Getreideernte in der Ukraine
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Getreideernte in der Ukraine

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Dünger und Weizen: Wie China und Russland Preise steigen ließen

China und Russland haben seit Herbst 2021 durch Exportbeschränkungen die Preise für Düngemittel nach oben getrieben. Im Februar 2022 schlossen beide Länder ein Abkommen über Weizenlieferungen. Dann kam der Krieg. Die Folgen spürt die ganze Welt.

Über dieses Thema berichtet: report München am .

Als im Februar 2022 Russland die Ukraine angreift, ist die Welt alarmiert: Es droht eine internationale Nahrungsmittelkrise. Denn die Ukraine ist einer der wichtigsten Lieferanten von Getreide. Werden Weizen oder Mais auf dem Weltmarkt knapp, steigen vor allem in importabhängigen Ländern die Preise für Brot – und mehr Menschen müssen hungern.

Den Hunger in der Welt bekämpfen soll die Welternährungsorganisation FAO in Rom. Seit 2019 leitet Qu Dongu aus China die wichtige UN-Organisation. Recherchen von BR, MDR, rbb, SWR und des ARD-Studios Rom zeigen: China nutzt die FAO für eigene Zwecke. Und auch im Ukraine-Krieg verhält sich Qu Dongyu keineswegs neutral.

Enger Draht nach Peking

Am 11. März äußert sich Qu Dongyu erstmals – auf der Website der FAO in einem persönlichen "Meinungsartikel". Der Artikel erscheint zeitgleich in der chinesischen Parteizeitung "China Daily". Darin vermeidet der FAO-Generaldirektor das Wort "Krieg". Dass die Aggression von Russland ausging, erwähnt er nicht. Stattdessen kritisiert er "finanzielle Sanktionen" des Westens gegen Russland. Die könnten die Nahrungsmittelproduktion in Russland einschränken. Das Land sei der weltgrößte Exporteur von Weizen und ein führender Hersteller von Dünger.

Was Qu Dongyu nicht erwähnt: Weder damals noch heute haben westliche Länder russische Exporte von Dünge- und Nahrungsmitteln sanktioniert. Der FAO-Generaldirektor zeigt sich so ganz auf Linie der chinesischen Politik. Für Reinhard Bütikofer, Abgeordneter für die Grünen im EU-Parlament, keine Überraschung. Der Politiker wurde persönlich von China sanktioniert, weil er etwa regelmäßig die Menschenrechtssituation in dem Land kritisiert. "Chinesische Spitzenfunktionäre in solchen internationalen Organisationen hören mehr auf das Kommando Xi Jinpings als auf irgendetwas anderes. Es gibt keinen Respekt vor solchen internationalen Organisationen, sondern sie sind Mittel zum Zweck", so Reinhard Bütikofer im Interview mit dem ARD-Politikmagazin report München.

Chinesische und russische Exportbeschränkungen

Besonders auffällig auch: In seinem Artikel warnt Qu Dongyu ausdrücklich davor, dass die USA künftig Exporte beschränken könnten. Dies würde die Lebensmittelpreise nach oben treiben. Dabei haben die USA keine Exportbeschränkungen erlassen, weder vor noch nach dem Krieg – wohl aber China und Russland. Die beiden Länder haben schon vor der russischen Invasion in der Ukraine begonnen, die Ausfuhr von Dünger zu drosseln, was Qu ebenfalls verschweigt.

Im September 2021 verbietet China, der weltgrößte Exporteur von Phosphat-Dünger, die Ausfuhr dieses wichtigen Düngemittels. Im November 2021 zieht Russland nach und beschränkt den Export von Stickstoff-Dünger auf sechs Millionen Tonnen. Am 2. Februar 2022, drei Wochen vor Beginn des Krieges, verbietet Russland den Export verschiedener Sorten von Stickstoff-Dünger für zwei Monate ganz. Russland ist der weltweit größte Exporteur von Stickstoff-Dünger. Unterm Strich sind durch die Exportbeschränkungen bereits vor dem Krieg rund 20 Prozent der Düngemittel-Ausfuhren von Beschränkungen betroffen.

Steigende Preise und wachsender Hunger

Die Folgen treffen Landwirte weltweit. Die Preise spielten schon vor dem Krieg verrückt, erinnert sich Franz Schreyer, Landwirt aus Straubing. Hinzu gekommen sei eine große Unsicherheit. "Kriegt man überhaupt Dünger, wann kriegt man ihn, das war natürlich schon ein Problem", sagt er.

Besonders schwer zu schaffen machen die russischen und chinesischen Exportbeschränkungen allerdings importabhängigen Ländern in Afrika, erläutert Lukas Kornher vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Dort würden die Exportrestriktionen dazu führen, "dass bei erhöhten Preisen Landwirte weniger Düngemittel verwenden, die Erträge dadurch in den darauffolgenden Jahren sinken, und dies erhöht den Hunger in diesen Ländern."

