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Eier ohne Kükentöten bis 2022: Ist das Ziel zu ambitioniert? | BR24

© picture-alliance/dpa

Geschlechtsbestimmung der Küken nach dem Schlüpfen

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    Eier ohne Kükentöten bis 2022: Ist das Ziel zu ambitioniert?

    "Wir schaffen das Kükentöten ab" - bis 2022, damit wirbt ein Discounter. Das Landwirtschaftsministerium will das Kükentöten ebenfalls gerne früher beenden. Ob das schnell gelingen kann, ist allerdings fraglich. Es fehlt an geeigneten Verfahren.

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    Das Problem ist bekannt und bleibt hoch emotionalisiert: Wenn Legehennen für die Eierproduktion aufgezogen werden, können die Erzeuger mit den männlichen Geschwisterküken wenig anfangen. Sie legen keine Eier und taugen nicht als Masthähnchen, weil sie viel weniger Fleisch ansetzen, als die speziell dafür gezüchteten Rassen. Also werden sie getötet, wenn auch nicht in einem Schredder, von dem teilweise noch immer die Rede ist. Stattdessen werden sie mit CO2 zuerst betäubt und dann getötet. Die Küken werden in der Regel als Tierfutter verkauft.

    Bisher nur ein praxistaugliches Verfahren

    Das Kükentöten in Deutschland zu beenden, ist ein erklärtes Ziel des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Inzwischen springen die ersten Lebensmittelhändler von sich aus auf den Zug auf. Der gängige Ansatz ist, das Geschlecht der Küken noch im Ei zu bestimmen und die männlichen dann auszusortieren. Praktisch damit angefangen hat die Handelsgruppe Rewe. Das Verfahren dafür hat der ehemalige Rewe-Manager Ludger Breloh mit der Firma Seleggt auf den Markt gebracht. Das Seleggt-Verfahren ist nach eigener Aussage derzeit das einzige, das praxistauglich und auf dem Markt verfügbar ist.

    Es funktioniert so: Mit einem Laser wird am neunten Bruttag ein klitzekleines Loch in die Eierschale geschnitten, aus dem dann ein Tropfen Flüssigkeit austritt. Je nach Geschlecht des Küken-Embryos enthält sie bestimmte Hormone. Ein Tropfen einer speziellen Marker-Flüssigkeit, die auf die Stelle aufgetragen wird, reagiert mit der Ei-Flüssigkeit und je nach Geschlecht schlägt sie farblich aus. Die männlichen Eier können per Roboter aussortiert werden. Sie werden eingestampft und zu Futtermittel verarbeitet.

    Nachfrage nach Verfahren steigt

    Die Nachfrage nach so einer Vorab-Geschlechtsbestimmung steigt. Im April hat die Rewe-Gruppe angekündigt, die Anzahl der Eier im Sortiment, bei denen die Geschwister der Legehennen noch vor dem Schlüpfen aussortiert werden, zu verfünffachen. Für die Firma Seleggt bedeutet das laut Geschäftsführer Breloh eine Herkulesaufgabe, zeitnah die Kapazitäten massiv zu erweitern.

    Stellt sich die Frage, wie schnell man der Nachfrage hinterherkommen kann, solange alle anderen Verfahren, an denen geforscht wird, noch nicht praxistauglich sind. Wie will der Discounter Aldi, der mit dem Ende des Kükentötens bis 2022 wirbt, in dieser Situation innerhalb von nur eineinhalb Jahren sein Sortiment an frischen Eiern komplett umstellen? Dazu gibt es nur spärliche Informationen.

    Geschlechtsbestimmung via Hormone oder DNA

    Das Verfahren soll vom Prinzip ähnlich funktionieren. Jedoch will man mit einem Biotech-Unternehmen aus Kiel zusammenarbeiten, das das Geschlecht statt über Hormone über die DNA bestimmen will. Das Unternehmen Aldi Süd sperrt sich seit Wochen gegen weitere Nachfragen zu dem Thema. Man könne derzeit keine weiteren Informationen zu der Kampagne machen. Branchenkenner gehen davon aus, dass das möglicherweise an einem zu ambitionierten Zeitplan liegen könnte. Auch der Geschäftsführer von Seleggt, Ludger Breloh, ist aus einem bestimmten Grund skeptisch.

    Sollten Aldi und die Rewe-Gruppe die einzigen sein, die diesen Schritt gehen, wäre 2022 als Ziel möglicherweise einzuhalten. "Aber ich vermute mal, und glaube auch zu wissen, dass alle Einzelhändler diese Wege gehen wollen. Und dann wird es natürlich sportlich, alle Wunschvorstellungen termingerecht umsetzen zu können", sagt Breloh.

    "Nur eine Verschiebung des Tötens"

    Von einem schnellen Ende des Kükentötens ist also eher noch nicht auszugehen. Der Vorsitzende des Landesverbands der Bayerischen Geflügelwirtschaft, Bernd Adleff, ist darüber hinaus skeptisch, ob so eine Geschlechtsbestimmung mitten in der Brutphase überhaupt der richtige Weg ist: "Es ist nur eine Verschiebung, beziehungsweise eine Vorwegnahme des Tötens, des Embryos oder des Kükens", so Adleff.

    Dazu komme, dass die Küken als Futter gebraucht würden. Als Beispiel nennt Adleff, der selbst einen Geflügelhof betreibt, etwa den Tierpark Poing, der ihm jedes Jahr bis zu 80.000 Küken als Futter abnehme. Würde das wegfallen, müsste man zum Beispiel Mäuse züchten, um die Nachfrage zu bedienen. Das wäre dann wohl deutlich teurer. Außerdem dürfte die aktuelle Entwicklung laut Adleff auch zu einer immer stärkerer Konzentration führen und dazu, dass kleinere Brütereien schließen müssten. Das Seleggt-Verfahren zur Geschlechtsbestimmung wird bislang beispielsweise nur in einer Brüterei in den Niederlanden angewendet.

    Zweinutzungshühner und Bruderhahn-Aufzucht als Alternativen

    Als generelle Alternativen zum Kükentöten gilt zum einen die Aufzucht der sogenannten Bruderhähne. Was jedoch nicht sehr wirtschaftlich ist, weil sich mit viel Futter nur wenig Fleisch produzieren lässt. Zum anderen Zweinutzungshühner: Mischrassen, die sowohl für Eier als auch Fleischproduktion nutzbar sind. Bisher ist das aber eher eine Nische im hochpreisigen Bio-Sektor. Der Vorsitzende des Landesverbands Geflügelwirtschaft Adleff plädiert für weitere Erforschung anderer Verfahren. Die könnten es möglich machen, das Geschlecht schon beim frisch gelegten Ei zu bestimmen. Und die männlichen Eier gleich industriell zu verwerten - etwa für Kosmetikprodukte -, noch bevor sich ein Küken-Embryo bildet.

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