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Kapitänin Rackete: Applaus und Polemik im EU-Parlament | BR24

© BR/Malte Pieper

Der Auftritt von Carola Rackete vor dem EU-Parlament hat wieder einmal die Zerrissenheit der Staatengemeinschaft gezeigt: Einerseits gab es Standing Ovations, andererseits wurde die Seenotretterin verbal attackiert.

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Kapitänin Rackete: Applaus und Polemik im EU-Parlament

Der Auftritt von Carola Rackete vor dem EU-Parlament hat wieder einmal die Zerrissenheit der Staatengemeinschaft gezeigt: Einerseits gab es Standing Ovations, andererseits wurde die Seenotretterin verbal attackiert.

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Das entscheidende Bild dieser Anhörung entstand am Ende des rund zehnminütigen Vortrags von Carola Rackete. Der Großteil der Abgeordneten erhob sich von den Plätzen. Stehender Applaus für die 31-Jährige, die im Sommer vorübergehend in ein italienisches Gefängnis gewandert war, weil sie sich über den Willen des damaligen italienischen Innenministers Matteo Salvini hinwegsetzte. Nach wochenlangem Warten auf See fuhr sie mit mehr als 50 Migranten in den Hafen von Lampedusa. "Dort wurden wir empfangen, als ob wir die Pest an Bord hatten", berichtet Rackete, "und nicht ungeschützte Menschen".

Die ehemalige Sea-Watch-Kapitänin nimmt ihre Zuhörer mit zurück in jene Wochen auf See. "Es waren immer wieder unvorstellbare Szenen, die wir auf dem Meer erlebten", sagt sie mit teils stockender Stimme. Eines Tages seien sie auf zahlreiche Körper im Wasser gestoßen:

"Martin - einer unserer ehrenamtlichen Helfer und dreifacher Vater - zog den Körper eines Kleinkindes aus dem Wasser. Es war, als ob er den Tod nicht akzeptieren konnte. Er hörte nicht auf, für das Kind zu singen, es im Arm zu wiegen, als ob es noch am Leben wäre." Carola Rackete

"Wo waren Sie?"

Es ist still im Sitzungssaal des Europaparlaments, als Rackete erzählt. Es ist aber auch still, als sie eine Frage formuliert, die man getrost als Anklage gegen die europäische Migrationspolitik verstehen kann:

"Ich bekam eine ganze Menge ungewollter Aufmerksamkeit, eine ganze Menge Einladungen, Ehrungen aus verschiedenen europäischen Ländern, nachdem wir im Hafen angekommen waren", sagt sie. "Aber wo waren Sie alle, als wir auf allen möglichen Kanälen um Hilfe baten? Wo waren Sie, als auf die Bitte nach einem sicheren Hafen immer nur die Antwort 'Tripolis' kam?" Carola Rackete

Als Seenotretterin Rackete schließlich fertig ist und die Abgeordneten sich zu Wort zu melden, passiert genau das, was viele im Vorfeld erwartet hatten: Es wird zugespitzt, es wird polemisch, es tun sich die Gräben auf, die sich inzwischen bei jeder Diskussion zur Flüchtlingspolitik auftun.

Rechtspopulisten gegen Grüne

Der Belgier Tom Vandendriessche vom rechtspopulistischen "Vlaams Belang" wendet sich an Rackete. "Sie respektieren einfach die Gesetze und den Rechtsstaat nicht", sagt er. "Sie wählen stattdessen den Weg der Gewalt. Sie sind Teil eines kriminellen Netzwerkes. Sie sind Handlanger der Menschenschmuggler. Deshalb gehören Sie nicht hierhin, sondern in eine Gefängniszelle."

Den jungen Grünen Erik Marquardt, der selbst schon auf Rettungsschiffen mitgefahren ist, hält es daraufhin kaum mehr auf seinem Stuhl.

"Ich will mich ganz kurz an die Kollegen wenden, die hier, meiner Meinung nach, widerliche Statements abgegeben haben: Ich hoffe sehr, dass Sie niemals in Seenot geraten! Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass - wenn Sie mal in Seenot sein sollten - Sie sich dann sehr freuen werden, dass es Menschen wie Carola Rackete gibt!" Erik Marquardt, EU-Abgeordneter der Grünen

Ein müdes Lächeln erntet der Grüne daraufhin nur von seinem AfD-Kollegen Nikolaus Fest. "Herr Marquardt, ich habe nicht die Absicht, in einem Schlauchboot nach Libyen zu fahren. Insofern danke für Ihre Besorgnis, aber ich werde wahrscheinlich in nächster Zeit nicht in Seenot geraten." So geht das immer mal wieder hin und her, ohne dass es einen echten, nach vorne blickenden Austausch gibt.

Dienstag soll über Verteilung beraten werden

Nächster wichtiger Termin für den Umgang mit aus Seenot Geretteten ist der kommende Dienstag. Dann will Bundesinnenminister Horst Seehofer ein Bündnis mehrerer Staaten präsentieren, die künftig Migranten nach festen Quoten in Europa verteilen. Bislang sieht es nicht so aus, als ob da deutlich mehr als ein Drittel der EU mitmachen wird.