist in dieser Krise definitiv besser als ihr Ruf."

    In jedem der 27-EU-Länder hat das Institut zusammentragen lassen, wer wann wem womit geholfen hat. Und das Ergebnis ist deutlich: Ja, es gab zu Beginn der Pandemie in Europa Anlaufschwierigkeiten - aber die waren schnell überwunden. "Praktisch jedes EU-Mitglied hat sich mit anderen solidarisch gezeigt", so Puglierin.

    Von Schutzausrüstung bis Lehrkräfte

    Und diese Solidarität gab es von Anfang an. Der interaktive Datenatlas zeigt: Schon Anfang März sind viele gegenseitige Hilfsaktionen angelaufen - von denen bisher kaum die Rede war. "Ich wusste etwa nicht, dass Luxemburg so viele Patienten in Krankenhäusern aufgenommen hat, dass Polen schon ganz früh medizinisches Personal nach Italien geschickt hat oder dass Litauen mehr als 20.000 Schutzhandschuhe an die kroatische Polizei geliefert hat", sagt Puglierin. "Eine meiner Lieblingsgeschichten ist, dass Portugal angekündigt hat, auf Ersuchen der luxemburgischen Regierung 15 Sprachlehrer zu entsenden, die ihre Kollegen bis Jahresende unterstützen und die geordnete Wiederöffnung der Grundschulen in Luxemburg erleichtern sollen. Das sind Beispiele für ein lebendiges Europa."

    Beispiele, die sich online für jedes einzelne Land aufrufen lassen. In einer europaweiten Übersicht zeigt sich dann ein dichtes Netz der Hilfsbereitschaft.

    Hilfsbereitschaft als politisches Kalkül

    Außerdem zeichnet der "Solidaritäts-Tracker" die innenpolitischen Debatten nach, und die Haltung der Regierungen. Denn natürlich ist den Forschern klar, dass es bei der Corona-Hilfe nicht nur um selbstlose Freundlichkeit geht: "Es steckt ja oft auch ein Eigeninteresse hinter der Solidarität: Dass Staaten etwas nicht aus Selbstlosigkeit tun, sondern dass sie ein knallhartes politisches Kalkül damit verfolgen."

    Das gilt etwa für Ungarn. Die Regierung von Viktor Orban hatte sich in den Nachbarländern zwar großzügig gezeigt, allerdings nur ganz gezielt - und musste sich dann vor allem aus Rumänien den Vorwurf gefallen lassen, mit ihren Hilfslieferungen ethnische Diskriminierung zu betreiben.

    "Ungarn hat in der Krise einiges getan und nicht nur kontroverse Sachen. Zum Beispiel hat Ungarn mehr als 700.000 Schutzmasken und medizinische Güter in die Nachbarschaft geliefert, aber gezielt an ungarische Minderheiten in der Slowakei, in Kroatien, in Rumänien, in Slowenien. Insofern bietet Solidarität auch oft ein Instrument, um seine nationale Agenda umzusetzen", sagt Puglierin weiter.

    Öffentliche Meinung sollte nicht vergiftet werden

    Trotzdem aber fällt das Fazit der Europa-Experten vom ECFR insgesamt eindeutig positiv aus. Sie wollen jetzt weitere Daten sammeln, auch aus China. Denn dass die EU gespalten ist und Peking kommen musste, um Europa zu retten - dieses Bild ist einfach falsch, sagt Puglierin. Sie findet: Die EU sollte verhindern, dass die öffentliche Meinung in den Mitgliedsländern vergiftet wird: "Wenn man sich zum Beispiel die Umfragen in Italien anguckt, dann ist da die Enttäuschung über die EU signifikant. Das ist auch nicht unberechtigt, Italien ist am Anfang der Krise allein gelassen worden. Aber wir sollten eben nicht vergessen, dass es auch positive Beispiele gab, ohne Propaganda für die EU machen zu wollen, sondern aus vollem Herzen. Das war wirklich eindrucksvoll, was die EU da im Rahmen ihrer Kompetenzen gemacht hat. Da ist von Versagen keine Rede."

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!