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Ethikerin mahnt: Gerechte Impfstoffverteilung in Gefahr | BR24

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Wer soll zuerst eine Impfung bekommen, wer noch nicht? Im Interview mit dem BR macht die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats Vorschläge.

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    Ethikerin mahnt: Gerechte Impfstoffverteilung in Gefahr

    Er soll ein wichtiger Baustein im Kampf gegen COVID-19 sein: Der Corona-Impfstoff. Doch wer bekommt ihn zuerst? Welche Kriterien dafür gelten sollten und warum eine gerechte Verteilung in Gefahr ist.

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    Von
    • Johannes Lenz

    Erste Impfstoffe zum Schutz gegen COVID-19 könnten laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bereits Anfang 2021 zugelassen werden. Zumindest am Anfang stehen jedoch aller Voraussicht nach nicht für alle interessierten Menschen Impfstoffdosen zur Verfügung. Deswegen ist die Frage wichtig: Wer soll ihn zuerst bekommen?

    Drei ethische Kriterien für gerechte Impfstoffverteilung

    Für die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats Prof. Christiane Woopen stehen drei Bevölkerungsgruppen im Vordergrund:

    Zuerst sollten die Menschen eine Impfung bekommen, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit einen schweren Krankheitsverlauf hätten. Zum Beispiel chronisch Kranke.

    An zweiter Stelle sollten die Menschen geimpft werden, die ein hohes Risiko haben, sich oder andere anzustecken. So zum Beispiel alle Beschäftigten in den Gesundheitsberufen.

    An dritter Stelle sollten schließlich alle Menschen Vorrang haben, die sozial benachteiligt sind. "Man weiß aus der Geschichte und sieht es auch in der Corona-Krise, dass sozial benachteiligte Menschen öfter und schwerer erkranken." Das wiederum verschärfe die soziale Situation der Betroffenen umso mehr. Nicht nur das Virus alleine mache der Bevölkerung zu schaffen, sondern auch die Maßnahmen, die viele Menschen wirtschaftlich schwer treffen.

    Verteilung allein per "Bevölkerungsschlüssel" fragwürdig

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich entschieden: Zwanzig Prozent der Impfstoffdosen sollen an Länder mit besonders hoher Bevölkerungszahl gehen. Im Anschluss sollen die jeweiligen Länder selbst entscheiden, nach welchen Kriterien sie die Impfdosen verteilen. Für die anderen achtzig Prozent hat die WHO ähnliche Kriterien aufgestellt, wie sie Frau Prof. Christiane Woopen vom Europäischen Ethikrat vorschlägt. Sie mahnt aber: Nicht auf der ganzen Welt darf der Impfstoff dasselbe kosten. Sonst könnten es sich viele Länder nicht leisten, genug Impfdosen einzukaufen. Sie hält es für sehr wichtig, dass die WHO deshalb internationale Maßstäbe festsetzt.

    Auf europäischer Ebene muss nachgebessert werden

    Speziell für Europa kann Frau Prof. Christiane Woopen nicht erkennen, wie die Impfdosen an besonders Bedürftige verteilt werden sollen. Die Impfdosen allein nach den Bevölkerungsanteilen der Mitgliedsstaaten zu verteilen, findet sie sehr bedenklich. "Ein solch rein mathematisches Kriterium schiene mir unangemessen zu sein für eine europäische Wertegemeinschaft." Die Politikerinnen und Politiker auf europäischer Ebene sollten sich ihrer Meinung nach klar dazu bekennen, Menschen mit weniger finanziellen Mitteln nicht alleine zu lassen.

    "Soziale Last" als eigenes Kriterium gefordert

    Auf nationaler Ebene hat der Deutsche Ethikrat zusammen mit der ständigen Impfkommission (STIKO) des Bundesgesundheitsministeriums und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein gemeinsames Positionspapier verfasst. Es handelt sich dabei um eine Empfehlung, wie eine Impfstoffverteilung aussehen könnte.

    Darin sind zum Teil soziale Aspekte mit einbezogen. Zum Beispiel sind Obdachlose speziell erwähnt, die ansonsten keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung hätten. Frau Prof. Christiane Woopen schlägt vor, zusätzlich das Kriterium "soziale Last" festzuhalten. Nur so könnte man die Impfstoffversorgung zum Beispiel für Obdachlose oder aber auch für benachteiligte Kinder aus armen Familien sicher gewährleisten.

    Strategie des Deutschen Ethikrates: Menschenleben retten

    Der Medizinethiker Prof. Urban Wiesing von der Universität Tübingen ist der Meinung, das Hauptziel des Papiers sei erreicht, so wenig Menschen wie möglich sterben zu lassen. Der Bevölkerungsschlüssel sei grundsätzlich richtig. Zwar hätten Obdachlose tatsächlich ein höheres Risiko, an Krankheiten zu sterben, doch deshalb sollte man nicht pauschal das Kriterium "soziale Last" ansetzen. Denn es gehe in erster Linie darum, die Sterberate allgemein zu minimieren.

    Kritik an WHO: Wirtschaftlich schwächere Länder benachteiligt?

    "Wir haben es hier mit einer Pandemie zu tun. Das heißt: Die ganze Menschheit ist betroffen. Wir sollten diese ethischen Überlegungen nicht nur für uns in Deutschland, sondern für die ganze Welt treffen", so der Medizinethiker Prof. Urban Wiesing. Er sieht in diesem Zusammenhang die WHO in der Pflicht. Sie käme aber der Verantwortung, auf die ganze Welt zu blicken, nicht genügend nach. "Machen wir uns nichts vor: Wir haben zum Beispiel immer noch die USA als ein Land, das stark den Slogan 'Amerika First' prägt und dem die übrige Welt egal scheint. Hier müsste eine Institution klare Vorgaben machen."

    Die Menschen müssen laut Prof. Urban Wiesing der Realität ins Auge blicken. Auf globaler Ebene, im Einverständnis mit weltweit allen Ländern, sei eine ethisch gerechte Verteilung des Corona-Impfstoffes nicht möglich. Umso mehr sollten wir uns in Zukunft in Deutschland und Europa dafür einsetzen, den zukünftigen Corona-Impfstoff gerecht zu verteilen.

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