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Bildrechte: picture alliance / SvenSimon | FrankHoermann/SVEN SIMON

Um Autofahren klimafreundlicher zu machen, setzt die Bundesregierung auf E-Mobilität. 60 Wissenschaftler haben jetzt einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel gerichtet. Sie warnen: Elektromobilität leiste noch lange keinen Beitrag zum Klimaschutz.

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E-Mobilität: Scharfe Kritik der Wissenschaft an einseitigem Kurs

Die Bundesregierung setzt beim Klimaschutz nur auf die E-Mobilität. Mehr als 60 Wissenschaftler kritisieren das scharf. Kanzlerin Merkel missachte die Naturgesetze. Sie fordern mehr Technologieoffenheit, alternative Bio-Kraftstoffe oder E-Fuels.

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Von
  • Christoph Arnowski

Der offene Brief von Prof. Thomas Willner von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg hat es in sich. In einem Begleitschreiben an die Medien betont der Experte für Verfahrenstechnik und nachhaltige Kraftstoffe zwar, dass er die Bundesregierung nicht anprangern, sondern mit ihr in einen konstruktiven Dialog kommen wolle. Doch dann rechnet er mit der einseitigen Förderung der E-Mobilität schonungslos ab.

Über 60 Wissenschaftler kritisieren Konzentration auf E-Mobilität

Er sieht "erheblichen Nachbesserungsbedarf" und fordert eine "transparente und technologieneutrale Klimaschutzpolitik, die sich an realen physikalischen Treibhausgasminderungen über die gesamte Wertschöpfungskette orientiert". Und, als ob das noch nicht genug wäre: Durch die Art und Weise, wie die Bundesregierung die E-Autos fördern wolle, etwa durch die dreifache Anrechnung des Ladestroms bei der Treibhausgasminderungs-Quote, sieht der kühle Hanseat "Naturgesetze missachtet".

Schärfer kann man Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die ja bekanntlich studierte Physikerin ist, eigentlich nicht attackieren. Doch Willner und die mehr als 60 Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland tun dies in diesem Brief, und zwar mit voller Wucht. Ihrer Überzeugung nach wird die Elektromobilität in der "Zeitspanne bis 2030, die für den langfristigen Erfolg oder Misserfolg des Klimaschutzes entscheidend sein wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu keiner nennenswerten Treibhausgasminderung über die gesamte Wertschöpfungskette führen."

Mit anderen Worten: die vielen Milliarden, die die Bundesregierung für den Hochlauf der E-Mobilität und den Ausbau der Ladeinfrastruktur ausgibt, sind unter dem Aspekt des Klimaschutzes ein Schuss in den Ofen.

Das spricht laut Kritikern aktuell gegen E-Autos

Auch Professor Peter Pfeffer, Leiter des Labors für Fahrzeugtechnik an der Hochschule München, hat den Brandbrief nach Berlin unterschrieben. Er bemängelt wie alle anderen, dass die Politik die hohen CO2-Emissionen bei der Produktion der Akkus für die Elektroautos völlig ausblende. Und auch nicht berücksichtige, dass ein Großteil des Ladestroms in Deutschland noch etliche Jahre aus Kohlekraftwerken stammen werde. Nur darauf zu schauen, dass das E-Auto keinen Auspuff habe, sei absurd. "Aus meiner Sicht wird die Debatte um die Elektromobilität viel zu emotional geführt. In den nächsten zehn Jahren wird die Elektromobilität keinen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz liefern."

Sein Hamburger Kollege Willner erläutert, warum das so ist. "Die Elektroautos werden auf deutschen Strom angewiesen sein. Und der erneuerbare Anteil des deutschen Stroms, der wird der Engpass in der Energiewende sein." Deutschland müsse daher darauf achten, Strom zu sparen und nicht für neuen Strombedarf zu sorgen. Doch genau letztes sei der Fall, insbesondere auch deshalb, weil alle wichtigen Hersteller derzeit große E-Fahrzeuge mit möglichst viel Reichweite auf den Markt brächten.

Das Gegenteil von dem, was eigentlich Sinn mache, sagt Peter Pfeffer: "Diese großen Elektrofahrzeuge verursachen insbesondere bei der Produktion ihrer Akkus besonders viele CO2-Emissionen und haben daher eine besonders schlechte Klimabilanz." Das ideale Elektrofahrzeug wäre eher kleiner und leichter und hätte eine kürzere Reichweite.

Warum die Hersteller auf möglichst große E-Autos setzen

Nach Auffassung der Wissenschaftler, die den Brief an Merkel unterzeichnet haben, dränge aber die Politik nicht nur mit ihren Subventionen, sondern auch mit ihrer Gesetzgebung die Industrie zum Bau großer E-Autos. Die europäische CO2-Flottenbilanzrichtlinie sieht vor, dass nur der Verkauf möglichst vieler E-Autos die Hersteller vor den drohenden Strafzahlungen wegen Überschreitung der zulässigen CO2-Flottengrenzwerte bewahre.

Noch aber sind die Fahrzeuge für die Industrie ein Verlustgeschäft. Ihr Ziel ist es daher, dieses Minus so klein wie möglich zu halten - und das lässt sich am ehesten dadurch erreichen, wenn große teure E-Autos verkauft werden, für die die Käufer bereit sind, relativ viel Geld auszugeben.

Wissenschaftler fordern Technologieoffenheit

Die 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler belassen es nicht nur bei Kritik. In ihrem Brief zeigen sie auch auf, wie aus ihrer Sicht mehr Klimaschutz im Individualverkehr schnell erreichbar wäre. Ihre Hauptforderung: Technologieoffenheit. Nachhaltige, treibhausgassenkende alternative Kraftstoffe und mit grüner Energie hergestellte synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, seien in den geplanten Gesetzes- und Verordnungsänderungen "unterrepräsentiert".

Das sehen die Kritiker als schweres Versäumnis, weil diese Kraftstoffe beim Klimaschutz "wirksamer" seien. Sie würden in der bestehenden Bestandsflotte "sofort wirksam zu realen Treibhausgasminderungen führen".

Die E-Fuels ließen sich beispielsweise in Nordafrika oder Südamerika herstellen. Also in weit von Deutschland entfernten Regionen, wo beinahe unbegrenzt Sonnen- und Windenergie zur Verfügung stehen. Als grüner Strom lasse sich diese Energie kaum nach Deutschland transportieren, umgewandelt in flüssige und gasförmige Kraftstoffe dagegen schon. Und das in einer bereits bestehenden Transportinfrastruktur.

Bisher keine Antwort aus Berlin auf den Brief

Der Brief soll, wie es heißt, "eine sachgerechte Diskussion anstoßen". Das allerdings ist noch nicht gelungen. Das Schreiben liegt seit Mitte Januar im Kanzleramt. Eine Antwort gibt es bislang nicht - weder vom beim Klimaschutz federführenden Umweltministerium, das die SPD-Politikerin Svenja Schulze führt, noch von Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst.

Prof. Thomas Willner will die Hoffnung nicht aufgegeben. "Immerhin interessieren sich ein paar Oppositionspolitiker für unsere Vorschläge."

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