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Tücken des Homeoffice: Veraltete gesetzliche Grundlagen | BR24

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Siemens geht voran und will mobiles Arbeiten auch nach der Corona-Krise möglich machen. Arbeitsschutz? Versicherungen? Homeoffice klingt modern und zukunftsorientiert. Doch viele praktische Fragen kratzen an der schönen Vision vom mobilen Arbeiten.

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Tücken des Homeoffice: Veraltete gesetzliche Grundlagen

Auf die Frage, wo jemand arbeitet, kommt immer öfter die Antwort: im Homeoffice. Doch Homeoffice ist nicht gleich Homeoffice. Arbeitgeber müssen überlegen, welche Arbeitsform sie für ihre Mitarbeiter wählen und was das arbeitsrechtlich bedeutet.

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Die Agentur Claudius Bähr & Friends im oberfränkischen Forchheim hat Mitte März kurzerhand ihre Mitarbeiter ins sogenannte Homeoffice geschickt. Sabrina Friedrich, Senior-Content-Managerin, genießt nach einem halben Jahr immer noch das Stück Freiheit, das sie damit auch in ihrer Arbeitswelt bekommen hat. Doch ihr Chef will arbeitsrechtlich auf der sicheren Seite sein und merkt, dass das gar nicht so einfach ist.

Arbeitsrecht, Arbeitsplatz, Arbeitszeit

Viele Stunden hat Claudius Bähr damit verbracht, sich zu informieren, um sich juristisch abzusichern. Noch vor ein paar Monaten war es undenkbar für die Agentur, ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten zu lassen. Denn Kreativität, so das Argument, brauche direkten Austausch. Der Kunde wünsche Ansprechpartner vor Ort.

Wegen Corona arbeitete dann die Hälfte der Agenturmitarbeiter von zu Hause aus. Vieles ist für den Unternehmer in der auch für ihn neuen Situation unklar.

Die Homeoffice-Definition macht es aus

Telearbeit - bei dieser Arbeitsform arbeiten die Angestellten vollumfänglich oder teilweise von Zuhause aus. Hier wird noch einmal unterschieden zwischen der Teleheimarbeit, also Vollzeitarbeit zuhause, der alternierenden Telearbeit, das heißt, der Mitarbeiter hat sowohl einen Arbeitsplatz im Betrieb als auch einen vom Betrieb eingerichteten Arbeitsplatz zu Hause, und der mobilen Telearbeit.

Mobile Telearbeit betrifft beispielsweise Vertriebler, die quasi ihr Büro immer dabeihaben, da sie die mobile IT-Infrastruktur des Unternehmens unterwegs nutzen.

Telearbeit rechtlich gut definiert

Beim Telearbeitsplatz gilt das Arbeitsschutzgesetz und damit dieselben Vorschriften zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz wie in jedem Betrieb. Zudem greift die sogenannte Arbeitsstättenverordnung. Vor Ort muss deshalb eine Unterweisung durch eine Fachkraft für Arbeitssicherheit stattfinden.

Der Arbeitgeber ist beispielsweise auch dafür verantwortlich, dass der Arbeitsplatz ergonomisch gestaltet, der Arbeitsraum mindestens acht bis zehn Quadratmeter groß ist, die Schreibtischfläche mindestens 160 mal 80 Zentimeter misst oder ein höhenverstellbarer Bürostuhl mit neigbarer Rückenlehne vorhanden ist. Die Arbeitsgeräte, vom PC bis zur Schreibtischlampe, werden vom Unternehmen gestellt und installiert. Die Rahmenbedingungen, Kostenerstattungen, Einhaltung des Datenschutzes und auch feste Arbeitszeiten sollten in einer Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag geregelt werden.

Mobile Working

Beim Mobile Working, auch Mobile Office genannt, gilt zwar auch das Arbeitsschutzgesetz, die Arbeitsstättenverordnung allerdings nicht. Denn der Mitarbeiter ist nicht an einen fest eingerichteten Arbeitsplatz gebunden und unabhängig in seiner Zeiteinteilung.

