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Matthias Schrappe wirft der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin Manipulation offizieller Statistiken und Panikmache vor. Doch schnell werden Fehler im Thesenpapier des Mediziners deutlich.

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#Faktenfuchs: Was ist dran an #DIVIgate?

Matthias Schrappe wirft der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin Manipulation offizieller Statistiken und Panikmache vor. Doch schnell werden Fehler im Thesenpapier des Mediziners deutlich.

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Von
  • Jana Heigl

In einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" hat der Mediziner Matthias Schrappe am Montag, den 17. Mai, verschiedene Behauptungen zu den Intensivbetten in Deutschland geäußert und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) scharf angegriffen. Die DIVI hätte Zahlen im Nachhinein manipuliert, sagt Schrappe im Interview.

Seitdem wird im Netz über das Thesenpapier diskutiert, nachdem Datenjournalisten auf Rechenfehler und falsche Informationen im Papier aufmerksam gemacht hatten. Das Thesenpapier von Schrappe und neun weiteren Autoren wurde am vergangenen Wochenende veröffentlicht und am Montag in Teilen korrigiert.

Die Diskussion läuft unter dem Hashtag #DIVIgate, der schon im April von YouTuber und führendem Querdenker Samuel Eckert eingesetzt wurde, um die DIVI und Krankenhäuser mittels irreführender Statistiken und falscher Behauptungen zu diskreditieren. Der #Faktenfuchs hat die Behauptung, Krankenhäuser würden die Auslastung ihrer Intensivstationen bewusst manipulieren, um Förderzahlungen zu erhalten, bereits entkräftet.

Auch im Thesenpapier von Schrappe und seinen Co-Autoren hat der #Faktenfuchs die wichtigsten Behauptungen geprüft.

Behauptung 1: Die Gefahr überlasteter Intensivstationen gab es in Deutschland nie

Im vergangenen Frühjahr, als die Corona-Pandemie gerade erst begann, investierte Deutschland knapp eine halbe Milliarde Euro in zusätzliche Intensivbetten. Schrappe und seine Kollegen argumentieren, das sei nicht gerechtfertigt gewesen, da es in Deutschland durch die ohnehin hohe Zahl an Intensivbetten nie die Gefahr überlasteter Intensivstationen gegeben hätte. Außerdem seien die zusätzlichen Intensivbetten nie genutzt worden, was ein Indiz für die unnötig geschürte Angst sei.

Für diese Rechnung führen die Autoren in der unkorrigierten Version des Thesenpapiers den Wert von 3.000 Intensivpatienten für die erste Corona-Welle und 6.000 Intensivpatienten für die zweite Corona-Welle an.

Diese Werte sind falsch, denn dabei handelt es sich nicht um die Gesamtzahl der Intensivpatienten in der jeweiligen Welle, sondern um die maximale Zahl an Covid-Patienten, die gleichzeitig an einem Tag auf der Intensivstation behandelt werden musste. Das wird auch in einer Grafik mit Daten von Robert Koch-Institut (RKI) und DIVI deutlich, die auch im Thesenpapier zu finden ist.

Tatsächlich sind im gesamten Jahr 2020 deutlich mehr Menschen wegen Corona auf der Intensivstation gelandet. Laut Zahlen der TU Berlin und des RWI Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung waren es 35.661. Bei dieser Zahl sind die Patienten, die zum Höhepunkt der zweiten Welle im Januar 2021 auf Intensivstationen lagen, noch nicht mit eingerechnet.

Nachdem Kritik an diesem Rechenfehler laut wurde, aktualisierten Schrappe und seine Kollegen das Thesenpapier, indem sie den Zusatz "pro Tag" vor die Zahlen 3.000 und 6.000 einfügten. Doch auch das stimmt nicht. Während die Zahl der Intensivpatienten vorher zu niedrig war, ist sie nach der Korrektur nun zu hoch, da sich die Patienten meist mehrere Tage oder Wochen in intensivmedizinische Behandlung befinden und dadurch mehrfach gezählt würden.

