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Eine Woche Ausnahmezustand an der türkisch-griechischen Grenze | BR24

© BR/Karin Senz

Vor einer Woche hat der türkische Präsident Erdogan erklärt, er habe die Grenze nach Griechenland geöffnet. Tausende Flüchtlinge haben sich auf den Weg in Richtung EU gemacht. Griechenland hat den Schutz seiner Grenzen massiv verstärkt.

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Eine Woche Ausnahmezustand an der türkisch-griechischen Grenze

Vor einer Woche hat der türkische Präsident Erdogan erklärt, er habe die Grenze nach Griechenland geöffnet. Tausende Flüchtlinge haben sich auf den Weg in Richtung EU gemacht. Griechenland hat den Schutz seiner Grenzen massiv verstärkt.

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Immer wieder hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gedroht, die Millionen an Flüchtlingen in seinem Land auf die EU-Grenzen loszulassen. Jetzt hat er seine Drohung wahr gemacht, und aus Istanbul werden Flüchtlinge busseweise angekarrt.

Der junge Afghane Idris erzählt: "Die Polizei hat uns gesagt, geht mit. Dann überquert ihr den griechischen Grenzfluß und könnt in ein europäisches Land. Aber als ich hergekommen bin und gesehen hab, was los war, war alles ganz anders."

Von der Leyen dankt Griechenland für Schutzschild

Während Erdogan die türkische Grenze geöffnet hat, haben die Griechen ihre dafür am Grenzübergang Edirne dicht gemacht. Kein Flüchtling soll mehr über den Evros, den Grenzfluß zwischen den beiden Ländern in die EU kommen. Am Dienstag reiste eine Delegation aus Brüssel an die Grenze auf die griechische Seite, allen voran EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen. Ein starkes Zeichen der Solidarität mit Athen sollte es sein: "Ich danke Griechenland, dass es unser europäischer Schutzschild ist", so von der Leyen.

Verstärkung für Frontex

Dieser Schutzschild wird verstärkt: Frontex, die europäische Grenzschutzagentur bekommt laut der Kommissionspräsidentin "mehrere Schiffe, zwei Helikopter und ein Flugzeug (...) und zu den 530 Grenzschützern noch mal 100 zusätzliche." Zwei Tage später reagiert die Türkei. Innenminister Süleyman Soylu kündigt bei seinem Besuch an der Grenze an, dass umgehend 1.000 Polizisten eines Sonderkommandos an den Evros verlegt würden - in voller Ausrüstung und mit Schlauch-Booten: "Sie werden nicht länger zulassen, dass Flüchtlinge misshandelt werden. Sie sollen völkerrechtswidriges Handeln und Pushbacks an unseren Grenzen verhindern", so der türkische Innenminister.

Flüchtlinge zwischen Tränengas und Rauchgranaten

Bald stehen sich also hochgerüstete Grenzschützer gegenüber. Schon jetzt, so behaupten beiden Seiten, beschieße man sich gegenseitig mit Tränengas und Rauchgranaten – dazwischen die Flüchtlinge. Idris, der 26-jährige Afghane will gar nicht fassen, was mit ihm aber vor allem mit den Frauen und vielen kleinen Kindern hier passiert: "Wir sind wie Tiere. Sie benutzen uns, also zum Beispiel die Türkei, Griechenland ... Deutschland. Alle behandeln uns wie Hunde, nicht wie Menschen."

Kein fließend Wasser und wenig zu essen

Inzwischen stehen ein paar Igluzelte, andere haben sich selbst Schutz vor der Kälte gebaut aus alten Planen und Baumstämmen. Es gibt kein fließend Wasser, keine Toiletten, und viel zu wenig zu Essen. Auch am Busbahnhof des Grenzortes Edirne sind Flüchtlinge gestandet. Eine Frau fährt mit ihrem Lieferwagen vor. Sie ist Basarhändlerin und hat unter ihren Kollegen gesammelt, erzählt, dass alle Händler gegeben hätten, was sie konnten: Unterwäsche, Babykleidung, Decken. "Vor allem Kinderkleidung haben wir gesammelt. Jetzt helfen wir, wo wir können. Wir sind froh, wenn wir helfen können", sagt die Basarhändlerin.

Grenzschützer greifen hart durch

Aber sie fragt sich auch, was aus dem Menschen werden soll. Nicht einmal Geld hätten sie. Viele haben alles ausgegeben für die Fahrt an die Grenze, vielleicht für Schlepper, die sie über den Evros bringen sollten auf die griechische Seite. Aber da greifen Grenzschützer hart durch, erzählen Flüchtlinge immer wieder. Man habe ihnen Geld und Handys abgenommen, teils sogar die Kleidung. Dann ging es zurück auf die türkische Seite.

Josep Borrell, der EU-Außenbeauftragte wiederholt auf der Konferenz der Außenminister in Zagrab die zentrale Botschaft der EU an die Flüchtlinge, sie sollten nicht zur Grenze gehen, weil sie geschlossen sei: "Wenn Euch jemand sagt, ihr könnt nach Europa gehen, weil die Grenze auf ist - das stimmt nicht."

© BR

Seit der von der Türkei verkündeten Öffnung der Grenzen zur EU sollen laut dem türkischen Innenminister mehr als 143.000 Menschen Griechenland erreicht haben. In der Nacht versuchten nun Migranten, den Grenzzaun zu Griechenland in Brand zu setzen.