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Ein Jahr Pandemie: Europas erster schwer kranker Corona-Patient | BR24

© picture alliance / FOTOGRAMMA | Massimo Alberico

Mailand: Mit Coronavirus infizierte Patienten werden vom Krankenhaus in Codogno nach Mailand ins Sacco Krankenhaus gebracht. (21.02.2020)

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    Ein Jahr Pandemie: Europas erster schwer kranker Corona-Patient

    In der Klinik von Codogno trifft nachts ein rätselhafter Patient ein. Am 20. Februar nehmen die Ärzte entgegen aller Regeln einen Coronatest. Er ist positiv. Die Pandemie erreicht Europa - und nichts ist wie zuvor.

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    Von
    • Jörg Seisselberg

    Es ist ein schlichter roter Backsteinbau aus den 40er Jahren, gelegen am Stadtrand. Im dritten Stock des Krankenhauses von Codogno steht Andrea Filippin auf der Station für Innere Medizin. Lachsfarben verputzte Wände, grüne Handläufe, grauer Kunstharzboden. Der medizinische Direktor Andrea Filippin deutet den Gang hinunter. "Auf dieser Station ist am 19. Februar 2020 Mattia, der Patient Nummer Eins, aufgenommen worden. Mit einer sich schnell weiterentwickelnden Lungenentzündung", erinnert er sich.

    Plötzlich ringt ein durchtrainierter 38-Jähriger mit dem Tod

    Am folgenden Tag um acht Uhr beginnt Laura Ricevuti ihren Turnus als diensthabende Ärztin auf der Inneren. Der neu aufgenommene Patient habe große Probleme in der Nacht gehabt, wird ihr berichtet. Sie geht gleich zu Schichtbeginn zu seinem Bett. "Ich habe einen Patienten vorgefunden, der stark gelitten hat, mit großer Atemnot, hohem Fieber und Husten", beschreibt sie. "Als erstes habe ich die Sauerstoffversorgung für ihn erhöht." Mattias Zustand aber verschlechtert sich weiter. Die Ärzte entschließen sich, den Patienten auf die Intensivstation zu verlegen. Und rätseln, warum dieser kräftige, durchtrainierte 38 Jahre alte Sportler plötzlich mit dem Tod ringt. Alle üblichen Untersuchungen bringen keine Erklärung. Am Ende fehlt nur noch ein Test.

    Covid-Abstrich war nur bei China-Rückkehrern vorgesehen

    "Die einzige Untersuchung, die wir noch nicht durchgeführt hatten, war der Abstrich auf Covid-19", sagt Ricevuti. Denn das Protokoll des Gesundheitsministeriums habe damals vorgesehen, dass dieser Abstrich zunächst fiebrigen Lungenpatienten, die aus China zurückkommen, vorbehalten bleibt. Mattia aber ist nie in China gewesen. Die Ärzte in Codogno ringen sich durch, sich über die gültigen Protokolle hinwegzusetzen. Auch weil das sich später als falsch herausstellende Gerücht aufkommt, der Patient habe eventuell mit einem Rückkehrer aus China Kontakt gehabt. Gegen Mittag gibt der medizinische Direktor Filippin grünes Licht für den Abstrich. Der Test wird nach Mailand geschickt. "Um neun Uhr abends haben sie uns dann aus dem Krankenhaus Sacco in Mailand angerufen und mitgeteilt, dass es sich in der Tat um einen Covid-Fall handelt", sagt er.

    "Das schien unvorstellbar"

    Mit einem Schlag platzt am Abend des 20. Februar die Illusion, das Coronavirus sei eine Sache Chinas und ein paar anderer Länder. Die Covid-19-Pandemie ist in Europa angekommen - entdeckt in einem Provinz-Krankenhaus im untersten südöstlichen Zipfel der Lombardei, wo Bürgermeister Francesco Passerini bei der Rückkehr von einem Arbeitsessen eine Nachricht des Präfekten der Provinz Lodi auf seinem Handy vorfindet. Passerini denkt, es gehe noch um die Aufarbeitung eines Zugunglücks, das sich zuvor in der Gegend ereignet hat. Aber der Präfekt informiert ihn über den ersten Corona-Fall im Krankenhaus von Codogno."Wenn es nicht der Präfekt gewesen wäre, hätte ich es für einen Scherz gehalten, seil in jener Zeit auch Experten es für unmöglich hielten, dass es in Europa Infektionsherde geben könnte", sagt Passerini. "Und dann mitten in der Po-Ebene, weit weg von Flughäfen, internationalen Verkehrswegen - das schien unvorstellbar."

    Der Bürgermeister riegelt die Stadt ab

    Im Krankenhaus in Codogno schließt der medizinische Direktor Filippin die Notaufnahme. Bürgermeister Passerini führt in der Nacht Dutzend Gespräche, unter anderem mit den Verantwortlichen im örtlichen Krankenhaus - und entscheidet, die Stadt per Verordnung zu schließen. "Es war klar, dass hier irgendwas nicht in Ordnung ist. Denn sehr schnell gab es nicht nur den Patienten Nummer eins, sondern bereits in der Nacht mehr als zehn weitere Patienten", erinnert er sich. "Ich glaube, kein Bürgermeister will jemals einen solchen Schritt gehen. Aber in dem Moment schien es mir die einzige Möglichkeit, meine Gemeinschaft zu schützen und Leben zu retten."