Auf Nachfrage des #Faktenfuchs wiederholt Matthias Schrappe die Behauptung, dass es nie eine Überlastung der Intensivstationen gegeben habe. "Das politisch genutzte 'Erstickungs-Narrativ' ist sachlich nicht begründet gewesen", schreibt Schrappe in einer E-Mail.

Zu diesem Vorwurf äußerte sich die DIVI in einer gemeinsamen Stellungnahme mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Marburger Bund:

Die Sorge um die Überlastung der Intensivstationen sei angesichts der Situation in Italien, Frankreich und vielen anderen Ländern begründet gewesen, heißt es in der Stellungnahme. Die Politik habe deshalb den Aufbau so vieler Intensivbetten wie möglich beschlossen. "Dass diese Intensivplätze nicht flächendeckend mit hochqualifiziertem Pflegepersonal betrieben werden konnten, war allen bewusst." Die Krankenhäuser wären jedoch in der Lage gewesen, eine Intensivbetten-Notfallreserve zu betreiben, weil bundesweit Pflegekräfte in Kurzlehrgängen auf die Versorgung von Beatmungspatienten vorbereitet wurden.

Behauptung 2: Die DIVI hat offizielle Statistiken im Nachhinein manipuliert

Im Thesenpapier wird außerdem der Vorwurf erhoben, die DIVI habe offizielle Statistiken manipuliert, indem Zahlen im Nachhinein verändert worden seien. Konkret geht es um die Anzahl der Intensivbetten im Tagesreport vom 30.07.2020, den die Forscher mit der entsprechenden Zahl in der DIVI-Zeitreihe verglichen haben. In der Zeitreihe wird die Zahl der belegten und freien Intensivbetten seit Beginn der Corona-Pandemie in einer Grafik dargestellt. Im Vergleich stellten die Autoren fest: Es gibt eine Differenz von 3.000 Betten.

Das hat einen einfachen Grund: Seit März werden Intensivbetten für Kinder nicht mehr in der Statistik der DIVI aufgeführt, weil diese für die Versorgung von Covid-19 Patienten laut DIVI keine Rolle spielen. Das sind etwa 3.000 Betten. In der Zeitreihe werden seit März ausschließlich Erwachsenenbetten dargestellt. Die Kinderbetten wurden rückwirkend herausgerechnet.

Das wird auch im Statistikportal von DIVI deutlich gemacht. Unter jeder Statistik und in den FAQs findet man eine Erklärung, wann und warum die Darstellung verändert wurde.

Behauptung 3: Seit dem Sommer sind 10.000 Intensivbetten verschwunden

Im Interview mit der "Welt" behauptet Schrappe, mit den Zahlen werde nicht sorgfältig umgegangen, was man unter anderem daran sehe, dass seitdem 10.000 Betten verschwunden seien.

Für diese Behauptung schaut Schrappe auf die Zeitreihe "Gesamtzahl gemeldeter Intensivbetten (Betreibbare Betten und Notfallreserve)" des DIVI-Intensivregisters. Er vergleicht dabei einen Wert aus dem Frühjahr 2020 mit einem Wert von Mai 2021.

Anfang Mai 2020 lag die Gesamtsumme der freien und belegten betreibbaren Intensivbetten gerundet bei 31.000, ein Jahr später liegt die Gesamtsumme der freien und belegten betreibbaren Intensivbetten bei rund 23.000. Es sind also 8.000 Betten weniger als noch vor einem Jahr.

💡 Was sind betreibbare Intensivbetten?

Ein Intensivbett ist nicht nur ein vorhandenes Bett mit Beatmungsgerät. Als betreibbar gilt ein Intensivbett dann, wenn es einen vorgesehenen Raum, funktionsfähige Geräte und Material gibt. Außerdem muss es ausreichend Pflegepersonal und Ärzte geben, die dort eingesetzt werden können.

Der Rückgang der Betten hat mehrere Gründe. Zum einen sei die Pflegepersonaluntergrenze vom 1. März bis 1. August 2020 ausgesetzt gewesen, heißt es in einem FAQ der DIVI. Danach mussten wieder mehr Pflegekräfte pro Intensivbett eingeteilt werden, wodurch in der Folge mit dem bestehenden Personal weniger Betten betrieben werden konnten.