Der Arbeitgeber muss daher keine Sorge für die Einrichtung eines Arbeitsplatzes tragen. Der Arbeitgeber stellt höchstens Arbeitsmittel wie Laptop oder Smartphone zur Verfügung. Geregelt werden sollten Erreichbarkeiten für Vorgesetzte, Kollegen und Kunden. Beim Mobile Working gibt es vom Unternehmen oft nur einen Arbeitsauftrag.

Remote Work

Remote Work - dieses Modell nutzen meist Freiberufler. Hier wird mit der Firma oft nur online oder telefonisch Kontakt gehalten, Auftraggeber und Auftragnehmer sehen sich so gut wie nie.

Der Mitarbeiter kann von jedem beliebigen Ort der Welt aus seine Aufgaben erledigen. Das ist vor allem für Jüngere der sogenannten Generation Y attraktiv. Aber auch ältere Arbeitnehmer ab 50 Jahren wünschen sich mehr Unabhängigkeit, eine flexiblere Zeiteinteilung und damit eine gute Work-Life-Balance.

Arbeitszeit: Grundsätzlich gilt das, was im Büro gilt

Arbeitgeber müssen bei Mitarbeitern im Homeoffice, egal ob Telearbeitsplatz oder Mobile Working, eine Dokumentationspflicht der Arbeitszeit erfüllen. Wer zuhause arbeitet, hat ebenso ein Recht auf Ruhezeiten und Pausen. Auch die generellen Regeln zum Arbeitszeitgesetz gelten, wie zum Beispiel, dass zwischen Feierabend und dem nächsten Arbeitstag mindestens elf Stunden Ruhezeit liegen müssen. Gerade dieser Punkt wird seit langem heftig diskutiert. Denn während des Lockdowns nahmen sich viele Eltern, die im Homeoffice waren, am Nachmittag Zeit für ihre Kinder und setzten sich abends noch einmal an den Schreibtisch.

Wer um 22.00 Uhr eine Mail an den Kollegen verschickt, dürfte jedoch nicht am nächsten Morgen um 8.00 schon wieder an einer Videokonferenz teilnehmen. Außer die verkürzte Zeit wird an einem anderen Tag mit 12 Stunden Ruhezeit zwischen Arbeitsende und –beginn wieder ausgeglichen.

Die Tücken der flexiblen Arbeitsformen

Auch versicherungstechnisch wird es kompliziert. Holt sich der Arbeitnehmer eine neue Druckerpatrone, um Betriebliches anschließend ausdrucken zu können und er stolpert und verletzt sich dabei, ist er versichert. Holt er sich dagegen einen Kaffee in der Küche und schlägt sich dabei den Kopf an, dann ist er rein privat unterwegs gewesen und die Versicherung zahlt nicht.

Klare rechtliche Vorgaben in Sachen Arbeitsschutz gefordert

Der Bundesverband der Personalmanager fordert seit Jahren praxistaugliche, rechtliche Vorgaben für die Datensicherheit und den Arbeitsschutz im Homeoffice. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will nun im Herbst ein Gesetz vorlegen, das das Recht auf das Arbeiten von zu Hause aus festschreibt.

"Man darf entweder komplett auf Homeoffice umsteigen oder auch nur für ein oder zwei Tage die Woche." Bundesarbeitsminister Hubertus Heil

Dafür wolle er faire Regeln. Auch im Homeoffice gebe es einen Feierabend - "und zwar nicht erst um 22.00 Uhr".

Braucht es ein Update des Arbeitszeitgesetzes?

Ein Update für das Arbeitszeitgesetz aus dem Jahr 1994 sei dringend nötig, findet dagegen die FDP. Wer heute um 22.00 oder 23.00 Uhr eine dienstliche Mail auch nur lesen wolle, dürfe laut Arbeitszeitgesetz am nächsten Tag das Diensthandy nicht vor zehn Uhr wieder anfassen, beklagt Johannes Vogel, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP im Bundestag.

Sicher ist: das Thema Homeoffice wird bleiben. Viele Unternehmen und Mitarbeiter haben die flexiblen Strukturen zu schätzen gelernt. Die Corona-Krise könnte diese Formen des Arbeitens nachhaltig befeuern und Homeoffice zu einem Zukunftsmodell machen.

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