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Die verlorenen Kinder von Lesbos | BR24

© picture alliance / Daniel Kubirski | Daniel Kubirski

Kinder am Zaun des Flüchtlingslagers Kara Tepe in Mytilini auf Lesbos. Es dient der Aufnahme von besonders schutzbedürftigen Kindern und Familien

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    Die verlorenen Kinder von Lesbos

    Ungefähr 2.500 Kinder und Jugendliche wohnen im griechischen Flüchtlingslager Kara Tepe – ohne Strom und Perspektive. Ihre Lage wird immer dramatischer. Viele sprechen seit Monaten nicht mehr, manche wollen nur noch sterben. Ein Besuch auf Lesbos.

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    Von
    • Verena Schälter
    • Veronika Beer
    • Weltspiegel Digital

    Im provisorisch errichteten Lager Kara Tepe auf Lesbos gibt es so gut wie keinen Strom, keine Heizung und kein fließend Wasser. Die Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk versucht, den rund 2.500 Kindern und Jugendlichen dort zu helfen. Sie ist seit fünf Jahren immer wieder für "Ärzte ohne Grenzen" auf der griechischen Insel Lesbos im Einsatz. Ihr zufolge wird die Situation vor allem für die Kinder immer schlimmer.

    Kinder und Jugendliche auf Lesbos geben sich auf

    Fremde Familien hausen in Kara Tepe auf engstem Raum in Zelten zusammen, sind den Elementen der Natur schonungslos ausgeliefert. Wegen Winterstürmen und jede Menge Schlamm können sich auch Kinder und Jugendliche nur "drinnen" aufhalten – mit schweren psychischen Folgen: Kinder und Jugendliche im Schulalter sprechen seit Monaten kein Wort mehr. Einige brauchen plötzlich wieder Windeln oder müssen gefüttert werden, weil sie sich aufgeben. Sie brauchen eine Therapie, um spielen zu lernen und langsam wieder Lebensmut zu fassen.

    "Ich hätte nie, nie, nie erwartet, dass wir jetzt immer noch Menschen durch den Winter in Zelten leben lassen. Dass das Gesundheitsangebot ganz marginal ist, dass Kinder nicht zur Schule gehen dürfen. An manchen Tagen macht es mich total wütend, denn es ist nicht naturgegeben, dass es so sein muss. Wir können es anders, wenn wir es wollten." Die Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk von Ärzte ohne Grenzen

    September 2020: Moria brennt ab – 12.000 Menschen obdachlos

    Im September 2020 brennt das Flüchtlingslager Moria komplett ab. Rund 12.000 Menschen wurden über Nacht obdachlos. Kurz darauf verhaften die griechischen Behörden sechs junge Männer zwischen 17 und 19 Jahren und beschuldigen sie, das Feuer gelegt zu haben. Die Regierung errichtet provisorisch ein neues Lager auf einem Militärstützpunkt.

    Es liegt direkt am Meer, die errichteten Zelte sind der Natur schutzlos ausgeliefert. Wenn es regnet, fließt das Wasser nicht richtig ab. Das Camp verwandelt sich in eine Schlammwüste und die Zelte stehen unter Wasser. Im Winter ist es oft sehr stürmisch auf Lesbos.

    © privat

    Eingang zum Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos

    Sechsjährige Lukia: Müssen wegen des Schlamms im Zelt bleiben

    Auch die sechsjährige Lukia wohnt seit 15 Monaten in Kara Tepe. Sie ist mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen. Gerade waren sie außerhalb des Camps ein wenig spazieren, jetzt müssen sie zurück. Nur drei Stunden pro Woche dürfen die Bewohner das Lager dafür verlassen. Doch Lukias kleiner Bruder will nicht zurück. Denn das heißt, er muss ins feuchte Zelt.