Ab August änderte sich außerdem die Datenabfrage. Es wurden nicht mehr nur freie und belegte betreibbare Betten abgefragt, sondern auch eine Notfallreserve, die innerhalb von sieben Tagen aktiviert werden könnte. Das führte zu einem Rückgang der betreibbaren Intensivbetten, wie auch die Grafik zeigt. Laut DIVI liegt das vermutlich daran, dass die Zahl der tatsächlich betreibbaren Intensivbetten zuvor überschätzt wurde und nun realistisch als Notreserve gemeldet wird.

Schließlich führt die DIVI den Personalmangel als Grund für die sinkende Anzahl an Betten an, der ab Oktober zu beobachten gewesen sei. Teilweise seien Pflegekräfte selbst an Covid-19 erkrankt oder wurden durch andere Faktoren arbeitsunfähig.

Behauptung 4: Der Anteil intensivmedizinisch behandelter Covid-Patienten im Krankenhaus liegt weit über dem Niveau anderer europäischer Länder

Schrappe erhebt im Interview mit der "Welt" außerdem den Vorwurf, Covid-Patienten seien während der Pandemie ohne Not auf die Intensivstation verlegt worden. Um die Behauptung zu stützen, führt er den Anteil der hospitalisierten Corona-Patienten an, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Diesen Prozentsatz vergleicht er mit anderen europäischen Ländern. In Deutschland liege dieser bei 44 Prozent, behaupten die Autoren in der ersten Version ihres Thesenpapiers. Auch dabei machen Schrappe und seine Mitautoren einen Rechenfehler.

Für die Berechnung des Anteils der Intensivpatienten nutzen die Autoren zwei Werte. Erstens die Zahl der Intensivpatienten, die täglich im DIVI-Intensivregister gemeldet wird. Zweitens Daten des Robert Koch-Instituts dazu, wie viele Patienten innerhalb einer Woche aufgrund von Corona ins Krankenhaus mussten. Doch die beiden Werte wurden nicht richtig ins Verhältnis gesetzt.

Der taz-Journalist Malte Kreutzfeldt wies kurz nach der Veröffentlichung des Welt-Interviews auf die durchschnittliche Liegedauer hin, die beachtet werden müsste. Nur so könne man feststellen, wie viele Covid-19-Patienten zu einem Zeitpunkt im Krankenhaus waren. Im vergangenen Jahr gab das RKI die durchschnittliche Liegedauer mit zehn Tagen an.

Die Autoren korrigierten den Fehler. Statt mit 44 Prozent geben sie den Anteil der Intensivpatienten nun mit 31 Prozent an, also deutlich niedriger.

Doch: Dem RKI liegen keine vollständigen Daten zur Anzahl der Covid-Patienten in Krankenhäusern vor, darauf wird in den Berichten auch hingewiesen. Vollständige Daten gibt es von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. In einer Auswertung der Daten zu Covid-Patienten vom 31. März, also einen Tag nach dem Stichtag, der im Schrappe-Papier verwendet wird, kommt die DKG bundesweit auf einen Wert von rund 25 Prozent. Die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) gibt den Anteil der Covid-Patienten auf der Intensivstation anhand Daten vom 01.01.2021 bis 31.03.2021 mit 21 Prozent an.

Diese Werte ähneln denen anderer europäischer Länder. In Belgien liegt der Anteil der Intensivpatienten bei 29 Prozent, in der Schweiz bei 25 Prozent, in Spanien bei 24 Prozent. Die Schlussfolgerung der Autoren, dass der Anteil der Intensivpatienten in Deutschland weit über dem anderer europäischer Länder liegt, wird somit von den korrigierten Zahlen und den Zahlen der DKG und IQM nicht gestützt.

Grundsätzlich stimmt es, dass Deutschland europaweit die meisten Intensivbetten hat. Der Vorwurf der Überversorgung sei dennoch nicht angemessen, sagte Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherungen, dem #Faktenfuchs. Wild hat europäische Gesundheitssysteme in der Corona-Pandemie analysiert. "Ich glaube, wir sollten froh sein, dass wir solche Kapazitäten haben", sagte Wild. "Das hat uns bei der Covid-19-Pandemie geholfen."

