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Polizei und Generalstaatsanwaltschaft bewerten den Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Hamburger Synagoge als versuchten Mord.

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Ermittler sehen Angriff vor Synagoge als versuchten Mord

Polizei und Generalstaatsanwaltschaft bewerten den Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Hamburger Synagoge als versuchten Mord - mutmaßlich mit antisemitischem Hintergrund. Politiker und jüdische Verbände reagierten bestürzt.

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Nach ersten Erkenntnissen werten Polizei und Generalstaatsanwaltschaft den Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Hamburger Synagoge am Sonntagnachmittag als versuchten Mord - mutmaßlich mit antisemitischem Hintergrund. Das teilten die Behörden heute in Hamburg mit. Aufgrund der derzeitigen Einschätzung der Gesamtumstände sei bei der Tat von einem antisemitisch motiviertem Angriff auszugehen. Wegen der Bedeutung des Falles und wegen eines möglichen extremistischen Hintergrundes ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft vom Montagabend wurde der Mann aufgrund eines richterlichen Beschlusses wegen starker psychischer Auffälligkeiten in ein Fachkrankenhaus eingewiesen. Demnach lag der Verdacht auf eine erheblich verminderte oder sogar vollkommen fehlende Steuerungsfähigkeit während der Tat vom Sonntagnachmittag vor.

"Keine Hinweise auf Mittäter"

"Nach aktuellem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise auf Mittäter vor", hieß es in einer Erklärung. Weitere Ermittlungen führten zu einer Wohnung in Hamburg-Langenhorn, in der sich der Beschuldigte unangemeldet aufgehalten habe, hieß es weiter. In der Nacht zum Montag sei die Wohnung durchsucht worden. Dort wurden Datenträger sichergestellt, deren Auswertung noch andauere. Der Mann sei bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten.

Bundesjustizministerin Lambrecht: "eine Schande für unser Land"

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) nannte den Angriff heute eine"widerliche Attacke". "Der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist eine Schande für unser Land", so Lambrecht. Der Rechtsstaat müsse alles tun, um jüdisches Leben zu schützen: "Wir müssen uns der Hetze noch entschiedener entgegenstellen und stärker für die Betroffenen von Hass und Gewalt da sein."

Am Sonntagnachmittag hatte ein 29-jähriger Deutscher mit kasachischen Wurzeln einen jungen Mann mit einem Klappspaten angegriffen und am Kopf verletzt. Das Opfer, ein jüdischer Student, war durch eine Kippa als Anhänger jüdischen Glaubens erkennbar und kurz davor, die Synagoge zu betreten. Das Motiv des Angreifers war zunächst unklar. Der Mann hatte der Polizei zufolge einen "extrem verwirrten Eindruck" gemacht. Der Täter soll nach dpa-Informationen einen Zettel mit einem Hakenkreuz in seiner Hosentasche gehabt haben. Unklar ist laut Polizei bislang, warum der Angreifer eine Bundeswehruniform trug.

Vizekanzler Scholz: "feiger und abscheulicher Anschlag"

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) bezeichnete den Angriff als "feigen und abscheulichen Anschlag, der auch mich bestürzt". Das schrieb der Bundesfinanzminister und frühere Hamburger Bürgermeister bei Twitter.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte bereits am Sonntagabend erklärt, es handele sich um widerlichen Antisemitismus, dem sich alle entgegenstellen müssten. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sprach indes von einem widerwärtigen Akt.

Antisemitismusbeauftragter Klein: "tief sitzender Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft"

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, war bestürzt: "Dass ein Mann auf dem Weg zum Gebet in seiner Gemeinde Opfer eines brutalen Angriffs wird, hat mich zutiefst erschüttert", sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "In diesen Tagen steht der Attentäter von Halle vor Gericht. Dieser erneute Anschlag an einem jüdischen Feiertag macht noch einmal deutlich, wie wichtig eine Debatte über den tief sitzenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, seine Hintergründe und die erforderlichen Gegenmaßnahmen ist."

Jüdische Verbände sehen Bundesregierung in der Pflicht

Auch jüdische Organisationen zeigen sich erschüttert über die Spaten-Attacke auf einen jüdischen Studenten. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, forderte in New York, mehr Polizeischutz für jüdische Gemeindeeinrichtungen, so dass Juden frei und ohne Angst und Belästigung ihren Glauben leben könnten. er kritisierte, in Hamburg sei die Sicherheitspräsenz nicht ausreichend gewesen. Lauder sieht die Bundesregierung in der Pflicht.

Hamburger Religionsgemeinschaften bekundeten ihre volle Solidarität mit den Opfern. "Fast ein Jahr nach dem Anschlag von Halle zeigt die Tat, wie verbreitet und wie gefährlich der Antisemitismus weiterhin ist", sagte die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs als Vorsitzende des Interreligiösen Forums Hamburg.

Knobloch: Judenfeindliches "Grundrauschen" angehen

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, erklärte:

"Dieser furchtbare Angriff fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag von Halle weckt die düstersten Erinnerungen in der jüdischen Gemeinschaft – weit über Hamburg hinaus. Mit der nun anstehenden juristischen Aufarbeitung und der Bestrafung des Täters muss endlich auch das judenfeindliche Grundrauschen angegangen werden, das erst zu dieser Tat geführt hat." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Der Vorfall passierte nur wenige Tage vor dem Jahrestag des Anschlages in Halle. Am 9. Oktober 2019 hatte der schwer bewaffnete Rechtsextremist Stephan Balliet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Als ihm dies nicht gelang, erschoss er eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen 20 Jahre alten Gast. Auf seiner Flucht verletzte der Deutsche mehrere Menschen teils sehr schwer.

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Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten in Hamburg hat der Staatsschutz die Ermittlungen an sich gezogen. Die Behörden gehen von einee antisemitischen, rechtsextremen Hintergrund der tat aus.

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