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Ein Jahr nach Chinas Corona-Warnung: Schweigen und verschleiern | BR24

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Arbeiter in Schutzkleidung in Wuhan

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    Ein Jahr nach Chinas Corona-Warnung: Schweigen und verschleiern

    Vor einem Jahr meldete China der WHO den Ausbruch einer unbekannten Lungenkrankheit in Wuhan. Früh in der Krise wurden vor Ort schwerwiegende Fehler gemacht. Darüber offen zu sprechen, ist heute in China fast unmöglich.

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    Von
    • Steffen Wurzel

    Wuhan ist zurück im Alltag. Zumindest auf den ersten Blick. An der prächtigen Uferpromenade am Fluss Yangtse etwa stehen rund 30 gut gelaunte Frauen und Männer dicht gedrängt an einem Bootsanleger. Ein Ausflugsdampfer hat angelegt. 228 Yuan kostet die Flussrundfahrt mit dem Schiff, erzählt einer der Wartenden, umgerechnet knapp 30 Euro.

    Bei der Frage, seit wann die geselligen Schifffahrten wieder stattfinden in Wuhan, seit wann er die Corona-Beschränkungen nicht mehr spürt im Alltag, schaut der 35-Jährige etwas verdutzt; so, als wundere er sich über eine so dämliche Frage.

    "In Wuhan ist wieder alles normal! Schon seit langem, schon seit einem halben Jahr oder so. Verglichen mit Europa und den USA hat Wuhan das Virus viel erfolgreicher in den Griff bekommen. In China herrscht eine starke staatliche Aufsicht, und die Bevölkerung befolgt die Vorgaben sehr gewissenhaft. Nicht so wie in den Ländern, in denen ständig nur über Freiheiten und Menschenrechte geredet wird."

    Abweichende Meinungen nur hinter vorgehaltener Hand

    So selbstbewusst, patriotisch und zufrieden wie dieser 35-Jährige äußern sich dieser Tage viele Menschen in Wuhan. Nachdenkliche, kritische Stimmen hört man natürlich auch, aber nur wenige wollen sich offen äußern; vor allem dann nicht, wenn ihre Meinung von der offiziellen Linie der kommunistischen Staats- und Parteiführung abweicht. Eine von ihnen ist Wu Xiaoyu.

    Der Silvestertag 2019, am 31. Dezember 2019, sei ihr zum ersten Mal bewusst geworden: Diese neue Lungenkrankheit, dieses Virus, ist viel gefährlicher, als befürchtet. Wu Xiaoyu ist Ärztin. Sie arbeitete Ende 2019 in einem Krankenhaus in Wuhan. Um sie vor möglichen Repressionen durch die chinesischen Behörden zu schützen, haben wir ihren Namen geändert; die Ärztin heißt eigentlich anders.

    "Silvester, das war der erste Tag meines lange geplanten Jahresurlaubs. Um 9 Uhr vormittags kam ein Anruf meines Chefs. Ich sollte zurück ins Krankenhaus für eine wichtige Sitzung. Bei der Sitzung ging es um eine Mitteilung der Gesundheitsbehörden über den Ausbruch einer unbekannten Lungenkrankheit. So habe ich es erfahren."

    Staats- und Parteiführung spielte zuerst herunter

    Die Zahl der Notfallpatienten stieg in Wuhan den Januar über unablässig an. Zur selben Zeit versuchte Chinas Staats- und Parteiführung, mithilfe der staatlichen Medien zu beschwichtigen und das Problem herunterzuspielen. Noch am 6. Januar verkündete eine Sprecherin im nationalen Nachrichtensender CCTV:

    "Bisher haben Untersuchungen keinen eindeutigen Beweis erbracht, dass die Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, oder dass sich medizinisches Personal anstecken kann."

    Dass das eine Falschinformation ist, das sei damals schon klar gewesen, sagt die Ärztin Wu Xiaoyu.

    "Die Wahrheit ist: Schon am 31. Dezember, bei unserem Treffen an Silvester, waren wir alle überzeugt, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist. Der oberste Seuchenschutz-Beauftrage der Regierung, Zhong Nanshan, aber erklärte erst am 20. Januar offiziell über die Medien, dass Menschen sich gegenseitig anstecken können. Erst dann erfuhr es die Öffentlichkeit und die Leute begannen, die Krankheit wirklich ernst zu nehmen."

    Mangelnde Informationen kosteten Leben

    Einer der entschiedensten offenen Kritiker der chinesischen Führung im Bezug auf das Corona-Management ist Zhang Hai. Er kommt ursprünglich aus Wuhan, lebte aber in den vergangenen Jahren im südchinesischen Shenzhen, gemeinsam mit seinem 76-jährigen Vater, einem hochdekorierten Militär-Veteranen.

    Als dieser im Januar operiert werden musste, brachte Zhang Hai seinen Vater nach Wuhan. Als die beiden am 17. Januar dort ankamen, waren die Krankenhäuser bereits voll belegt mit Covid-19-Patienten. Zhang Hais Vater steckte sich dort während seiner Behandlung mit dem Coronavirus an. Er erkrankte schwer und starb schließlich am 1. Februar an Covid. Hätte er von der enormen Ansteckungsgefahr gewusst, hätte er seinen Vater damals natürlich niemals nach Wuhan gebracht, sagt Zhang Hai im Gespräch mit dem Schweizer Radiosender SRF.

    "Wuhans Stadtregierung hat damals gelogen und tut es auch heute noch!"

    Aussichtslose Klage

    Zhang Hai hat die zuständigen Behörden verklagt. Ein in China nahezu aussichtsloses Unterfangen, denn Rechtsstaatlichkeit gibt es in der Volksrepublik nicht.

    "Die Regierung von Wuhan übt eine Menge Druck auf uns aus. Viele haben deswegen aufgegeben. Was ich gut verstehen kann. Ich werde aber nicht aufgeben. Obwohl sie auch mich behelligen und mich bedrohen."

    Ob je geklärt werden kann, woher das neuartige Corona-Virus vor rund einem Jahr genau kam, ist fraglich. Die ersten Krankheits-Fälle konnten bis in den Dezember 2019 zurückverfolgt werden, zum Gelände eines Wildtiermarktes in Wuhan. Dort ist heute, rund ein Jahr später, nicht mehr viel zu sehen: Die Gebäude am Rand einer vierspurigen Straße sind leer. Fast alle Hinweis- und Werbeschilder sind entfernt.

    Propagandamaschine läuft auf Hochtouren

    Chinas Propaganda suggeriert derweil seit Wochen, das Virus sei vermutlich aus dem Ausland nach Wuhan eingeschleppt worden. Das verfängt. So auch bei dieser Verkäuferin, die in der Nähe der früheren Markthalle Krabben verkauft.

    "Das Virus kam nicht aus Wuhan. Ausländer haben es eingeschleppt - die Amerikaner! Mit Wuhan oder Hubei hatte das nichts zu tun. Dank unseres kommunistischen Systems hat China die Krise gut gemanaged. Für die Zentralregierung ist die Gesundheit des Volkes wichtiger als alles andere."

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