    Die ganze Welt spricht über Codogno

    Am Morgen des 21. Februar hat Europa seine erste rote Zone. In Codogno darf niemand mehr aus dem Haus, alle Schulen und Geschäfte sind geschlossen, das öffentliche Leben ist stillgelegt. Einen Tag später entscheidet die Regierung in Rom Soldaten zu schicken, um Codogno und umliegende Gemeinden abzuriegeln. Fernseh- und Radiosender aus der ganzen Welt berichten plötzlich über Codogno. Bei Hotelbesitzer Fabrizio Pesci klingelt das Telefon. "Ich erinnere mich, dass mich ein Kunde aus Argentinien anrief und mir gesagt hat: 'Mensch, ihr seid jetzt berühmt'", sagt er. "Und ich dachte mir: Verdammt, es wäre schon besser, wenn wir wegen einer anderen Sache bekannt geworden wären." Die Welt spricht über Codogno. Aber vielen, die mitten in der roten Zone leben, ist noch gar nicht richtig klar, was gerade passiert. "Eine Sache, die sich dann aber allen eingeprägt hat, waren die ständigen Sirenen der Krankenwagen. Das war die Grundmelodie in den Tagen. Als man dann verstanden hat, das dort Menschen transportiert wurden, die es nicht mehr schaffen - da ist die Angst gestiegen."

    Sozialdienste liefern Essen an die Grenzen der roten Zone

    Sozialdienste liefern Essen an die Grenzen der roten Zone. In Europa weiß zu diesem Zeitpunkt niemand außerhalb Codognos, wie sich ein Lockdown anfühlt. Die Menschen in der 16.000-Einwohner-Stadt in Norditalien bemühen sich, die empfohlenen Mund-Nasen-Masken zu bekommen. In den Apotheken sind sie schnell ausverkauft, Heimwerkermasken aus dem Baumarkt dienen als Ersatz. Freiwillige des Zivilschutzes wie Lorenzo Nicolini werden aktiv, um Menschen mit Essen zu versorgen. "Rund 30 Menschen hier in Codogno haben die Sozialdienste mittags Essen gebracht - und das ging plötzlich nicht mehr", sagt er. "Daher sind wir an die Grenze der roten Zone gefahren, haben das warme Essen von den Lieferfirmen entgegengenommen und es zu den Menschen gebracht." Der Patient Nummer eins wird derweil in eine größere Klinik nach Pavia transportiert - und gerettet. In Codogno sind im Krankenhaus rund 70 Prozent der Mitarbeiter in der Notaufnahme positiv auf das Coronavirus getestet. Krankenpflegerinnen und -pfleger, die nicht infiziert sind, arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung. "Auf der Station für Innere Medizin gab es noch rund 20 Patienten, die weiterbehandelt werden mussten. Wir hatten aber nur noch fünf Pflegerinnen und Pfleger", sagt Filippin. "Die sind dann vier Tage und Nächte im Krankenhaus geblieben und haben durchgearbeitet. Ununterbrochen. Sie haben es geschafft, die ganze Station alleine aufrecht zu erhalten. Sie waren wirkliche Helden."

    Ärztin Ricevuti erkrankt später selbst an Covid-19

    Ärztin Ricevuti erkrankt später selbst an Covid-19. Laura Ricevuti, die Ärztin, die beim Patienten Nummer Eins Alarm geschlagen hat, ist vom italienischen Staatspräsidenten als Anerkennung für ihre Verdienste zur Ehrenritterin der Republik ernannt worden. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Annalisa Malara, die den Covid-Test durchgeführt hat. Ricevuti erkrankt einige Tage nach der Entdeckung des Patienten Nummer eins selbst an Covid-19 und sagt heute: "Die Pandemie ist noch nicht verschwunden." Inmitten der zweiten Welle samt Mutationen gelte es, wachsam zu bleiben - auch wenn sich alle Entspannung wünschten. "Aber ich habe selbst erlebt, dass von einem Moment auf den anderen, sich dein Leben ändern kann."

    Noch immer unklar: Wo hat sich Patient Nr.1 angesteckt?

    Noch immer ist unklar, wo sich Mattia angesteckt hat. Die Suche nach dem Patienten Null ist ergebnislos geblieben. Zu lange hat sich die Pandemie offensichtlich unbemerkt ausgebreitet - bevor ein Ärzteteam in Codogno einen Covid-19-Test gegen alle Regeln durchgeführt hat. Am Sonntag erinnert Codogno an die Einführung der ersten roten Zone in Europa. Andrea Filippin, der medizinische Direktor, begeht den Tag auf seine Weise: "Was mich anbetrifft, werde ich am 21. Februar hier im Krankenhaus sein. Das ist meine persönliche Antwort auf die derzeitigen Diskussionen: Ich bin in einer Impfschicht eingeteilt und werde hier impfen."

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