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Elternzeit-Väter im beruflichen Abseits | BR24

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Väter im Abseits: Wenn die Elternzeit zum Problem im Beruf wird

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Elternzeit-Väter im beruflichen Abseits

Dass Väter in Elternzeit gehen, ist noch lange nicht Normalität in Deutschland. Nur jeder Dritte nimmt eine berufliche Auszeit für die Kinder. Das liegt auch an den Arbeitgebern. Männer berichten von Mobbing, Einschüchterungsversuchen und Kündigung.

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Dem jungen Mann fällt es nicht leicht, über die vergangenen Jahre zu reden. Er ist Vater geworden, das war das Schöne. Aber in der Küche liegt auch ein dicker Ordner voll mit Anwaltspost. Das war das weniger Schöne.

"Also wenn Sie ein Kind bekommen, dann wissen Sie, dass Sie hier keine Karriere mehr machen." Das bekommt Leo Sander zu hören, als er seinen Chef über seine geplante Elternzeit informiert. Der junge Vater heißt eigentlich anders, möchte aber aus Angst vor beruflichen Konsequenzen nicht erkannt werden. Er arbeitet als Arzt an einer Klinik, als er sich entscheidet, ein Jahr lang in Elternzeit zu gehen. Bis zu dem Zeitpunkt ist er glücklich in seinem Job, seine Zeugnisse sind gut.

"Man wurde deutlich unter Druck gesetzt"

Das ändert sich jedoch schlagartig mit seinem Wunsch, Elternzeit zu nehmen. Sein Arbeitszeugnis fällt plötzlich schlecht aus. Sein Chef bietet ihm an, nochmal über das Zeugnis zu sprechen – aber nur, wenn Leo Sander sich doch noch gegen die Elternzeit entscheidet oder direkt einen Auflösungsvertrag unterschreibt. "Man wurde deutlich unter Druck gesetzt mit einer Drohkulisse, die ins Existentielle geht für einen jungen Familienvater“, berichtet Leo Sander gegenüber dem Politmagazin ARD-Report München.

Laut Statistischem Bundesamt nutzt in Deutschland nur jeder dritte Vater das Elterngeld. Im Durchschnitt beantragen Männer drei Monate Elternzeit, während Frauen knapp ein Jahr in Anspruch nehmen. Sprich: Die Erziehungsarbeit ist mitnichten gleichberechtigt verteilt. Häufig liegt das daran, dass der Mann der Hauptverdiener der Familie ist – und ein reduziertes Gehalt des Vaters ein Loch in die Familienkasse reißen würde. Oft stellen sich aber auch die Arbeitgeber in den Weg, die nicht akzeptieren wollen, dass ein männlicher Mitarbeiter für den Nachwuchs eine berufliche Auszeit nimmt.

Studie: Jeder dritte Mann berichtet von Karriereknick

Laut einer Studie des Wissenschaftsinstituts SoWitra berichtet in Deutschland jeder dritte Mann, der eine längere Elternzeit genommen hat, von einem Karriereknick. Und während dieser Recherche stößt die Autorin auf unzählige Väter, die von Mobbing, Einschüchterungsversuchen und sogar Kündigung berichten.

Lange Zeit spielten Väter bei der Kinderbetreuung kaum eine Rolle. Doch das ändert sich gerade: Nun möchten sich auch immer mehr Männer um den Nachwuchs kümmern. Und das stellt die Unternehmen vor konkrete Probleme:

"Für Unternehmen bedeutet jede Elternzeit, dass ein voller oder teilweiser Ausfall eines Beschäftigten überbrückt oder aufgefangen werden muss. Es ist in jedem Einzelfall eine Herausforderung für Unternehmen, entsprechend qualifizierte Ersatzkräfte zu finden und einzuarbeiten oder die Arbeit innerhalb des verbleibenden Teams umzustrukturieren." Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Anpassung an gesellschaftliche Realitäten

Genau das bestätigt Unternehmerin Birgit Gehr. Sie ist Geschäftsführerin einer Recyclingfirma mit Sitz in München und leitet ein Team von 20 Mitarbeitern. Jeder, der in Elternzeit geht, ist für sie erstmal eine Arbeitskraft, die wegfällt und schwer zu ersetzen ist.

"Für uns ist das natürlich ein sehr schwieriges Unterfangen. Wir sind ein typischer kleiner Mittelständler, sehr auf die einzelne Arbeitskraft angewiesen. Und gerade bei Damen, die länger in Elternzeit gehen – wobei es betrifft natürlich auch die Herren - ist es so, dass durch einen längeren Ausfall viel Know-how für einen längeren Zeitraum nicht zur Verfügung steht." Unternehmerin Birgit Gehr

Ersatz findet Gehr oft nicht. Aber man müsse sich an gesellschaftliche Realitäten anpassen. Und dazu gehöre auch, dass Väter Elternzeit nehmen wollen, sagt Birgit Gehr. Ihre Lösung: Ein enges Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern und langfristige Planung.

Angeblich eingebrochene Leistung

Der junge Mediziner Leo Sander nimmt sich schließlich einen Anwalt. Doch die Situation ist schwierig, denn offiziell ist nicht seine geplante Elternzeit das Problem, sondern seine angeblich zeitgleich eingebrochene Leistung als Arzt. Eine Vorgehensweise, die Anwalt Peter Groll kennt. Immer wieder vertritt er Väter, die wegen der Elternzeit gekündigt wurden.

Elternzeit darf laut Gesetz kein Kündigungsgrund sein. Arbeitgeber rechtfertigten die Trennung von dem betroffenen Mitarbeiter dann eben mit der angeblich eingebrochenen Leistung:

"Interessanterweise wird nie das Thema Elterngeld angesprochen. Selbst wenn ich es anspreche, wird es abgestritten. Es werden Performancegründe genannt. Manchmal auch angebliche Umorganisationen, die nie stattgefunden haben. Unterm Strich wird man sich irgendwann auf etwas verständigen mit einem Beendigungstermin und einer Abfindung. Zu Gericht gehen diese Fälle in der Regel nicht." Rechtsanwalt Peter Groll

Auch Leo Sanders Fall landet nicht vor Gericht. Er zieht schließlich die Notbremse, unterschreibt einen Auflösungsvertrag und arbeitet – nach der Elternzeit – nun in einem anderen Krankenhaus.