BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Boomender Milliardenmarkt Produktpiraterie | BR24

© picture-alliance/dpa/Ulrich Perrey

Gefälschte Sportschuhe liegen am Dienstag (14.11.2006) im Hamburger Hafen auf einem Haufen. In 117 Containern wurden vom Zoll Markenfälschungen im Wert von 383 Millionen Euro entdeckt. Alle Plagiate werden vernichtet. Die geschredderten Turnschuhe sollen zu Bodenplatten für Sportplätze verarbeitet werden.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie

Boomender Milliardenmarkt Produktpiraterie

Terroristen haben die Produktpiraterie für sich entdeckt: Im Internet ist das illegale Geschäft einfach wie nie. Zoll und Industrie gehen gegen die Fakes vor - doch die Händler finden immer neue Tricks. Von Sabina Wolf und Wolfgang Kerler

Per Mail sharen

Die Zahl ist gigantisch: In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe die Produktpiraterie um 10.000 Prozent zugenommen, schätzt die International AntiCounterfeiting Coalition, kurz IACC, ein internationaler Verband von Markenherstellern, der gegen Produktpiraterie kämpft.

Das weltweite Handelsvolumen mit gefälschten Waren beträgt 461 Milliarden Dollar, das entspricht der Wirtschaftskraft von Australien. Das wichtigste Herkunftsland der illegalen Ware: China. 70 Prozent stammen von dort. Und fast zwei Drittel der Ware werden einfach per Post verschickt.

Kein Produkt, das nicht gefälscht wird: T-Shirts, Turnschuhe, Handtaschen, Sonnenbrillen, Kosmetik, Autoteile, Bauteile von Flugzeugen, Medikamente oder Pflanzenschutzmittel. Wer solche Fälschungen kauft, sollte sich bewusst sein, wer davon profitiert: organisierte Kriminalität, Fabriken mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und - wie die Informationen von BR Recherche und des ARD-Wirtschaftsmagazins plusminus zeigen - zunehmend auch Terroristen.

Produktpiraten finden neue Tricks

Wie in den meisten europäischen Ländern, bekämpft auch in Deutschland der Zoll die Produktpiraterie. Der Wert der aufgegriffenen gefälschten Ware betrug im vergangenen Jahr 132 Millionen Euro. Das dürfte aber nur einem winzigen Bruchteil der nach Deutschland eingeführten Fakes entsprechen. Denn die EU wird jedes Jahr von Fälschungen im Wert von rund 85 Milliarden Euro überschwemmt.

Um Beschlagnahmungen zu entgehen, haben die Produktpiraten einen neuen Trick gefunden, von dem auch Europol berichtet: Die heiße Ware wird oftmals noch ohne Markenzeichen einer bekannten Firma importiert, erst nach der Einfuhr kleben die Hinterleute oder die Straßenhändler die Logos auf.

So jagt die Industrie im Netz Produktpiraten

Auch die Industrie selbst geht gegen Produktpiraterie vor und versucht die illegale Ware zu stoppen, bevor sie versendet wird. Daher kämpfen die Unternehmen gegen Handelsplattformen im Internet.

Im Auftrag großer deutscher Markenhersteller durchleuchtet etwa die italienische Firma Convey mit Sitz in Turin asiatische Online-Handelsportale. Rund um die Uhr prüft sie Plattformen wie Alibaba, Taobao oder Ali-Express. Stößt sie auf Anbieter von Fakes, meldet sie den Portalbetreibern die Produktpiraten und beantragt die Löschung der Angebotsseite. Tausende illegale Händler sind bereits aufgeflogen. Die Mitarbeiter von Convey bekommen regelmäßig wüste Drohungen.

Die italienischen IT-Experten legen immer Beweise vor, dass es sich um Plagiate handelt: Originalfotos, Gebrauchsmuster oder Patente. Dann muss die jeweilige Plattform reagieren. Wenn sie die Angebote online belässt, drohen ihr strafrechtliche Ermittlungen. Besonders heikel wäre das für den chinesischen IT-Giganten Alibaba, der an der New Yorker Börse gelistet ist. Denn US-Behörden greifen hart durch.

© picture-alliance/dpa

Kann man Winterstiefel fälschen? Eine fast philosophische Frage. Bei den Herstellern der Originale aber verursachen Markenfälschungen vom Damenhandtäschchen bis zur Kettensäge jährlich Schäden in Höhe von 1,7 Billionen Dollar.

© BR/Sabina Wolf

Tradititionell werden Fälschungen von Straßenhändlern wie hier in Barcelona angeboten. Doch das ist nur der bekannte Teil eines Riesenmarktes.

© picture-alliance/dpa

Sonnenbrillen aus dem Schattenmarkt: Viele der Fälschungen werden per Post verschickt. Am Frankfurter Flughafen - einem wichtigen Umschlagplatz - wurden in acht Wochen im Frühjahr 2016 außer diesen Brillen noch 15,6 Tonnen gefälschte Waren aus dem Verkehr gezogen.

© picture-alliance/dpa

Betroffen sind fast alle Markenfirmen - von Adidas und BMW bis Versace und Vuitton.

© picture-alliance/dpa

Fehlersuchbild: Links die Markenware, rechts die Kopie. Ob Textmarker oder Textilien: Oft kommen beide aus Fernost. Dann braucht es ...

© picture-alliance/dpa

... Experten, um die Details zu begutachten. Sind die Applikationen sauber montiert? Die Nähte gerade? Ist das "made in ..." plastisch eingeprägt?

© picture-alliance/dpa

Nobelfahrräder. Hergestellt in München? Falsch: nachgebaut und sichergestellt in Fangchenggang, China

© picture-alliance/dpa

Das untere Designer-Kehrset kehrt verkehrt und bekam daher in diesem Jahr einen Gartenzwerg: Den seit 1977 verliehenen Anti-Preis "Plagiarius".

© picture-alliance/dpa

Der Klassiker unter den Fake-Produkten: Zigaretten. Wer sie an türkischen Stränden oder der tschechischen Grenze kauft, sollte wissen, dass er Risiken eingeht. "Rauchen kann tödlich sein" - auch beim Original. Doch nur die Fälschung finanziert bisweilen die brennenden Lunten des Terrors.

© picture-alliance/dpa

Auch Medizinprodukte werden gefälscht - oft in gefährlich schlechter Qualität. Erektionsschwierigkeiten nach der Einnahme sind dann das geringste Problem.

© picture-alliance/dpa

Gefälscht wird praktisch alles - auch Scheibenbremsen für Autos, Windkraftturbinen und Achterbahnen.

© picture-alliance/dpa

Das Ende vom Lied: Gefälschte Leuchtmittel für Autoscheinwerfer werden auf einer Mülldeponie verbrannt. Zum Markendelikt kommt der behördlich verfügte Ressourcen- und Umweltfrevel.