Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Die Nacht-Arbeiter hinter dem E-Scooter-Hype | BR24

© BR/Anna Tillack

Wenige Monate nach Einführung der E-Scooter auf Deutschlands Straßen ist die Bilanz nach Recherchen von report München ernüchternd: Nächtliche Lade-Odysseen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse lassen Kritik laut werden.

12
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Die Nacht-Arbeiter hinter dem E-Scooter-Hype

Wenige Monate nach Einführung der E-Scooter auf Deutschlands Straßen ist die Bilanz nach Recherchen von report München ernüchternd: Nächtliche Lade-Odysseen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse lassen Kritik laut werden.

12
Per Mail sharen
Teilen

Spätabends gegen 22.00 Uhr ist es auf Münchens Straßen ruhiger, der Verkehr nimmt ab, die Menschen treibt es in die nächste Kneipe oder direkt ins Bett. Einige wenige Menschen starten dann ihre Jagd auf leer gefahrene Elektroroller, sogenannte E-Scooter, fischen manche sogar aus der Isar und beladen damit ihre Sprinter.

Die meisten von ihnen sind Angestellte von Leiharbeitsfirmen oder Privatpersonen, die oft noch einen Hauptjob haben. Sie sorgen jede Nacht dafür, dass die vollgeladenen E-Scooter am nächsten Morgen wieder an jeder Straßenecke warten.

Gewerkschaft ist alarmiert

Was für manche nach lukrativem Nebenverdienst im Schlaf klingt, ist für Hans Sterr von der Gewerkschaft Verdi höchst alarmierend:

"Also für uns ist zunächst mal das Problem, dass wir die Arbeitsbedingungen nicht mal wirklich kennen. Die sind noch sehr unterschiedlich, es gibt keine Regeln dafür." Hans Sterr, Verdi Bayern

Sterr spricht von "Ausbeutung", einer Abwärtsspirale, die sich immer weiterdrehe, "weil man immer noch jemanden findet, der die Arbeit zu günstigeren Konditionen macht." Auch durch Scheinselbstständigkeit werde im Bereich E-Scooter ein neuer Niedriglohnsektor begünstigt.

Die Bezahlung ist unklar

Wird hier nach Stunden bezahlt oder nach Stückzahl der eingesammelten E-Scooter?

"Genaue Angaben zu den Unternehmen und deren Mitarbeitern können wir aus Geheimhaltungsgründen nicht machen und bitten um Verständnis," antwortet die Scooter-Firma Lime auf Nachfrage von report München. Auch nicht, welche Regeln bei den Subunternehmen im Einzelnen gelten.

Nur so viel: Lime habe spezielle Serviceverträge mit den einzelnen Dienstleistern, die für sie tätig sind. Diese Verträge beinhalten gesetzliche Vorschriften, an die man sich auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland halten müsse, wie den Mindestlohn. Aber werden die auch eingehalten? "Davon gehen wir stark aus", so das Unternehmen.

Der Anbieter TIER räumte ein, die genaue Bezahlung der Arbeiter kenne man nicht, sie liege aber über dem Mindestlohn. Auch der Anbieter Voi überlässt Anstellung und Vergütung des "Flottenpersonals" seinen Subunternehmen. Das Unternehmen behalte sich aber vor, "die Verträge mit Unternehmen zu kündigen, wenn unsere Werte nicht eingehalten werden".

Auch Privatpersonen sind aktiv

Eine weitere Säule im Aufladeprozess sind Einzelpersonen, bei Lime heißen diese "Juicer". Stephan ist in Wien einer von ihnen. Das heißt, er sammelt nachts zu Fuß die leeren E-Scooter ein, lädt sie bei sich zuhause auf und stellt sie am nächsten Tag an vorgesehenen Plätzen in der Innenstadt wieder ab.

Jeder "Juicer" braucht einen Gewerbeschein, ist privat versichert. Und: Sein Gebiet ist umkämpft. Manchmal ist ein anderer Juicer schneller oder jemand will ein Gerät nochmal zum Fahren nutzen.

Vier Euro gibt es pro geladenem Scooter, wird er korrekt abgestellt. Einige "Juicer" mieten sich zum Transport noch einen Wagen. Kosten, die der "Juicer" selbst tragen muss. Was am Ende für Stephan rausspringt, darüber spricht er nicht. Viel kann es aber nicht sein. Im Netz kommentieren Nutzer: "Der Aufwand, die Roller zu besorgen, ist unverhältnismäßig für den Lohn, da kann man mit Flaschen sammeln mehr Geld machen." Die YouTuberin Hazel kommt im Selbstversuch auf 2,74 Euro pro Stunde.

Wie sieht es in München aus?

In München treffen wir abends auf einen Mann, etwa Mitte 30, der eine graue Weste der E-Scooter-Firma Voi trägt. Das Aufladen sei sein Nebenjob, er mache das seit einem Monat. Ob sich das Wachbleiben für ihn lohnt? "Es motiviert", sagt er. Was ihm an Geld übrig bleibt, sagt er nicht. Ein anderer Mann schickt uns sofort weg, er spreche kein Deutsch, wolle nichts sagen. So läuft es auch bei vielen anderen Kontaktversuchen.

Szenen, die skeptisch machen. Denn wenn alles nach festen Regeln abläuft, wieso darf dann niemand darüber reden? report München hat mehrere Verleihfirmen angefragt - über den genauen Verdienst der Scooter-Einsammler gab keine der Firmen Auskunft.

Kritik vom Umweltbundesamt

Es sind nicht nur die seltsamen Anstellungsbedingungen, die Kritiker stutzig machen. Kathrin Dzieskan vom Umweltbundesamt sieht auch nicht die von Verkehrsminister Andreas Scheuer propagierte "ökologische Mobilitätswende". E-Scooter seien eher "Wohlstandsprodukte", die nur für weiteres Gedränge auf Fuß- und Radwegen sorgen würden:

"Für eine echte Verkehrswende brauchen wir den Ausbau des Umweltverbundes, also des öffentlichen Verkehrs. Gute Fuß- und Radwege. Und der E-Scooter spielt dabei nur eine sehr kleine Rolle." Katrin Dziekan, Umweltbundesamt

Das belegt auch eine Studie aus Frankreich, wo man schon länger E-Scooter fährt. Mehr als 4.000 Nutzer wurden befragt - mit ernüchterndem Ergebnis: 30 Prozent wären ohne Roller mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, 44 Prozent wären sogar zu Fuß gegangen.