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Duogynon-Skandal: Geschädigte kämpfen weiter | BR24

© Bayerischer Rundfunk 2018

Viele Kinder kommen in den 60ern und 70ern mit Missbildungen zur Welt. Ihre Mütter hatten Duogynon eingenommen. Industrie und Politik weisen jede Verantwortung von sich. Eine neue Studie und Mitstreiter im Bundestag geben den Geschädigten Hoffnung.

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Duogynon-Skandal: Geschädigte kämpfen weiter

Viele Kinder kommen in den 60ern und 70ern mit Missbildungen zur Welt. Ihre Mütter hatten Duogynon eingenommen. Industrie und Politik weisen jede Verantwortung von sich. Eine neue Studie und Mitstreiter im Bundestag geben den Geschädigten Hoffnung.

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André Sommer kam 1976 mit schweren Missbildungen zur Welt. Er geht davon aus, dass der Schwangerschaftstest Duogynon, den seine Mutter eingenommen hatte, daran schuld ist. Doch der Pharmahersteller und die Politik weisen jegliche Verantwortung von sich, seit über 40 Jahren. Wie viele Geschädigte kämpft André Sommer seit Jahren um Anerkennung - gegen einen riesigen Pharmakonzern, die Schering AG und ihren Nachfolger Bayer. Jetzt gibt es eine neue Studie und neue Mitstreiter im Bundestag. André Sommer hofft nun auf Gerechtigkeit.

Hormoneller Schwangerschaftstest

Duogynon beinhaltet hoch konzentrierte Hormone, die als Spritze oder Dragees verabreicht wurden. Die Pharmafirma Schering brachte es auf den Markt als Mittel gegen Menstruationsstörungen und als Schwangerschaftstest. Wenn eine Frau nach der Einnahme keine Blutung bekam, war sie schwanger. Doch welche Auswirkung das Medikament auf den Fötus im Bauch hatte, darauf hat niemand geachtet.

Trotz Verdacht wurde Duogynon weitervertrieben

Der Schering Konzern stellte sich auf den Standpunkt, dass ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und den Missbildungen niemals bewiesen wurde. Doch Akten zeigen: Schering wusste, dass Duogynon möglicherweise zu Missbildungen führt. Dennoch vertrieb der Konzern das Präparat weiter. Das für Arzneimittelsicherheit zuständige Bundesgesundheitsamt (BGA) schritt nicht ein. Dokumente von damals belegen, dass Mitarbeiter von BGA und Schering in engem Austausch standen.

In Großbritannien früh verboten

Nachdem 1967 Studien auf einen Zusammenhang zwischen Duogynon und Missbildungen hingewiesen hatten, wurde das Mittel in Großbritannien als Schwangerschaftstest verboten. In Deutschland geschah nichts. Auch in der Aufklärung unterscheiden sich die Staaten: In Großbritannien gibt es nun bereits die zweite staatliche Untersuchung, diesmal durch eine Expertenkommission im Auftrag der Premierministerin Theresa May.

Neue Studie schließt Zusammenhang nicht aus

Eine Studie der University of Oxford hat die Folgen von hormonellen Schwangerschaftstests systematisch untersucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von hormonellen Schwangerschaftstests wie Duogynon das Risiko für Fehlbildungen beim Fötus deutlich erhöht: für einen Herzfehler um 89 Prozent, beim Nervensystem um 198 Prozent.

Bundestagsabgeordnete fordern Untersuchung

Die Bundesregierung beziehungsweise das Bundesgesundheitsministerium sieht nach wie vor keinen Aufklärungsbedarf. Bislang war die Antwort immer wieder, dass ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon während der Schwangerschaft und den Missbildungen bei Kindern nicht bewiesen sei. Doch inzwischen fordern auch Bundestagsabgeordnete Aufklärung. Die Grünen im Bundestag haben eine kleine Anfrage gestellt.

"Bereits 1971, 1975 haben Finnland, Schweden und Neuseeland die Hinweise als Anlass genommen, dieses Produkt vom Markt zu nehmen. Es ist unverantwortlich, was in Deutschland passiert ist." Maria Klein-Schmeink, MdB Bündnis 90/Grüne

Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Pilsinger kann nicht nachvollziehen, dass die Bundesregierung bislang untätig bleibt.

"Wenn es ein Verschulden gab bei der Pharmaindustrie oder in der Aufsichtspflicht, dann müssen die Menschen ähnlich wie bei Contergan auch ordentlich entschädigt werden." Stephan Pilsinger, MdB CSU