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Ethiker Dabrock fordert Debatte über Triage | BR24

© dpa-Bildfunk/ Kay Nietfeld

11.11.2020, Berlin: Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin

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    Ethiker Dabrock fordert Debatte über Triage

    Der evangelische Theologe und ehemalige Ethikratsvorsitzende Peter Dabrock geht davon aus, dass Krankenhäuser in Deutschland bald an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Der Bundestag müsse sich mit der Triage-Frage befassen, so Dabrock im BR-Interview.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung
    • BR24 Redaktion
    • Veronika Wawatschek

    "Wenn das jetzt noch zwei Wochen so weiter läuft, dann ist das Krankenhaussystem am Ende", sagte der Erlanger Theologe Peter Dabrock im Gespräch mit dem BR. "Das scheint irgendwie noch nicht hinreichend in viele Köpfe hineingedrungen zu sein." Der Deutsche Bundestag müsse sich daher mit der Triage-Frage, also der Priorisierung medizinischer Hilfen, beschäftigen und darüber eine öffentliche Debatte führen.

    Einzelfallentscheidungen statt gesetzliche Regelung

    Allerdings plädiert Dabrock nicht für eine gesetzliche Regelung dieser Frage. Schließlich sei man in einem ethischen Dilemma, etwa wenn ein Intensivbett mit einem 80-Jährigen belegt sei, dessen Lebenserwartung deutlich geringer sei, als das einer 30-jährigen Mutter mit drei Kindern. "Man darf nach allen Standards des Rechts den einen Patienten nicht gegen den anderen abwägen", so Dabrock. Aber indirekt werde die medizinische Einschätzung über den Erfolg einer einzelnen Therapie selbstverständlich auch durch die äußeren Umstände beeinflusst.

    "Es darf keine Lebensqualitätsurteile geben"

    Zu Recht müssten bei der Priorisierung von intensivmedizinischen Leistungen die Standards des Verfassungsrechts eingehalten werden. Ansonsten würde zu Ungunsten von älteren Menschen, Menschen mit chronischen oder anderen schweren Krankheiten oder von Menschen mit Behinderung entschieden. Die Gleichheit vor dem Gesetz sei dann nicht mehr gegeben. Deshalb warnt Dabrock im BR-Gespräch vor dem Versuch, diese Situationen rechtlich zu regeln. "Da muss man Vorsicht walten lassen, weil jede gesetzliche Regelung kann nur darauf hinauslaufen, dass man zu Lebensqualitätsurteilen kommt." Seiner Ansicht nach zählt bei Triage-Entscheidungen die medizinische Notwendigkeit, die sich an der Dringlichkeit ausrichtet.

    "Ärzte handeln verantwortlich"

    In potenziellen Triage-Situationen während der Corona-Pandemie solle man den Ärzten die Möglichkeit geben, im Einzelfall anhand der verfügbaren Kapazitäten und der medizinischen Dringlichkeit zu entscheiden. Dazu brauche es rechtliche Graubereiche. "Wir wissen, dass Ärzte sehr verantwortlich handeln." Todesengel gebe es nicht.

    Ethikrat positionierte sich im Frühjahr

    Bereits im Frühjahr 2020 hatte der Deutsche Ethikrat eine Ad-Hoc-Empfehlung für Triage-Situationen als Orientierung herausgegeben, die das medizinische Personal entlasten soll. Der Staat dürfe in solchen Situationen keine Kriterien vorgeben, weil er nicht über Leben in dieser Art und Weise abwägen dürfe, so der Ethikrat im März 2020.

    Bundesweit gut 6.500 freie Intensivbetten

    Derzeit steigt die Zahl der belegten Intensivbetten durch Corona-Patienten weiter. Laut dem DIVI-Melderegister waren am Donnerstag 3.168 Betten mit Covid-19-Patienten belegt - das sind 29 mehr als am Vortag und ein Höchststand seit Beginn der Pandemie. Die Anzahl der freien Intensivbetten, die die Krankenhäuser melden, sank auf 6.652.

    Der Trend hält seit Tagen an, weil die Infektionszahlen in den vergangenen Wochen stark gestiegen waren. Bei Patienten zeigen sich schwere Krankheitssymptome meist erst mit mehrwöchiger Verspätung. Nach den Worten von RKI-Chef Wieler melden die Kliniken immer häufiger Engpässe - vor allem beim medizinischen Personal, das zum Teil selbst erkranke. "Es ist möglich, dass Patienten nicht mehr überall optimal versorgt werden können."

    Dabrock: öffentliche Debatte nötig

    Nach den Worten des evangelischen Theologen und ehemaligen Ethikratsvorsitzenden Dabrock muss die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Triage gestärkt werden. Es brauche eine "Debatte in der Zivilgesellschaft" darüber, so Dabrock im BR-Gespräch. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute einfach denken, wir können auf diesem etwas unangenehmen Niveau einfach so weitermachen."

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