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Elektronische Patientenakte: Experten warnen vor Datenmissbrauch | BR24

© BR / Kontrovers 2019

Bald müssen auch in Deutschland Ärzte die elektronische Patientenakte anbieten. Aber sind die sensiblen Daten über Krankheiten und Medikamente in dieser Akte auch sicher? In anderen europäischen Ländern kam es immer wieder zu Datenpannen.

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Elektronische Patientenakte: Experten warnen vor Datenmissbrauch

Bald sollen sie in allen Arztpraxen stehen: Konnektoren, die Krankenakten von Patienten einlesen und zentral speichern. So soll der Datenaustausch verbessert werden. Ärzten, die diese Geräte nicht aufstellen wollen, drohen Honorarkürzungen.

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Andreas Meißner ist Psychiater, die Krankengeschichten seiner Patienten sind absolut vertraulich. Doch ab Juni soll in seiner Münchner Praxis ein Gerät stehen, das Patientenakten einlesen und zentral speichern kann. Dann können Krankenkassen und andere Ärzte später auf die Daten zugreifen, wenn die Patienten dem zustimmen. Für Meißner gerade in seinem Fachbereich eine Zumutung:

"Es sind sehr sensible Daten, die in so einer Praxis anfallen. Es geht eigentlich keinen was an, welche Antidepressiva oder Medikamente jemand nimmt." Andreas Meißner, Psychiater

Bundesgesundheitsminister droht mit Honorarkürzungen

Elisabeth B., eine Patientin von Andreas Meißner, ist psychisch krank. Eine zentrale Erfassung ihrer Daten will sie nicht: "Es geht um meine persönlichen Daten und ich möchte nicht, dass die für jeden einsehbar sind. Wir führen schon Gespräche, die in die Tiefe gehen über Dinge in meinem Leben, die nicht für meinen Allgemeinarzt bestimmt sind." Für Patienten ist die Teilnahme freiwillig. Ärzten jedoch, die nicht mitmachen, droht Bundesgesundheitsminister Spahn mit Honorarkürzungen von einem Prozent.

Patientendaten sollen von privaten Betreibern gespeichert werden

Die Gesundheitskarte der Patienten soll der Zugangsschlüssel zum zentralen Speicher sein - über sogenannte Konnektoren, die dann für alle Praxen Pflicht sind. Die Patientenakte wird von der Gesellschaft für Telematik konzipiert und dann von privaten Konsortien zentral gespeichert. Für Thomas Friedel, Professor für medizintechnische Information, ist das unverständlich:

"Die Frage ist auch, warum es Konsortien sind und nicht vielleicht die öffentliche Hand, Hochschulen, unabhängige Beteiligte und nicht vielleicht sogar Shareholdergetriebene Unternehmen. Es kann keiner sagen, dass diese Lösungen alle 100 Prozent sicher sind." Thomas Friedel, Professor für medizintechnische Information

Reichen die Sicherheitszertifizierungen?

Im Bundesgesundheitsministerium hält man die Patientenakte für sicher, auf Nachfrage des BR-Politikmagazins Kontrovers verweist man darauf, dass die technischen Lösungen der Anbieter nach den Vorgaben des Bundesamtes für Sicherheit sicherheitszertifiziert sein müssen. Doch reicht das?

Datenpannen in den USA und Singapur

In anderen Industrienationen gibt es Elektronische Patientenakten schon. Doch immer wieder kommt es zu Datenpannen. Patientendaten werden für viel Geld im Darknet verkauft. In den USA war schon jeder zehnte von Datenverlust betroffen. Und in Singapur gelangten vor wenigen Tagen über eine zentrale Datenbank die Namen von 14.000 HIV-Patienten an die Öffentlichkeit. Psychiater Andreas Meißner warnt:

"Wenn mal was schiefgeht, dann sind die Daten im Netz - ewig lang! Wenn ein Online-Banking gehackt wird oder die Mail-Adresse, dann braucht man ein neues Passwort oder setzt das neu auf. Und dann ist das geregelt, aber diese Daten gelten ein Leben lang." Andreas Meißner, Psychiater

Er wird weiter gegen die Elektronische Patientenakte kämpfen. Und noch etwas beunruhigt ihn. "Meine Sorge ist, dass wir noch mehr Zeit in den Bildschirm glotzen und damit dem Patienten suggerieren, dass nicht er, sondern die Verwaltung seiner Daten wichtig ist."