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Welche Rolle spielt das Internet im US-Wahlkampf? | BR24

© dpa-Bildfunk

Ein Handy mit "Vote"-Buttons auf dem Screen vor einer US-Flagge.

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    Welche Rolle spielt das Internet im US-Wahlkampf?

    Bei der US-Wahl werben die Kandidaten so stark wie nie im Netz um Wähler – wegen der Corona-Pandemie bleiben ihnen kaum andere Möglichkeiten. Wahlwerbung auf Facebook oder YouTube hilft den Parteien – und verändert die amerikanische Gesellschaft.

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    Seit Jahren spricht Luc Perkins nicht mehr mit seinem Vater über ein Thema: Politik. Sein Vater glaubt an Verschwörungstheorien und ist glühender Trump-Anhänger. Luc glaubt nicht an Verschwörungstheorien und unterstützt Joe Biden. Seinen Vater bezeichnet der Softwareentwickler aus Oregon im BR-Podcast "1Thema, 3Köpfe" als "abgedriftet". Für ihn ist klar, woran das liegt.

    "Das kann ich mir ohne die sozialen Medien kaum vorstellen. Da bekommt mein Vater einen Strom aus den immer gleichen Botschaften. Das ist seine einzige Informationsquelle geworden. Er liest keine Zeitungen, keine Bücher." Luc Perkins, Softwareentwickler aus Portland, Oregon

    Wahlkampf in sozialen Medien wird intensiver

    Jetzt in der entscheidenden Phase des US-Wahlkampfs wird der Einfluss von Facebook und anderen sozialen Medien noch größer. Beide Lager geben Millionen Dollar für Werbung im Netz aus, zum Beispiel auf Facebook oder YouTube. Der Vorteil: Hier können sie die eigenen Botschaften genau passend an die Zielgruppe adressieren - zum Beispiel an Mütter in Colorado, die noch nicht entschieden haben, wen sie wählen oder pensionierte Biden-Unterstützer in Florida.

    Da könnte der Vater von Luc Perkins als Trump-Anhänger möglicherweise immer wieder ein Video angezeigt bekommen, in dem es heißt, Joe Biden sei "radikal, korrupt und gefährlich". Wie präzise die Wahlwerbung ausgespielt wird, untersuchen Organisationen wie zum Beispiel "Who Targets Me". Über Browser-Erweiterungen wird dabei eine Datenbank aufgebaut, die die einzelnen Anzeigen katalogisiert und die Strategien nachvollziehbar macht.

    Trump nutzt Funktionsweise der Netzwerke

    Im Wahlkampf 2008 erkannte Barack Obama wohl als einer der ersten die riesigen Potenziale, die das Internet bietet. Seine Botschaft "Yes, we can" wurde über das Netz in die Köpfe der Wählerinnen und Wähler fast schon zementiert. Donald Trump hat vor der letzten Wahl 2016 das Internet dann so effektiv für politische Werbung genutzt, wie niemand vor ihm. Seinen Erfolg verdankt Trump zu einem großen Teil Facebook oder Twitter, analysiert Christian Fahrenbach, Journalist in New York. Denn Donald Trump polarisiert extrem und bedient genau damit die Logik der Plattformen.

    "Trumps Posts erzeugen Klicks und werden geteilt. Da geht es um Zustimmung, aber auch das Gefühl 'Spinnt der eigentlich?'. Die technischen Systeme sind so angelegt, dass sie genau das belohnen und häufiger in die Timelines spülen. Trump weiß, wie man dem Affen Zucker gibt. Das befriedigt dann die menschliche Natur aber auch die Algorithmen." Christian Fahrenbach, Journalist in New York im Podcast 1 Thema, 3 Köpfe

    Die Logik der Algorithmen verschiebt insgesamt die Grenzen im Wahlkampf. Auch Joe Bidens Strategie muss oft angriffslustiger werden, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. In Botschaften wirft er Donald Trump zum Beispiel vor, der erste US-Präsident zu sein, der es nicht geschafft habe, in seiner Amtszeit mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

    Problematische Rolle von Sozialen Medien nicht nur im Wahlkampf

    Die ohnehin schon gewaltigen Gräben zwischen den politischen Lagern scheinen soziale Netzwerke noch zu vertiefen. Was das bedeutet, spürt Luc Perkins schon jetzt bei seinem Vater.

    "Es kann sein, dass mein Vater keine Ahnung hat, was Biden vorschlägt und was seine Positionen sind. Seine Blase ist wirklich eine totale." Luc Perkins, Softwareentwickler aus Portland, Oregon

    Luc Perkins hat früher selbst bei Twitter gearbeitet. Inzwischen sieht er den Einfluss der sozialen Medien äußerst kritisch. Für ihn steht fest: Die Netzwerke müssen stärker reguliert werden. Was bislang gegen Lügen oder Manipulationsversuche getan wird, reicht ihm nicht. Das Monopol von Facebook, Twitter oder auch YouTube muss gebrochen werden, fordert er. So könnte der demokratische Diskurs nicht nur in den USA wieder entstehen. Und dann könnte Luc Perkins vielleicht doch mit seinem Vater irgendwann wieder über Politik reden. 

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