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Entwicklungsminister Gerd Müller: "Hunger ist Mord!" | BR24

© picture alliance/Axel Heimken/dpa

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller

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    Entwicklungsminister Gerd Müller: "Hunger ist Mord!"

    Eine Welt ohne Hunger wäre möglich, würden wir es wollen, so Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im BR-Interview. Zu wenig Geld werde für den Kampf gegen den weltweiten Hunger - eine mögliche Ursache für Flüchtlingsbewegungen - investiert.

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    Die sich in Ostafrika ausbreitende Heuschreckenplage bereitet der Bundesregierung und Hilfsorganisationen wegen der Gefahr einer neuen Hungersnot zunehmend Sorgen. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk fordert Bundesentwicklungsminister Gerd Müller die Verantwortlichen in der EU zu mehr Engagement auf.

    BR: Herr Müller, ostafrikanische Länder wie Kenia werden gerade von einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit Jahrzehnten heimgesucht. Mit Pestiziden versucht man, die Vermehrung der Insekten einzudämmen, die ganze Felder und Ernten vernichten. Wird derzeit genug getan gegen die drohende Hungerkrise, die durch diese Heuschreckenplage ausgelöst wird?

    Gerd Müller: Es ist sehr dramatisch für die betroffenen Regionen. Man denkt direkt an die biblische Plage. Diese Heuschrecken haben eine Größe, wie wir sie in Bayern nicht kennen. Ich bin Bauernsohn, ich kenne eine normale Heuschrecke. Diese afrikanischen Heuschrecken sind fünf bis zehnmal so groß, und sie fressen einfach die Flächen nieder. 500.000 Hektar sind bereits vernichtet. Das bedeutet 30 Millionen Menschen sind davon betroffen.

    Welche Hilfen müssen in den betroffenen Gebieten geleistet werden?

    Da, wo die Heuschrecken drüber gegangen sind, über kilometerlange Flächen, ist praktisch keine Pflanze mehr übriggeblieben. Die Menschen stehen vor dem Nichts. Und genau da setzen wir an. Zusammen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen versuchen wir, soweit es möglich ist wieder etwas anzupflanzen, Saatgut zu liefern. Aber das hängt natürlich von der jeweiligen Saison ab, ob das noch möglich ist. Wenn nicht, dann muss den Menschen direkt mit Nahrungsmittelhilfen geholfen werden.

    Sie gelten als Optimist und wurden immer wieder mit der Aussage zitiert, dass der Hunger in der Welt in den kommenden zehn Jahren besiegt werden kann. Was gibt Ihnen Grund für diesen Optimismus?

    Eine Welt ohne Hunger ist möglich, wir müssen es nur wollen. Wir haben das Wissen, die Technologie und hätten auch das Geld. Ich habe Wissenschaftsinstitute in der ganzen Welt befragt, und die eindeutige Meinung ist: Mit 30 Milliarden jährlich in den nächsten zehn Jahren könnten wir Produktivitätssprünge in Lateinamerika und in Afrika auslösen, so dass kein Mensch und kein Kind mehr an Hunger oder Mangelernährung sterben muss. Und es ist doch dramatisch, dass wir das Wissen haben und es nicht tun. Deshalb sage ich: Hunger ist Mord, wenn wir zuschauen, wie am heutigen Tag 15.000 Kinder verhungern.

    Es bräuchte den so oft zitierten Schulterschluss der Weltgemeinschaft. Warum gab es den bisher nicht?

    Ich glaube, dass wir alle zu sehr auf uns selbst blicken, nicht auf das große Ganze. Wenn die Kinder Afrikas nicht satt werden, dann werden sie sich auf den Weg machen, dorthin, wo es Essen gibt. Das löst Flüchtlingsbewegungen aus und wir können das ändern. Wir müssen es ändern, denn die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft liegt in etwa bei einem Fünftel der Produktivität der Landwirtschaft in Bayern.

    Wir müssen den Menschen dort unser Wissen und unsere Technologie zur Verfügung stellen. Ich bin vor zehn Tagen aus Indien zurückgekommen. Dort habe ich Reisbauern besucht. Es wird uns gelingen, den Ertrag durch neue Sorten zu verdoppeln. Das geht relativ schnell. Dann geht es um die Frage, wie verhindern wir Nachernteverlust? In Indien wird Reis oder Hirse im Wesentlichen im Freien gelagert. Es regnet rein und Schädlingsbefall führt dazu, dass bis zu 50 Prozent der Ernte in Indien, aber auch in afrikanischen Ländern, einfach verrottet. Einfache technische Lösungen wie Silos können das verhindern.

    Wie sieht Ihre Prognose für das Jahr 2030 in puncto Hunger aus?

    Ich versuche, die Verantwortungsträger in Deutschland in der Europäischen Union wachzurütteln. Wir brauchen eine große Initiative, um den Hunger in der Welt zu besiegen. Aber wir haben leider keine Lobby für Humanität, für Ernährung und für Verantwortung in der Welt. Es ist jämmerlich, dass man für diese notwendigen Investitionen immer ein Stück überzeugen, betteln, argumentieren muss, obwohl wir so viel in andere Bereiche investieren. Ich nenne den Rüstungsbereich: 1.700 Milliarden werden in der Welt für Rüstungsinvestitionen ausgegeben und 170 Milliarden weltweit für Investitionen, Hunger, internationalen Klimaschutz und Entwicklungszusammenarbeit. Das ist ein grobes Missverhältnis.

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