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Die vergessenen Flüchtlinge: Palästinenser in Jordanien | BR24

© pa/dpa/AP Photo

Palästinensische Flüchtlinge in Jordanien

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    Die vergessenen Flüchtlinge: Palästinenser in Jordanien

    Seit 70 Jahren nimmt Jordanien große Wellen von palästinensischen Flüchtlingen auf. Wie hält das Land das angesichts wirtschaftlicher und geopolitischer Krisen aus? Glauben die palästinensischen Flüchtlinge noch an die Rückkehr in die Heimat?

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    In Jordanien leben 2,3 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge. Die meisten sind Nachfahren jener Generation, die nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 ins Land kam. Sie leben überwiegend heute in den großen jordanischen Städten und sind gut integriert. Der Sechs-Tage-Krieg 1967 und die Auseinandersetzungen um den Irak spülten weitere Flüchtlingswellen ins haschemitische Königreich. Und jüngst kamen auch noch Hunderttausende aus dem Bürgerkriegsland Syrien hinzu.

    Einwohnerzahl hat sich verdreifacht

    Jordanien erlebte eine wahre Bevölkerungsexplosion. Seit den 90-er Jahren hat sich die Zahl der im Königreich Lebenden verdreifacht. Bezogen auf Deutschland bedeutete das, wir hätten nicht 80 Millionen, sondern 240 Millionen Einwohner. Unvorstellbar! Aber für Jordanien ist das bittere Realität, wie Geschichtsprofessor Ali Mahafzah erläutert.

    "Jordanien ist ein Land, das nicht mit 10 Millionen Einwohnern zurechtkommt. Wir haben geringe natürliche Ressourcen, unsere Wirtschaft liegt am Boden, wir hängen von ausländischer Hilfe ab, die aber nicht ausreicht. Vor allem nicht für die Hunderttausende von Flüchtlingen aus unseren Nachbarstaaten." Ali Mahafzah, Geschichtsprofessor

    Weniger Geld für die Flüchtlinge

    Alle Einwohner Jordaniens bekommen die negativen Folgen dieser Entwicklung zu spüren. Am härtesten trifft es aber die Ärmsten der Armen. Dazu gehören die 350.000 palästinensischen Flüchtlinge, die in den zehn offiziellen Lagern leben. Betrieben werden diese Camps von der UNRWA, dem UN Hilfswerk für die Palästinaflüchtlinge. Angesichts der Not müsste die Organisation ihre Unterstützungsleistungen erhöhen. Das Gegenteil ist aber der Fall, weil der UNRWA vor allem auf Betreiben der USA die Mittel gekürzt wurden. Was das für die Flüchtlinge bedeutet, erklärt Roger Davis. Er ist der Direktor für alle UN-Lager in Jordanien.

    "Wenn du plötzlich 300 Millionen Dollar weniger hast als erwartet, bei einem gesamten Budget von 1,4 Milliarden, dann ist das schon ein riesiges Problem für uns. Wir müssen also sparen und Leistungen zurücknehmen. Zum Beispiel können wir nicht Ärzte, die ausfallen, wie sonst üblich durch andere Ärzte ersetzen. Das bedeutet die vorhandenen Kräfte haben mehr zu tun und weniger Zeit für die Patienten. Am schlimmsten sieht es bei der Müllentsorgung aus. Wir können nicht mehr ausreichend Mitarbeiter einstellen, um die Sauberkeit in den Camps auf dem gewohnten Niveau zu halten." Roger Davis, UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge

    Im Hussein Camp fehlen zum Beispiel jetzt Lehrer in den Schulen der UNRWA. Hochbetrieb herrscht wie immer in den Krankenstationen im Lager. Fast 400 Menschen werden dort täglich medizinisch versorgt. Normalerweise kümmern sich mehr als 60 Krankenhaus- Mitarbeiter darum. Wegen der Finanzkrise der UN-Organisation sind es nun nur noch 26. Und das bei gleich hoher Patientenzahl.

