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Eine alte Feindschaft: Griechenland und die Türkei | BR24

© BR/Thomas Borman, Karin Senz
Bildrechte: dpa/Jens Kalaene

Der Streit zwischen der Türkei und Griechenland um Seegebiete im östlichen Mittelmeer droht weiter zu eskalieren - möglicherweise auch militärisch. Es geht um Erdgas, aber auch um Geopolitik und einen seit Jahrzehnten ungelösten Konflikt.

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Eine alte Feindschaft: Griechenland und die Türkei

Die Seegrenze zwischen Griechenland und der Türkei ist umstritten. Es geht auch um Erdgasfelder. Inzwischen sind sogar Kriegsschiffe angerückt. Die Feindschaft ist tief verwurzelt, alte Konflikte zwischen beiden Ländern wurden nie aufgearbeitet.

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Von
  • Thomas Bormann

Im östlichen Mittelmeer stehen sich griechische und türkische Kriegsschiffe immer wieder feindlich gegenüber. Paradox angesichts der Tatsache, dass beide Länder Mitglied der NATO sind. Und dennoch: Die Seegrenze zwischen Türkei und Griechenland ist seit langem umstritten und damit auch die Frage: Wem gehören die Erdgasfelder, die unter dem Boden des Mittelmeeres vermutet werden?

Seit Jahrzehnten zerrüttetes Verhältnis

Der Streit um Erdgas und um Seegrenzen ist nur ein Beispiel von vielen für das seit Jahrzehnten zerrüttete Verhältnis zwischen den Nachbarländern Türkei und Griechenland. Eine tiefe Feindschaft, die politisch erzwungen und nie aufgearbeitet wurde.

Krieg von 1919 bis 1922

Drei Jahre lang hatten sie Krieg gegeneinander geführt: Griechenland und die Türkei, von 1919 bis 1922. Die griechische Armee hatte Smyrna besetzt, das heutige Izmir, und war in Richtung Ankara vormarschiert. Dann aber schlugen die türkischen Truppen zurück, die zu jener Zeit gegen mehrere Mächte um die Unabhängigkeit der Türkei kämpften. Sie vertrieben die griechischen Soldaten für immer aus Anatolien und schlugen Zehntausende griechische Zivilisten aus Smyrna und Umgebung in die Flucht.

Aus Smyrna wird Izmir: Griechen aus Türkei vertrieben

Die türkischen Soldaten hätten sich damals nicht schlecht benommen, erinnert sich Thémis Papdopoúlou. Schlimm gewesen seien die Partisanen, die danach kamen. Sie hätten gemordet und vergewaltigt. Es sei die Hölle gewesen. Papadopoúlou steht in der Gedenkstätte bei Athen, die an die griechische Kultur in Kleinasien erinnert - eine Kultur, die damals mit der Vertreibung der Griechen unterging.

Vor dem Krieg war Smyrna griechisch geprägt – 40 Prozent der Einwohner waren Griechen. Fortan aber gehörte die Stadt allein den Türken, auf Landkarten steht seither nur noch der türkische Ortsname Izmir.

Tiefe Spuren der Zwangsumsiedlung auf beiden Seiten

Gleich nach dem Krieg hatten Griechenland und die Türkei einen sogenannten "Bevölkerungsaustausch" vereinbart – über die Köpfe der Betroffenen hinweg: Alle 1,2 Millionen Griechen mussten das Gebiet der heutigen Türkei verlassen. Im Gegenzug wurden alle 400.000 Muslime aus Griechenland in die Türkei zwangsumgesiedelt – mit wenigen Ausnahmen.

Auch die Großmutter von Thémis Papadopoúlou musste ihre angestammte Heimat in Alikarnassós, auf Türkisch: Bodrum, verlassen. Er erinnert sich, dass sie auch später den Schlüssel für ihr Haus immer in ihrer Schürze bei sich getragen habe – bis sie starb. Nie haben sie ihn herrausgeholt.

Trennung: Gescheiterter Versuch zum Frieden

Mit der Zwangsumsiedlung im Jahr 1923 wollten die Regierungen Griechenlands und der Türkei damals den Frieden zwischen ihren Ländern stabilisieren. Die Zeit der immer wiederkehrenden Kämpfe zwischen christlichen Griechen und muslimischen Türken sollte aufhören, indem man die Völker strikt voneinander trennt. Aber mit der Zwangsumsiedlung wurden neue Wunden aufgerissen. 1,6 Millionen Menschen verloren ihre Heimat.

Abschiedsschmerz auf beiden Seiten

Die Wunden wirken bis heute nach. In beiden Ländern. Griechen und Türken haben früher in Kleinasien friedlich zusammengelebt. Sie waren Nachbarn, sie waren Freunde. Als die Griechen dann 1923 ihre alte Heimat mit ungewissen Ziel verlassen mussten, war der Abschied für alle schmerzhaft. Für Griechen und für Türken. Die Griechen durfte nur das mitnehmen was sie tragen konnten. Den Rest mussten sie zurücklassen.

Türken retten Familienschmuck ihrer griechischen Nachbarn

Die Griechin Déspina Damianoú berichtet, dass einige der türkischen Nachbarn in Makri damals den Griechen geraten hatten, ihren Schmuck erst einmal dort zu lassen. Sie würden darauf aufpassen und ihn später nach Rhodos bringen, wo die Griechen ihn dann abholen könnten. Genauso sei es dann auch geschehen, sagt Damianoú: Auch ihre Familie habe so ihren Schmuck aus der alten Heimat wiederbekommen.

Politisch erzwungene Trennung

Griechen und Türken haben sich damals in Makri und Livissi aufeinander verlassen können. Aber sie durften nicht zusammenbleiben, mussten sich dem sogenannten "Bevölkerungsaustausch" fügen. Wie immer in Kriegen entscheiden die Mächtigen, sagt Michális Baláskas, und die einfachen Leute mussten den Preis zahlen - auch wenn die Türken und Griechen dort lange Zeit Nachbarn gewesen sind.

Seit fast hundert Jahren leben sie nun aber getrennt: die Türken am östlichen Ufer des ägäischen Meeres, die Griechen am westlichen Ufer. 500 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

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