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Die Rechtsextremen und der Tag X | BR24

© picture alliance / Robert B. Fishman

Kundgebung der Neonazi-Partei "Die Rechte" (Archivbild)

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    Die Rechtsextremen und der Tag X

    Vor 20 Jahren ermordete der NSU den Nürnberger Blumenhändler Enver Şimşek. Gewalt und Rechtsextremismus – eine Verbindung lässt sich nicht nur bei dieser Terrorgruppe finden. Im Untergrund bereiten sich viele auf den "Tag X" vor.

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    Dieser Tag des Umsturzes ist fester Bestandteil der rechtsextremen Ideologie. Und die Anhänger scheinen bereit zu sein, diesen Umsturz auch gewaltsam herbeizuführen.

    Untergangsszenarien gehören quasi von Beginn an zur Ideologie der extremen Rechten, sagt der Historiker und Journalist Volker Weiß, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt:

    "Apokalyptik kommt bei den Rechten durchgehend vor, insofern trifft man da immer auf Untergangsmotive oder noch genauer, dass ein Untergang aufgehalten werden muss. Das ist ganz tief im rechten Denken verankert, also der Gedanke, dass es ein heroisches Aufbäumen braucht um den drohenden Untergang aufzuhalten." Historiker und Journalist Volker Weiß

    Schlüsselmotiv Antisemitismus

    Ein Beispiel: 'Die Protokolle der Weisen von Zion' war eine vom russischen Geheimdienst um 1900 gefertigte Hetzschrift, die bis heute zur Standardlektüre von Antisemiten weltweit gehört. Die Botschaft: Jüdinnen und Juden wollen angeblich die westliche Zivilisation zerstören und die Weltherrschaft übernehmen. Dieser Mythos einer jüdischen Weltverschwörung wird 20 Jahre später zum zentralen Moment der NS-Ideologie: "Wie so oft in der Geschichte ist in dem gewaltigen Ringen Deutschland der große Drehpunkt. Werden unser Volk und unser Staat das Opfer dieser blut- und geldgierigen jüdischen Völkertyrannen, so sinkt die ganze Erde in die Umstrickung dieses Polypen" - schrieb Adolf Hitler in seinem Propagandawerk 'Mein Kampf', das 1925 erschien.

    Die Mär vom "großen Austausch"

    Der eingebildete Kampf gegen eine Übermacht steht auch bei anderen extrem rechten Erzählungen im Zentrum – so wie bei der Verschwörungstheorie des 'Großen Austauschs'. Demnach soll die weiße Bevölkerung Deutschlands, Europas oder gar der ganzen Welt ausgewechselt werden.

    Eine Wahnvorstellung, die ihre Ursprünge in der Neonazi-Szene hat. Inzwischen wird sie von Staatsführern wie Ungarns Premier Orban oder US-Präsident Trump verbreitet und ist durch AfD-Politiker auch in deutschen Parlamenten angekommen. Björn Höcke von der AfD beim Kyffhäusertreffen im Jahr 2018: "Es ist nicht auszuschließen, dass in fünfzig Jahren fremde Völkerschaften durch unsere verlassenen Bibliotheken, Konzertsäle, Universitäten und Parlamentsgebäude streifen werden und sich die Frage stellen könnten: Wie es möglich war, dass eine so hochstehende Kultur sich einfach aus ihnen hat hinwegfegen lassen."

    Dieses Umvolkungs- und Austauschs-Motiv fänden wir mittlerweile europaweit und weltweit, meint der Historiker Weiß, auch in den USA in der Alt-Right-Bewegung, der "alternativen Rechten" in den USA:

    "Das sind die Motive, mit denen dann – und das ist das Interessante – besondere Abwehrmaßnahmen begründet oder gerechtfertigt werden sollen. Das apokalyptische Motiv ist ja deshalb interessant, weil es jede Gegenwehr rechtfertigt. Es ist ja die finale Bedrohung und in einer solchen Ausnahmesituation ist alles Mögliche gerechtfertigt als Abwehrmaßnahme." Historiker und Journalist Volker Weiß

    Natürlich auch Gewalt. Längst horten extrem rechte Prepper, also Verschwörungsanhänger, Waffen und Munition, um sich auf den Tag X vorzubereiten, diskutieren in Chats darüber, Leichensäcke und Löschkalk zu besorgen, um politische Gegner verschwinden zu lassen.

    Von Breivig bis Hanau

    Praktisch alle extrem rechten Massenmörder der vergangenen Jahre rechtfertigten ihre Taten mit dem Kampf gegen den 'Großen Austausch': die Attentäter von Christchurch, Halle, Hanau oder vom Olympia-Einkaufszentrum in München – und auch der Mörder von Oslo und Utøya Anders Breivig. In seinem Manifest schrieb der norwegische Rechtsextremist im Jahr 2011: "Zeit ist der entscheidende Faktor. Wir haben nur noch ein paar Dekaden, um den Widerstand auf das ausreichende Niveau zu bringen, bevor unsere Hauptstädte komplett von Muslimen überschwemmt sind."

    Corona als Brandbeschleuniger

    Auch die weltweite Corona-Pandemie hat Untergangsmythen befeuert, die extrem Rechte allerdings hat sich anfangs schwergetan, das Virus in ihre apokalyptischen Erzählungen einzubauen, konstatiert der Historiker und Journalist Volker Weiß. Die Rechte habe es nicht geschafft, die Corona-Thematik auszumünzen, meint er.

    "Im Gegenteil: Die Umfragewerte der AfD sind ja gesunken in dieser Zeit der Pandemie und das liegt daran, dass sie zwar permanent den Ausnahmezustand beschwören und auch einklagen. Und jetzt gibt es eine Ausnahmesituation, die aber nicht ihre ist, und damit haben sie sich schwer getan, das irgendwie einzufangen." Historiker und Journalist Volker Weiß

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