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Fünf Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur war das jüdische Leben in Deutschland nahezu zerstört. Dennoch wurde am 19. Juli 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet - als zentrale Interessenvertreteung der jüdischen Überlebenenden.

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Ein deutsches Wunder: 70 Jahre Zentralrat der Juden

Fünf Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur war das jüdische Leben in Deutschland nahezu zerstört. Dennoch wurde am 19. Juli 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet - als zentrale Interessenvertretung der jüdischen Überlebenenden.

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Von
  • Barbara Weiß

Die Synagogen zerstört. Die Juden systematisch ermordet. Dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland geben könnte, schien fünf Jahre nach dem Holocaust unvorstellbar. Die Überlebenden aus den Konzentrationslagern warteten in "Displaced Persons Camps" nur darauf, aus Deutschland auswandern zu können.

Ursprünglich nur als Provisorium gedacht

Die Gründung des Zentralrats der Juden in Deutschland im Juli 1950 stieß weltweit auf Unverständnis, erinnert sich Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern und ehemalige Vorsitzende des Zentralrats. Man sei überzeugt gewesen, dass Deutschland keine Zukunft für Juden würde bieten können.

Der Zentralrat war also nur als Provisorium gedacht und als Ansprechpartner für die Überlebenden. Auch wegen der neuen Strukturen wie dem Zentralrat entschieden sich aber rund 30.000 Juden dazu, in Deutschland zu bleiben.

Unfreiwillige Rolle des Mahners

Der Zentralrat entwickelte sich zu einem Mahner gegen das Vergessen. Zu einer moralischen Instanz, auf Dauer und wider Willen, so sein heutiger Präsident, Josef Schuster: Obwohl er und auch schon sein Vorgänger Dieter Graumann sich bei der Amtsübernahme vorgenommen hätten, die Rolle des Mahners abzulegen und vielmehr die schönen Seiten des Judentums zu zeigen, sei das - wegen der aktuellen Ereignisse - weder ihm noch seinem Vorgänger geglückt.

Antisemitismus ist das Thema, das den Zentralrat nach wie vor am meisten beschäftigt. Trotz immer neuer Angriffe auf Juden entwickelten die Juden in Deutschland ein neues Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, konstatierte Dieter Graumann während seiner Amtszeit als Präsident von 2010 bis 2014. Er sah ein neues deutsches Judentum entstehen, wenn auch ganz anders als das Judentum früher hier in Deutschland. Aber dass man überhaupt von einem neuen Judentum träumen dürfe, bezeichnete Graumann als ein Wunder.

Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1989

Eine Zäsur in der Geschichte des Zentralrats ist das Jahr 1989. Durch Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion verdreifachte sich die Zahl der Juden in Deutschland. Das stärkte die Gemeinschaft auch nach außen hin.

Jüdisches Leben ist heute wieder ein fester und sichtbarer Bestandteil der deutschen Gesellschaft, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster, auch wenn es heute ganz anders aussieht als vor 1945.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sitzt in Berlin und versteht sich als politische Vertretung der 23 Landesverbände und ihrer 105 Gemeinden mit etwa 100.000 Mitgliedern.

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1950 sollte es eine Interessenvertretung während der Übergangszeit bis zur endgültigen Ausreise sein. Damals eine Entscheidung, die in der internationalen jüdischen Gemeinschaft äußerst umstritten war.