BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / empics | Gareth Fuller
Bildrechte: picture alliance / empics | Gareth Fuller

Schiff mit Lkws an Bord am Fährhafen Dover.

Per Mail sharen

    Drei Monate "Full Brexit": Was ist nun mit der großen Freiheit?

    Die meisten Briten wollen vom "Brexit" eigentlich nichts mehr hören. Doch das Thema wird sie wohl noch länger nerven, zu vieles läuft nach wie vor nicht gerade optimal: Beim Export hakt es deutlich, und das Problem Nordirland ist weiter ungeklärt.

    Per Mail sharen
    Von
    • Thomas Spickhofen

    Es ist Silvesternacht, 23 Uhr britischer Zeit, Mitternacht und Neujahr in Mitteleuropa, als in London der Big Ben zur neuen großen Freiheit schlägt. In diesem Moment hat das Vereinigte Königreich nun endgültig die alten Bindungen an die EU abgestreift und den Binnenmarkt und die Zollunion verlassen.

    Premier Johnson: "Freiheit in unseren Händen"

    Ein großartiger Moment für das Land, erklärt Premierminister Boris Johnson in seiner Neujahrsansprache. "Wir halten unsere Freiheit in unseren Händen", sagt der Regierungschef, "und es liegt an uns, das meiste daraus zu machen."

    Vor allem Papierkram in den Händen

    Die Lkw-Fahrer, die Fischer und viele andere halten seitdem aber vor allem viel Papier in den Händen. Die befürchteten Staus am Eurotunnel in Folkestone und am Fährhafen in Dover sind zwar ausgeblieben – zum Teil, weil die Unternehmen Lagerbestände angelegt hatten, zum Teil, weil die Pandemie den Warenaustausch lahmlegt.

    Aber der Papierkram schafft uns jetzt schon, sagt Nick Allen vom Verband der fleischverarbeitenden Industrie nach ein paar Wochen Grenzerfahrung: "Ein offizieller Veterinär muss jedes einzelne Produkt im Frachtraum durchgehen, ob das jeweilige Zertifikat vorliegt. Das muss er alles per Hand eintragen. Dann muss er das stempeln, für verschiedene Zertifikate in verschiedenen Farben. Und wenn ich das von England nach Frankreich und nach Deutschland transportiere, muss das in allen drei Sprachen vorliegen und gestempelt werden. Ich habe letztens ein Beispiel in die Hand bekommen, da waren mehr als fünfzig verschiedene Stempel drauf."

    Starker Rückgang der Ausfuhren aus GB nicht nur wegen Corona

    Betroffen ist davon vor allem der Export von Großbritannien in die EU, denn in umgekehrter Richtung winken die Briten derzeit noch mehr oder weniger einfach durch, was da so ankommt. Die Ausfuhren auf den Kontinent sind um mehr als 40 Prozent gefallen. Zum Teil liegt das wohl auch an der Pandemie, sagt Simon Fraser, viele Jahre einer der höchsten Regierungsbeamten in London, aber beunruhigend ist dieses Ausmaß trotzdem. Fraser erklärt: "Wenn man berücksichtigt, dass der Handel mit der EU 40 Prozent unseres gesamten Handelsvolumens ausmacht, dann sind das 20 Prozent aller Ausfuhren. Das ist eine sehr große Zahl."

    Problem Nordirland bleibt

    Ein besonderes Problem ist der Warentransport zwischen Nordirland und den anderen britischen Landesteilen. In Nordirland gelten weiterhin die Regeln des EU-Binnenmarktes und der Zollunion, das heißt: der innerbritische Markt wird faktisch in der Irischen See zerteilt. Ein Zugeständnis von Boris Johnson, um den gordischen Knoten vor dem Austritt zu zerschlagen, aber inzwischen lästig für die britische Regierung. Auch die Unionisten in Nordirland lehnen das ab, weil sie darin eine schleichende Loslösung vom Königreich sehen.

    Anfang März hat Großbritannien einen Teil der Kontrollen einseitig ausgesetzt, ein Teil der Waren aus Großbritannien erreicht nun also unkontrolliert Nordirland und damit den europäischen Markt. Johnsons Brexit-Minister David Frost, der auch für den Handelsvertrag zuständig war, findet, dass das dem Geist der Vereinbarungen entspricht: "Unsere klare Position ist, dass das Protokoll gut für alle in Nordirland sein muss. Solange das nicht sicher ist, kann niemand sagen, wie lange das alles Bestand haben wird. Wir arbeiten daran, an dem Protokoll festzuhalten, aber auf eine pragmatische Weise."

    Brexit – War da was?

    Pragmatisch gehen inzwischen jedenfalls auch die meisten Briten mit dem Thema Brexit um: Sie akzeptieren die Situation so, wie sie ist, drei Monate nach dem Ende der Übergangsperiode, viele schulterzuckend. Aber eigentlich will niemand mehr darüber reden, sagt James Johnson vom Umfrageinstitut JL: Wenn wir Befragungen dazu machen, dann winken die meisten nur noch genervt ab.

    "Die Leute haben im Dezember 2019 die Konservativen deshalb so ausdrücklich gewählt, weil die ihnen versprochen haben: Let’s get Brexit done. Alle wollten das Thema endlich vom Tisch haben." James Johnson, Umfrageinstitut JL

    Inzwischen seien viele sogar richtig ungläubig, sagt James Johnson, warum man mitten in einer Pandemie überhaupt noch über den Brexit sprechen will.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick - kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!