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EU-Bürger vor dem Brexit: "Nichts für schwache Nerven" | BR24

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In Großbritannien leben runde 3,5 Millionen EU-Bürger. Für viele ist die unsichere Zukunft nach dem Brexit eine Belastung. Anne Demmer hat die Deutsche Jennifer Müller in London getroffen.

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EU-Bürger vor dem Brexit: "Nichts für schwache Nerven"

In Großbritannien leben runde 3,5 Millionen EU-Bürger. Für viele ist die unsichere Zukunft nach dem Brexit eine Belastung. BR-Reporterin Anne Demmer hat die Deutsche Jennifer Müller in London getroffen. Sie sagt: "Vielleicht muss ich gehen."

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Jennifer Müller ist Deutsche, aber sie lebt schon länger in Großbritannien als sie in Deutschland gelebt hat. Sie kam nach dem Abitur, um ihr Englisch aufzubessern und blieb. Der drohende Brexit und die vielen Unsicherheiten aber bereiten Jennifer Müller schlaflose Nächte.

"Es ist schon schlimm, wenn man seit über zwei Jahren nicht weiß, wie es weitergehen soll, ob man hier noch weiterleben kann oder wie das Leben überhaupt aussehen soll. Vielleicht muss ich gehen, dann muss ich meinen Freund zurücklassen." Jennifer Müller

Jennifers Lebensgefährte ist Brite, er spricht kein Deutsch, die beiden hatten sich eigentlich auf ein gemeinsames Leben in Großbritannien eingestellt.

Brexit-Schock: Wie das Ende einer Beziehung

An den 23. Juni 2016 erinnert sich Jennifer Müller noch genau - es war der Tag, an dem sich rund 52 Prozent der Briten für den Brexit entschieden haben. Für sie war es ein Schock, erzählt sie, und vergleicht das mit dem plötzlichen Ende einer Beziehung.

"Man verliebt sich, man heiratet, man trifft diesen Entschluss - und dann ist es auf einmal so, als ob der Lebenspartner einfach sagt: 'Hör zu, ich hab keinen Bock mehr, zieh aus, hau ab!'" Jennifer Müller

Großbritannien verändert sich offenbar rasant

Vor 23 Jahren ist Jennifer nach Großbritannien gekommen. Ihr Deutsch sei mittlerweile ein wenig eingerostet, sagt sie. Sie sucht immer wieder nach Worten, ihre Muttersprache spricht sie kaum noch. Die 42-Jährige überlegt, ob sie die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen soll, die Zeit dafür ist knapp. Aber immer wieder hat sie Zweifel.

"So wie Großbritannien jetzt ist, möchte ich eigentlich keine Britin sein." Jennifer Müller

Jennifer Müller hat immer gerne in London gelebt, gerade weil es dort so viele verschiedene Nationalitäten gibt. Doch seit dem Referendum habe sich die Stimmung verändert. Sie erzählt von einer britischen Freundin indischer Herkunft, der am Tag nach dem Referendum von einer Frau auf der Straße ins Gesicht geschlagen wurde. "Ab nach Hause", soll die Frau gesagt haben. "Das sind schon Sachen, die heftig sind", sagt Jennifer.

Jen - wie sie von ihren Freunden und Kollegen in London genannt wird - arbeitet im Marketing-Bereich für eine Investment-Management-Firma im Zentrum von London. Dass sie in Großbritannien einfach arbeiten kann, war für sie immer selbstverständlich.

"Man war einfach Europäer, es war okay mit den meisten. Das ist jetzt nicht mehr so, das ist schade." Jennifer Müller

Aufenthalt, Arbeit, Rente: Unsicherheit kurz vor dem Brexit

Wer bereits fünf Jahre in Großbritannien gelebt hat, soll eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis erhalten, erklärt Jen. Sie wird trotzdem Rechte verlieren. Europäer könnten künftig zusätzlich für ihre Krankenversicherung bezahlen müssen. Ungeklärt sei auch noch, was mit dem Geld passiert, das Jennifer Müller schon in die britische Rentenkasse eingezahlt hat. Dazu kommt in Zukunft das Währungsrisiko.

"Jetzt sind wir hier fünf Monate vor Brexit und keiner weiß, was Sache ist, das ist nichts für schwache Nerven." Jennifer Müller

Jennifer Müller hat sich mit anderen EU-Bürgern vernetzt. Am vergangenen Wochenende hat sie sich dem Protestmarsch für ein zweites Referendum angeschlossen – bei dem rund 700.000 Menschen aus ganz Großbritannien auf die Straße gegangen sind.