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Entscheidung zu Kostenübernahme von Blut-Test in Schwangerschaft | BR24

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Seit sieben Jahren ist ein Bluttest auf dem Markt, der bei schwangeren Frauen unter anderem eine Diagnose über Trisomie 21, also das Down-Syndrom, ermöglicht. Heute könnte sich entscheiden, ob dieser Test zur Kassenleistung wird.

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Entscheidung zu Kostenübernahme von Blut-Test in Schwangerschaft

Seit sieben Jahren ist ein Bluttest auf dem Markt, der bei schwangeren Frauen unter anderem eine Diagnose über Trisomie 21, also das Down-Syndrom, ermöglicht. Heute könnte sich entscheiden, ob dieser Test zur Kassenleistung wird.

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Eigentlich ist es ganz einfach: Krankenkassen müssen die Kosten für Behandlungen übernehmen, wenn neue Verfahren oder Medikamente dem Patienten einen therapeutischen Nutzen bringen. Oder wenn sie risikoärmer als bereits erlaubte Verfahren sind. Und weniger Risiko – das trifft auf den Bluttest zum Nachweis von Trisomien zu. Keine Nadel in den Bauch wie bei der Fruchtwasseruntersuchung. Kein Risiko einer Fehlgeburt. Der Gemeinsame Bundesausschuss GBA dürfte deshalb den Test, voraussichtlich unter strengen Auflagen, als Kassenleistung freigeben.

Offene ethische Fragen

Und bittet gleichzeitig die Politik, die grundsätzlichen ethischen Fragen, die der Test aufwirft, zu klären. Denn dafür sei der Bundesausschuss nicht zuständig. Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer, stellt klar, warum sie gegen die Tests ist: "Das Erste, was mir widerstrebt, ist, das Kind als Risiko zu betrachten. Trisomie ist keine Krankheit! Sondern eine genetische Abweichung."

Positives Testergebnis führt meist zu einer Abtreibung

Behandelt werden kann eine Trisomie nicht. Also folgt bei einem positiven Testergebnis keine Therapie. Sondern in der großen Mehrheit der Fälle eine Abtreibung. Wenn der Test Kassenleistung wird, könnte das dazu führen, dass diese vorgeburtliche Selektion von Behinderten noch gefördert wird. Deshalb wird es wohl große Einschränkungen für die Anwendung geben, um eine Art "Screening" zu verhindern. Das ist auch im Sinn des Arztes und CSU-Gesundheitspolitikers Stephan Pilsinger.

"Ich glaube, das darf nicht zu ungenau definiert werden, sonst kann es dazu führen, dass dann viele Ärzte so nebenher sagen, ja, machen wir diesen Test gleich mit. Das finde ich falsch. Ich denke, wenn man diesen Test bezahlt, muss man das auch restriktiv handhaben." CSU-Gesundheitspolitikers Stephan Pilsinger

Ethische Fragen zum Umgang mit Behinderung

Der Gesetzgeber muss ganz generell entscheiden, wie er in der Zukunft mit solchen Tests verfährt. Will er zulassen, dass Ungeborene auch auf ihre Veranlagung für Krankheiten wie Diabetes oder Brustkrebs getestet werden? Sind Tests erst mal erlaubt, werden sie genutzt, das zeigt die Erfahrung. Und der Druck auf Frauen, ein gesundes Kind zu gebären, steigt. Da ist man schnell bei der Grundsatzfrage: Welche Haltung nimmt die Gesellschaft gegenüber behinderten Menschen ein?

"Diese Frage wird umso drängender, je mehr Tests auf den Markt kommen. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen und das geht über die Frage der Trisomie 21 weit hinaus, das ist allen Beteiligten auch bewusst." Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin der Grünen

Bundestag will Familien mit behinderten Kindern mehr unterstützen

Im Bundestag, das hat eine Orientierungsdebatte im April gezeigt, herrscht breiter Konsens: Frauen, die ein behindertes Kind erwarten, sollten besser beraten und unterstützt werden. Der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger schlägt konkret vor: "Frauen, die sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden, sollten wir helfen, längere Erziehungszeiten zu bekommen, oder auch einen Ausgleich bei der Rente. Denn es darf keinen finanziellen Schaden für Frauen, oder für Familien bedeuten, wenn sie sich für ein behindertes Kind entscheiden. Ich glaube, wir haben da ordentlichen Nachholbedarf."

Gesellschaftliche Debatte muss geführt werden – nicht nur in der Politik

Wo ziehen wir die Grenzen bei der vorgeburtlichen Diagnostik? Haben wir sie vielleicht schon überschritten? Politiker quer durch alle Fraktionen sind sich einig, dass diese Fragen nicht nur in der Politik, sondern in der ganzen Gesellschaft diskutiert werden sollten. Der Streit um den Trisomie-Bluttest zeigt auch: Die ethische Debatte darüber, wie die Gesellschaft mit Behinderungen umgeht, steht noch am Anfang.