    Das Mandat der UNRWA wird alle drei Jahre von der UN-Generalversammlung verlängert. Finanziert werden die Leistungen der Hilfsorganisation durch Spenden der Mitgliedsstaaten. Zieht ein wichtiges Geberland wie jetzt die USA die politischen Daumenschrauben an und kürzt seine Zuwendungen deutlich, dann trifft das alle 5 Millionen palästinensischen Flüchtlinge im Nahen Osten in ihrem täglichen Leben hart.

    Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten und keine Immobilien besitzen

    In Jordanien versucht UN-Direktor Roger Davis mit seinen Mitarbeitern trotz der schlechten finanziellen Lage, kreative Lösungen für die Versorgung der Palästina Flüchtlinge in den Lagern zu finden. Bei denen, die die Hilfe am Nötigsten haben, bei den schon erwähnten aus Gaza Geflohenen, ist selbst der erfahrene Davis mit seinem Latein bald am Ende: "Wir betreuen 158.000 sogenannte Gaza Flüchtlinge. Sie haben aber keine jordanische Identitätskarte wie die anderen Palästinenser. Deswegen fordern viele bessere Leistungen für die Gaza Flüchtlinge. Heute hat der Ministerrat in Amman entschieden, dass allen Flüchtlinge, die an Krebs erkrankt sind, eine kostenlose Behandlung gewährt wird. Es bleiben aber Restriktionen für die Leute aus Gaza: Sie dürfen nicht überall arbeiten, und auch der Besitz von Immobilien ist ihnen nicht erlaubt."

    Viele wollen nicht zurück

    Die palästinensischen Flüchtlinge im Hussein Camp müssen im harten, täglichen Kampf ums Überleben bestehen. Ihre Träume beschäftigen sich mit dem eigenen, palästinensischen Staat, den es vielleicht irgendwann doch geben wird. Aber, würden sie dann auch zurückkehren nach Palästina, wenn sie dieses Recht bekämen?

    Samir Kopti schaut aus dem Fenster seines Schmuckladens hinaus auf die Straße und schüttelt mit dem Kopf. "Ich bin hier geboren. Das ist meine Heimat. Zurückkehren nach Palästina würde ich nicht. Zum Besuch rüber fahren, das schon. Aber ich lebe und arbeite hier in Jordanien. Ich bin Jordanier. Was soll ich denn in Palästina machen?"

    Maher Jarrar, dessen Familie aus Jenin stammt, reagiert in seinem Stoffgeschäft auf die gleiche Frage eher belustigt. "Natürlich würde ich nicht nach Jenin ziehen. Was soll ich dort machen? Meine Familie ist hier, meine Kinder und ich sind hier geboren. Soll ich etwa wieder ein Kind werden und dort leben. Das geht nicht."

    Sie vergessen ihre Wurzeln nicht

    Die meisten der 2,3 Millionen palästinensischen Flüchtlinge in Jordanien stehen zu ihren Wurzeln und sind auch stolz darauf. Das heißt aber nicht, dass sie nach Palästina zurückkehren würden. Aber, das Recht dazu zu haben, ist ein wichtiger Teil ihres politischen Bewusstseins. Die Wünsche, Hoffnungen und Forderungen der Palästinenser bleiben aber und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Und im haschemitischen Königreich treten immer mehr Jordanier vehement für die Rechte ihrer Mitbürger mit palästinensischen Wurzeln ein. Wie Geschichtsprofessor Ali Mahafzah, der sich vom Gegner zum glühenden Verfechter der palästinensischen Sache gewandelt hat.

    "Ich bin hier, am Ostufer des Jordan, geboren. Die palästinensische Sache ist meine ureigene Sache. Ich bin nicht anders als jeder Palästinenser. Ich bestehe auf das Existenzrecht Palästinas. Wir müssen nach Palästina zurückkehren. Diese armen Flüchtlinge hier – warum müssen die in dieser schlimmen Lage in Jordanien bleiben, während die Israelis aus aller Welt die Häuser dieser Menschen in Palästina besetzen. Das wird nie akzeptiert werden." Ali Mahafzah, Geschichtsprofessor