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Deutsche und russische Flagge als Anstecker auf einem Kleidungsstück

Das deutsch-russische Verhältnis ist von einer leidvollen Geschichte geprägt.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Patrick Pleul
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    Die Rolle der Geschichte für die deutsch-russischen Beziehungen

    Das deutsch-russische Verhältnis ist von einer leidvollen Geschichte geprägt. Von Konfrontationen und Kriegen bis hin zu Rückzug russischer Truppen und Wiedervereinigung. Ein Blick zurück auf eine komplizierte Beziehung.

    Von
    Rainer VolkRainer Volk
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    Wer Positives im politischen Verhältnis zwischen Berlin und Moskau suchte, fuhr dieses Frühjahr nach Ligurien, in die Nähe von Genua. Hier schlossen Deutsche und Russen am 16. April 1922 den Vertrag von Rapallo. Schauplatz war das Hotel "Imperiale Palace", traumhaft schön über einer Bucht gelegen. Zum 100. Jahrestag plante das Hotelmanagement eine Feierstunde mit Delegationen beider Staaten – dann kam der Ukraine-Konflikt. Die Idee wurde beerdigt.

    Hitler-Stalin-Pakt

    Rapallo befreite damals die Weimarer Republik, der man die Schuld am 1.Weltkrieg anlastete, und Lenins Sowjetrussland, dessen Ideologie alle Welt fürchtete, aus ihrer internationalen Isolation. Es gab wieder diplomatische Beziehungen und eine geheime militärische Zusammenarbeit. Für Hitler war Lenins Nachfolger Stalin zwar ideologisch der Todfeind – aber nur bis August 1939.

    Der Hitler-Stalin-Pakt ermöglichte den Nazis den Angriff auf Polen. Die Diktatoren teilten sich Polen und das Baltikum, Dann wollte Hitler mehr, begann 1941 den rasseideologischen Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion, der dort über 25 Millionen Menschenleben kostete. Das führte 1945 letztlich zur Teilung Deutschlands in West und Ost. Viele Wehrmachtssoldaten verbrachten über zehn Jahre in sowjetischer Gefangenschaft. Sie waren für Bundeskanzler Adenauer das Hauptthema, als er zum ersten Besuch in Moskau aufbrach: Adenauer sagte damals: "Ich gehe mit dem festen Vorsatz nach Moskau, dass unsere Kriegsgefangenen zurückkommen."

    1955 kommen die letzten Kriegsgefangenen heim

    Das war im September 1955 und hatte Erfolg. Abermals wurden Botschaften in beiden Hauptstädten eröffnet. Allerdings blieb Deutschland die Nahtstelle im Kalten Krieg zwischen West und Ost. Die Bundesrepublik war Verbündeter der USA. Deshalb legten die Sowjets den Ostteil des Landes, die DDR, an die Kette und stützten dort ein Regime knallharter Bolschewisten. Ab 1964 mehrten sich im Verhältnis zur Bundesrepublik zwar die positiven Signale – als Leonid Breschnew Nummer eins im Kreml wurde.

    Aber auch er brauchte Zeit – erläutert Professorin Susanne Schattenberg, Chefin der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen, an einem Beispiel: "Wenn man sich anschaut, wie sowjetisches Erdgas in den Westen verkauft wird, ist noch 1967 für das Politbüro in Moskau klar: Wir können gerne Erdgas an Österreich verkaufen, an Italien und an Frankreich – aber niemals an Westdeutschland. Und auch unter der Großen Koalition wird, obwohl Brandt ja schon Außenminister ist, die Regierung in Moskau ganz klar als 'nicht satisfaktionsfähig' eingeschätzt."

    Neue Ostpolitik unter Brandt

    Erst Willy Brandt als Bundeskanzler schenkte Breschnew Vertrauen. Seine Ostpolitik ab 1969 führte zum Moskauer Vertrag und zu gegenseitigen Besuchen. Als Breschnew 1973 erstmals zum Staatsbesuch in die Bundesrepublik kam, gewährten ihm die Gastgeber sogar eine Ansprache im deutschen Fernsehen.

    Noch weitere zwei Mal, 1978 und 1981, reiste Breschnew nach Bonn. Da hieß der Kanzler Helmut Schmidt und der Kremlherr war bereits schwer krank. Sein Versuch, die Entspannungspolitik zu retten blieb vergeblich – Aufrüstung und gegenseitiges Misstrauen waren wieder angesagt.

    Wiedervereinigung und Rückzug russischer Truppen

    Neuen Schwung im deutsch-russischen Verhältnis brachte erst ab 1985 Michail Gorbatschow. Sein Tempo machte jedoch Bonns Freunde im Westen nervös – das Schlagwort "Rapallo" feierte Renaissance – berichtet der Historiker Bernd Greiner vom Berliner Kolleg Kalter Krieg: "Beim Fall der Berliner Mauer sind amerikanische Zeitungen, politikwissenschaftliche Journale und so weiter und so fort, voll von Artikeln – und Politiker-Reden ebenfalls: Laufen wir Gefahr, dass Deutschland auf Kosten des Westens Ostpolitik macht. Eine reale Gefahr war das nie! Aber Einbildungen, Imaginationen und Fantasien haben ja ihre eigene Dynamik und wir wissen alle, dass das zur politischen Realität gehört – genauso wie harte Fakten."

    Eines der großen praktischen Probleme lösten nach der deutschen Wiedervereinigung Boris Jelzin und Kanzler Kohl: Sie beendeten, fast 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die Anwesenheit russischer Soldaten auf deutschem Boden. Die Bundesrepublik hoffte danach auf eine "Friedensdividende" – weniger Ausgaben für Rüstung, bessere Geschäfte für Industrie und Handel. Man verhandelte viel und intensivierte den Austausch in Kultur und Wissenschaft. Nun stehen viele der Beteiligten vor den Trümmern ihrer Arbeit.

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