Vergleich mit Gaspreis zeigt Wirkung von Exportbeschränkungen

Wie stark die Exportbeschränkungen auf die Preise durchschlagen, zeigt ein Vergleich mit der Entwicklung des Gaspreises. Der zieht seit Juli 2020 an – und parallel dazu, leicht verzögert, auch der Düngerpreis. Grund dafür ist, dass die Herstellung von Dünger energieintensiv ist. Doch ab Oktober 2021, als China die Ausfuhr von Phosphat-Düngemitteln beschränkt, geht der Index bei Dünger steil nach oben, während der Gaspreis sogar fällt. Der Krieg treibt dann die Preise für Gas, Dünger und Getreide weiter nach oben. Bei Düngemittel bleiben sie lange vergleichsweise hoch. Das lässt sich auch dadurch erklären, dass die meisten Exportbeschränkungen bis zum Jahresende 2022 bestanden.

Grafik: Index Preisentwicklung

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Index Preisentwicklung

Russland liefert China Weizen

Doch nicht nur bei Düngemitteln, auch bei Getreide schränkt Russland die Exporte schon vor dem Einmarsch in die Ukraine ein. Bereits im Dezember 2021 kündigt der Kreml an, ab 15. Februar 2022 nur noch acht Millionen Tonnen Weizen zu exportieren. Ein Zufall, so kurz vor Kriegsbeginn? Wohl kaum. Denn Anfang Februar 2022 treffen sich Putin und der chinesische Staatschef Xi Jinping bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking. Sie beschließen eine enge Partnerschaft – und die Lieferung von Weizen nach China. China setzt das Abkommen am 23. Februar 2022 in Kraft. Einen Tag später beginnt der Krieg – und das chinesische Außenministerium informiert die Welt, dass Peking jetzt Weizen aus Russland importiert. Für Bütikofer ein klares Signal: "Eine genaue Betrachtung dessen, wie China sich verhalten hat, lässt gar keine andere Interpretation zu, als dass China Russlands Aggressionskrieg nicht etwa verurteilt, sondern Vorteil daraus zu ziehen gedenkt."

China und Russland sind auf Agrarmärkten eine Macht

Wie viel Weizen Russland an China im vergangenen Jahr geliefert hat, darüber gibt es kaum verlässliche Daten. Laut einer chinesischen Zeitung sind die gesamten russischen Agrarexporte nach China im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent gestiegen auf sieben Milliarden US-Dollar.

Insgesamt ist China mittlerweile der weltgrößte Importeur von Nahrungsmitteln – und hat daher großen Einfluss auf die Preise. Zugleich hat Peking große Getreidevorräte angehäuft. Wie hoch genau die sind, darüber lässt Peking die Welt im Ungewissen. Schätzungen gehen davon aus, dass China mittlerweile mehr als die Hälfte der weltweiten Getreidevorräte hortet. Die Strategie dahinter sei, "die Ernährungssicherheit vor Ort sicherzustellen, um günstige Preise für die Bevölkerung zu garantieren", erklärt Agrarökonom Lukas Kornher. Zudem gehe es Peking darum, "Vorsorge zu treffen für Krisen." Diese Politik setzt China auch im Krisenjahr 2022 fort: Das Land importierte laut US-Angaben zwölf Millionen Tonnen Weizen – zwei Millionen Tonnen mehr als im Vorjahr.

Russland hat zugleich seine Position als führender Agrarexporteur im vergangenen Jahr weiter ausgebaut. Laut Daten des unabhängigen IFPRI-Instituts legten die russischen Ausfuhren von Weizen im Kriegsjahr um 10,5 Millionen Tonnen zu. Die ukrainischen Weizenexporte gingen dagegen um 5,3 Millionen Tonnen zurück. Trotzdem lehnte Putin die Verlängerung des Getreideabkommen mit der Ukraine am Montag vorerst ab - angeblich, weil der Westen die russischen Exporte behindert. Doch Fakt ist: Russische Nahrungs- und Düngemittel werden vom Westen nicht sanktioniert.

Mehr dazu im ARD-Politikmagazin report München am 18. Juli ab 21.45 Uhr im Ersten.

Im Video: Russland und China als global bedeutende Düngemittellieferanten

Schon vor Beginn des Ukraine-Kriegs sind die Lebensmittelpreise weltweit gestiegen. Eine wesentliche Rolle dabei spielen Russland und China.
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Schon vor Beginn des Ukraine-Kriegs sind die Lebensmittelpreise weltweit gestiegen. Eine wesentliche Rolle dabei spielen Russland und China.

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