Behauptung 5: Die Zahl der Pflegekräfte wurde nicht reduziert, sondern erhöht

Schrappe sagt im Interview mit der "Welt", dass es niemals zu einem Rückgang der Pflegekräfte gekommen sei, sondern stattdessen zu einer Aufstockung. Das Argument, Intensivbetten hätten wegen Personalmangels nicht betrieben werden können, versucht er so zu entkräften. Im Jahr 2020 seien mehr als 43.000 Pflegekräfte dazugekommen, sagt Schrappe und beruft sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Es stimmt, dass die Bundesagentur für Arbeit diese Zahlen gemeldet hat, gleichzeitig meldet sie allerdings auch einen Mangel an Fachkräften. Die Zahl 43.000 bedarf deshalb weiterer Unterscheidung.

Bei den 43.000 Pflegekräften sind sämtliche Pflegekräfte eingerechnet. Für Schrappes Argument sind jedoch nur die Pflegekräfte im Krankenhaus relevant. Das sind deutlich weniger, wenngleich es auch dort einen Zuwachs gab: Die Zahl der in Krankenhäusern angestellten Gesundheits- und Krankenpflegekräften stieg zwischen Oktober 2019 und Oktober 2020 um 18.500.

Man kann das Pflegepersonal in Krankenhäusern noch weiter differenzieren. Intensivmediziner zum Beispiel müssen eine Weiterbildung absolvieren; erst dann sind sie "Fachpflegekräfte für Intensivpflege und Anästhesie". In der Statistik der Bundesagentur für Arbeit werden sämtliche Fachpflegekräfte unter einer Position zusammengefasst, weshalb eine Aussage allein zu Intensivpflegern nicht möglich ist.

Aus den Zahlen wird aber deutlich, dass es im Vergleich zum Jahr 2019 insgesamt 655 weniger Fachkrankenpfleger in Deutschlands Krankenhäusern gab. Die Statistik lässt sich nicht weiter aufschlüsseln. Es ist deswegen unklar, ob sich der Rückgang auf den Bereich der Intensivpfleger bezieht oder nicht. Auch die DIVI hat keine belastbaren Zahlen zu den Intensivpflegekräften, wie der #Faktenfuchs auf Anfrage erfuhr.

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) führte im April 2021 eine Online-Umfrage unter Mitarbeitern auf Intensivstationen, Notaufnahmen und bei Rettungsdiensten durch. 40,5 Prozent der Beschäftigten in diesen Bereichen äußerten den Wunsch, ihren Stellenanteil zu reduzieren. 30,5 Prozent der Beschäftigen gab an, die Intensiv- bzw. die Notfallmedizin in den nächsten zwölf Monaten verlassen zu wollen. 72 Prozent sagten, dass sie sich während der dritten Welle der Pandemie überlastet gefühlt hätten.

Diese Ergebnisse sprechen gegen die Argumentation von Schrappe, der im Thesenpapier auch davon spricht, dass es in der dritten Welle zu einer "relativen Stabilisierung" gekommen sei.

Fazit

Im Thesenpapier von Mediziner Matthias Schrappe und seinen Kollegen steht über allem der Vorwurf, die Deutsche Intensivmedizin habe die Corona-Lage übertrieben schlimm dargestellt. Das können die Autoren mit den von ihnen gelieferten Zahlen und Fakten nicht belegen.

Es ist falsch, dass die DIVI offizielle Statistiken manipuliert hätte. Bei der Differenz von 3.000 Betten, die den Wissenschaftlern aufgefallen ist, handelt es sich um die Zahl der Kinder-Intensivbetten, die seit März nicht mehr in der Statistik aufgeführt ist und nicht um eine nachträgliche Manipulation.

Im Papier sind Datenjournalisten mehrere Rechenfehler bezüglich der Zahl der Corona-Intensivpatienten aufgefallen. Diese wurden zwar teilweise von den Autoren korrigiert - an der Schlussfolgerung halten die Autoren jedoch weiterhin fest, wie Schrappe dem #Faktenfuchs auf eine E-Mail-Anfrage bestätigte.

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