    "Früher haben wir draußen gespielt, jetzt drinnen. Meine Mutter sagt, draußen ist alles schmutzig." Die sechsjährige Lukia aus Afghanistan
    © privat

    Überflutung in Kara Tepe

    Camp-Bewohner und NGOs: Katastrophale Zustände in Kara Tepe

    In der Regel leben zwei Familien in einem Zelt. Sie haben jeweils etwa vier Quadratmeter zur Verfügung. Seit Monaten klagen Camp-Bewohner und Nichtregierungsorganisationen über die katastrophalen Zustände im Camp. Es gibt kaum Strom, keine Heizung, viel zu wenig sanitäre Anlagen. Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken sind die einzige Möglichkeit, um sich einen Eindruck davon zu machen, denn die griechischen Behörden verweigern Journalisten seit Monaten den Zutritt.

    Vor allem für die Kinder ist die Situation im Camp unhaltbar, sagt Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk. Im vergangenen Jahr hat "Ärzte ohne Grenzen" 50 Kinder unter neun Jahren wegen Selbstmordversuchen oder Selbstmordgedanken behandelt.

    "Wir haben hier Patienten, die seit acht Monaten überhaupt kein einziges Wort gesagt haben. Wir haben Patienten, also Achtjährige, die wieder Windeln tragen, weil sie nicht mehr Bescheid geben, wenn sie zur Toilette müssen. Manche müssen gefüttert werden, weil sie sonst nichts essen würden. Und es ist diese totale Apathie - als wenn ihr Körper einfach sagt: Ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus." Die Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk

    Sechsjähriger Mohamad flüchtete aus zerbombten Haus in Syrien

    Auch der sechsjährige Mohamad ist stark gefährdet. Er ist mit seiner Familie aus Syrien nach Griechenland gekommen. Dort wurde ihr Haus zerbombt, die Eltern wurden verletzt. Seitdem wechselt Mohamad zwischen totalem Rückzug, er spielt nicht, er redet nicht, will mit niemandem zu tun haben. Oder aber, wenn es ihm zu viel wird oder Leute zu nahe kommen, dann wird er aggressiv und fängt an zu schlagen oder zu treten.

    "Weil er das ganze eben nicht verarbeiten kann", sagt Katrin Glatz-Brubakk. Sie will Mohamad in der Therapie dazu bringen, dass er etwas tut, was für Kinder in seinem Alter eigentlich selbstverständlich ist: spielen. Denn Spiel-Therapie ist ein Mittel, um Stress abzubauen. Auch Traumata können damit aufgearbeitet werden.

    © privat

    Der sechsjährige Mohamad bei der Therapie mit Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk

    Therapie: Vertrauen fassen, wieder Spielen lernen

    Das Ziel für heute ist es, dass Mohamad sich sicher genug fühlt und die Kraft hat, ein bisschen mit der Kinderpsychologin zu spielen, also den Ball hin und her zu werfen und Seifenblasen zu machen. "Und wenn ich ganz viel Glück hab, dann bringe ich ihn auch ein bisschen zum Lächeln."

    Mohamad kommt mit seinem Vater. Während der Therapiestunde ist ein Dolmetscher dabei, denn die beiden sprechen nur arabisch. Katrin Glatz-Brubakk setzt sich auf den Boden. Ihr gegenüber sitzt Mohamad auf dem Schoß seines Vaters. Sein ganzer Körper ist angespannt, er zieht die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht. Sein Vater hält ihn fest, als hätte er Angst, dass Mohamad jeden Moment aufspringt und wegrennt.

    Die Psychologin versucht behutsam, den Sechsjährigen zu beruhigen. Sie wirft ihm einen weichen Ball zu – damit hat Mohamad in der vergangenen Woche ein wenig gespielt. Doch heute blickt er nur zu Boden, seine kleinen Hände sind zu Fäusten geballt. Erst, als er die Seifenblasen sieht, entspannen sich seine Gesichtszüge ein wenig. Später in der Therapie lächelt er und will Ball spielen – eine große Überwindung für Mohamad. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass er offen ist, sich bewegt und wirklich spielt.

    Immerhin ein kleines bisschen Hoffnung. Doch von einer ansatzweise normalen Kindheit ist Mohamad noch weit entfernt.

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